logo
18. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » March 18, 2011

Ist Israel vorbereitet?

Von Gisela Dachs, March 18, 2011
Die Katastrophe in Japan entfacht auch in Israel Diskussionen. Wäre das Land auf ein starkes Erdbeben vorbereitet, und wie sicher sind die vorhandenen Atomkraftwerke?
DAS ATOMKRAFTWERK IN DIMONA Israel plant auch nach der Katastrophe in Japan den Bau eines neuen Atomreaktors

Das Erdbeben in Japan erschütterte auch die Israeli. Die Katastrophenbilder, die in den vielen – sonst eher seltenen – Sondernachrichtensendungen aus dem Ausland über die Bildschirme flimmerten, hatten unweigerlich eine Doppelwirkung. Sie zeigten nicht nur das katastrophale Ausmass an Zerstörung im Fernen Osten, sondern verwiesen auch auf das Gefahrenpotenzial, das zu Hause lauert. Es sei nur eine Frage der Zeit, warnen Experten schon lange unisono, bis Israel von einem Erdbeben betroffen sein würde.
Es ist sicher kein Zufall, dass im Fernsehen ausführlich darüber berichtet wurde, wie in Japan Kinder schon von klein an für den Ernstfall gedrillt werden, wie es regelmässige Übungen gibt und Familien dazu angehalten sind (und es auch alle ausnahmslos tun), immer einen Notvorrat an Essen und Grundausrüstung zu Hause bereit zu haben. Eine Routine, die es in Israel nicht gibt – noch nicht. Aber die Ereignisse in Japan haben das Thema unweigerlich auf die Tagesordnung gesetzt. Nicht nur weil schon die Bibel ausführlich davor warnt, dass ein enormes Erdbeben das Land Israel erschüttern und grosse Zerstörungen anrichten werde.



Vorhandene Mängel

Wie realistisch aber ist die Sorge? Starke Erdbeben ereigneten sich in der hiesigen Region ungefähr einmal in 100 Jahren, sagt der Geologieprofessor Ron Avni von der Ben-Gurion-Universität. Das letzte Mal geschah dies in Israel 1927. Er glaubt zwar, dass Israel heute durchaus besser vorbereitet sei als vor einer Dekade. So waren etwa im Jahr 1980 Richtlinien festgelegt worden, die stabilere Strukturen für neu gebaute Häuser forderten. Aber wenn ein Land wie Japan – das wie kein anderes auf so ein Szenario vorbereitet war – so von den Ereignissen überrascht werden konnte, geht die Logik, müsste Israel (das gerade erst das Fiasko der Waldbrände im Carmel-Gebirge überstanden hat) mehr als genug Anlass zur Sorge haben.
Diese Logik wiederum ist nicht völlig neu. Im November 2007 beklagte der Abgeordnete Jamal Zahalka in einer einminütigen Rede in der Knesset die fehlende Vorbereitung in Israel für den Fall eines Erdbebens. Daraufhin wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission eingesetzt, die zu bestürzenden Schlussfolgerungen kam: demnach entsprechen fast die Hälfte aller Schulen nicht den erst 1980 eingeführten Standards. Das bedeutet, dass rund eine Million Kinder in Gebäuden unterrichtet wird, die als leicht erschütterbar gelten. Kollabieren würden auch ganze Abteilungen in vier Krankenhäusern im Norden des Landes, ebenso wie Gefängnisse und Polizeistationen, die in historischen Gebäuden untergebracht sind.

Tsunami nicht ausgeschlossen

Nach einer jüngsten Studie der Hebräischen Universität Jerusalem lässt sich auch die Gefahr eines Tsunami in Israel nicht völlig ausschliessen. Die Wellen könnten im schlimmsten Fall die nördlichen Küstenstädte erreichen und etwa bis zu einem Viertel von Haifa überschwemmen. Auch ein Zehntel von Tel Aviv könnte dabei gewaltsam mitgerissen werden. Experten zählen in den vergangenen 2000 Jahren rund zehn Tsunamis – wovon sich nur einer im 20. Jahrhundert ereignete: 1956 traf nach einem Erdbeben im Ägäischen Meer ein Tsunami den Hafen von Yafo.
«Japan war in vieler Hinsicht zumindest auf das Erdbeben vorbereitet gewesen», sagt Uri Friedländer vom Geopolitischen Institut in Israel, «das konnte man an der Stabilität der Gebäude erkennen und daran, dass der Grossteil der Schäden vom Tsunami angerichtet wurde.» Doch was für die Häuser galt, die immerhin einer Erschütterung von 8,9 auf der Richterskala trotzten, liess sich nicht auf die beschädigten Atomanlagen übertragen.

Atomare Gefahr?

Wie sicher aber sind die israelischen Reaktoren? Die Atomanlage in der Wüstenstadt Dimona wurde in den fünfziger Jahren gebaut. Damals sei nicht bekannt gewesen, warnt Geologe Ron Avni, «was wir heute über Geologie und Erdbeben wissen». Experten hätten zwar schon
gewusst, dass die Region zu den Risikozonen gehört, aber nicht in welchem Ausmass. Das habe sich erst später herausgestellt. Ob der Reaktor dort stabil genug sei oder inzwischen stabiler gemacht wurde, sei eine Frage, auf die er keine Antwort habe. Immerhin tröstet man sich damit, dass ein Erdbeben in jenem Ausmass, wie es nun Japan überraschte, in Israel höchst unwahrscheinlich sei.
Israels Reaktoren seien 100-mal kleiner als die japanischen, was auch die Kühlsysteme viel weniger belaste, erklärt der Leiter der Sicherheitsabteilung für Atomenergie, Ishay Levanon. In jedem Fall würden die Lehren aus der japanischen Katastrophe in den Bau jedes künftigen Projekts mit integriert werden.
An den Plänen, einen neuen Atomreaktor in der Shivta-Region in der Negev-Wüste zu errichten, hat die jüngste Katastrophe in Japan erst einmal nichts geändert. Zu einer echten Diskussion über alternative, erneuerbare Energien ist es bisher noch nicht gekommen. Immerhin aber ist auf diesem Gebiet schon länger ein vorsichtiges Umdenken zu verzeichnen. So hat die israelische Regierung  beschlossen, dass bis zum Jahr 2020 zehn Prozent der gesamten Stromproduktion erneuerbar sein sollen. (Der EU-Standard liegt bei 20 Prozent). Und die erste kommerzielle Solaranlage südwestlich vom Kibbuz Ketura, 50 Kilometer nördlich von Eilat, soll bereits im nächsten Monat in Betrieb genommen werden. Vertraglich legte sich das Jerusalemer Infrastrukturministerium bereits fest, 20 Jahre lang den dort künftig produzierten Solarstrom zu einem Preis von 250 Millionen Schekel abzunehmen.   



» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...

Nach dem Massaker
March 18, 2011