Wankende Grundfesten
Energiemaxime. «Energie ist der Grundstein unserer Wirtschaft. Ohne Zugang zu preisgünstiger und sicherer Energie kann es kein Wachstum und keine neuen Arbeitsplätze geben.» Diese Einsicht hat Mitte Woche Sarah Palin geäussert, das Idol der amerikanischen Tea-Party-Bewegung. Sie sprach damit eine Binsenweisheit von brennender Aktualität aus: Die Grundfesten der Weltwirtschaft wanken seit einigen Tagen bedrohlich. Die japanische Reaktor-Katastrophe stellt die Energieversorgung einer Menschheit zur Disposition, deren Mehrheit sich erst in den letzten Jahrzehnten aus tiefster Armut herausgearbeitet hat. Ohne Energie auch aus den derzeit 452 Atomkraftwerken weltweit wären weder westlicher Wohlstand noch das Wirtschaftswunder von China oder Indien denkbar gewesen. Ausserdem schwinden in der Ölregion Nahost die Hoffnungen auf den Übergang zu einer neuen Stabilität demokratischen Charakters.
Energiekrise. Obendrein bringt das Unglück von Fukushima die Hoffnung auf einen bequemen Weg aus der Klimakrise über einen Mix aus Atomstrom und erneuerbaren Energien ins Wanken. Nicht nur in Deutschland, sondern selbst in China rufen Verantwortliche nach einer Denkpause, nehmen Reaktoren vom Netz oder überprüfen Baupläne für neue Atommeiler. In Indien und den USA halten die Regierungen derzeit noch an ihren Vorhaben für neue Reaktoren fest. Ob dies angesichts der immer schlechteren Nachrichten aus Japan politisch auf Dauer möglich sein wird, ist ungewiss. US-Präsident Barack Obama hat seine zaghaften Anstrengungen einer grundlegenden Wende in der Klimapolitik bereits vor einiger Zeit aufgegeben. Er bevorzugt statt Emissionshandels, höherer Steuern auf Ölprodukte und schärferer Umweltauflagen für Kohlekraftwerke den Ausbau der Nuklearenergie. Doch während an der amerikanischen Pazifikküste die Jod-Pillen ausgehen, schweigt sich Obama zu der aktuellen Energiekrise aus und redet lieber über seine Tipps für die Basketballsaison.
Energiequellen. Auch Palin verliert kein Wort über Amerikas Atomkraftwerke. Sie fordert dafür einmal mehr die maximale Ausbeutung der amerikanischen Erdöl- und Erdgas-Ressourcen. Sie ignoriert, dass diese begrenzt und nur unter schweren Umweltbelastungen erschliessbar sind, von den Folgen für das Erdklima abgesehen. So wagt es Obama ebensowenig wie Palin, den Amerikanern reinen Wein einzuschenken: Die Zeit des Wachstums aufgrund «preisgünstiger und sicherer Energie» ist nun vorüber. Notwendig ist eine schmerzhafte Kehrtwende zu Energiesparen und nachhaltigen, sauberen Energiequellen. Doch selbst dies dürfte ohne Atomstrom unmöglich sein.
Energiepolitik. Dabei ist in der aktuellen Krise von Politikern Klartext gefragt. Sonst gerät das Vertrauen der Bürger in ihre Regierungen ins Wanken. Doch im Gegensatz zu Verantwortlichen in Europa und Asien hüllt sich Obama nicht nur in der Atomfrage in Schweigen, sondern auch zu den Krisen im Nahen Osten. Dort hat sich Saudi-Arabien mit seiner Bahrain-Intervention offensichtlich von seinem langjährigen Konsens mit Washington verabschiedet. Derweil gewährt Obama in Libyen Muammar Ghadhafi freie Hand, nachdem er ihm mehrfach jede Legitimität als Herrscher abgesprochen hat. Damit hat die aktuelle Energiekrise auch die Glaubwürdigkeit der USA als «unverzichtbare Nation» und Grundfeste globaler Stabilität in Turbulenzen gebracht.


