Gespräch mit den «älteren Brüdern»
Kommenden Sonntag, am 20. März, zelebriert die römisch-katholische Kirche der Schweiz erstmals den «Dies iudaicus». Der «Jüdische Tag» soll, so ist in den katholischen Begleittexten zu lesen, daran erinnern, «was das Judentum in Vergangenheit und Gegenwart für uns und für unseren christlichen Glauben bedeutet». Damit soll in die Gemeindebasis des Katholizismus fliessen, was auf institutioneller Ebene vor 45 Jahren seinen Anfang nahm: Die Verbundenheit der Kirche mit ihren «älteren Brüdern», den Juden.
Im Oktober 1965 erschien im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu Rom die Erklärung «Nostra Aetate», in der die römisch-katholische Kirche ihren jahrhundertealten theologisch untermauerten Antijudaismus zugunsten des «geschwisterlichen Gesprächs» zwischen den beiden Religionen aufgab. Der Dies iudaicus, der in ähnlicher Form bereits in anderen europäischen Ländern existiert, ist ein später Ausdruck dieses Kurswechsels – mit dem Segen aus Rom: Empfohlen wurde diese Einrichtung von der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, die Schweizer Bischofskonferenz ist diesem Entschluss gefolgt. Nun ist er Aufgabe der Bistümer und Pfarreien.
Das Vorhaben ist insofern erstaunlich, da seit Längerem mehrere Foren für den interreligiösen Dialog der Schweiz wie der Rat der Religionen oder Zelt Abrahams existieren, in denen sich Judentum und katholische Kirche – unter Einbezug anderer Religionen – zwecks Austausch und gegenseitiger Respektbezeugung treffen. Die Absicht des Dies iudaicus ist jedoch eine andere; seinen Ursprung nahm er in der Jüdisch-Römisch-katholischen Gesprächskommission (JRGK) unter dem Dach des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern, die sich seit mehreren Jahren zum Austausch trifft. Verena Lenzen, Institutsleiterin und Co-Präsidentin der JRGK, sagt: «Dieses Anliegen hegen wir seit Längerem: nicht einfach ein Gedenktag oder Themensonntag zum Judentum innerhalb der katholischen Kirche, sondern eine Demonstration der Verbundenheit». Zu diesem Zweck hat Lenzen ein Merkblatt liturgischer Hilfen verfasst, das die Bistümer an ihre Pfarreien weiterleiten sollen. Anhand dieses Merkblatts wird deutlich, wie die besagte Verbundenheit ausgedrückt werden soll: mit Predigttexten, die sich auf die fünf Bücher Moses und somit auf die Wurzeln des Christentums im Judentum beziehen, mit Lesungen über «den Alten und den Neuen Bund», mit gemeinsamen Psalmen und mit Evangelientexten, die auf die Propheten Moses und Elija rekurrieren.
Es geht also um die Inhalte des Gottesdienstes. Lenzen erhofft sich darüber hinaus jedoch einen Lerneffekt bei den Kirchgängern: «Die Absicht ist, die Ebene der akademischen Theologie zu verlassen und bei den Hörern, der Gemeinde anzukommen. Die Verbundenheit mit dem Judentum wurde im Zweiten Vatikanum begründet. Nun geht es darum, sie auch an der Basis zu verankern.»
Fragliche Nachhaltigkeit
Michel Bollag vom Zürcher Lehrhaus ist ebenfalls Mitglied in der Gesprächskommission. Er begrüsst das Vorhaben, «jede Form von Austausch und Begegnung ist hilfreich», zurückhaltend äussert er sich jedoch über die Nachhaltigkeit: «Die Empfehlung der Bischofskonferenz ist nicht bindend, die Pfarreien sind autonom. Ich denke, es gibt einige Seelsorger, denen das Thema im Vorfeld von Ostern zu wenig bedeutsam ist oder die sich damit schlicht zu wenig auskennen.» Man müsse danach eine Bilanz ziehen und die Ergebnisse auswerten, «ich meine jedoch, dass eine blosse Aufnahme der jüdisch-christlichen Verbundenheit in die Liturgie einen geringen Effekt auf die Kirchgänger haben wird, weil viele Pfarreimitglieder der Kirche fernbleiben.» Bollag erhofft sich für die Zukunft, sollte der Dies iudaicus eine Wiederholung finden, begleitende Informations- und Begegnungsveranstaltungen der Kirchgemeinden unter Beteiligung jüdischer Vertreter. «In einigen ist die Einstellung gegenüber dem Judentum grundsätzlich positiv, aber das Wissen ist allgemein gering, auch wenn es sich in den letzten Jahren gebessert hat.»
Globale Herausforderung
Eine Ebene höher wird am jüdisch-katholischen Verhältnis konstant gearbeitet: In Paris tagte zu Monatsbeginn die internationale Jüdisch-Römisch-katholische Gesprächskommission, die seit 40 Jahren alle zwei Jahre zusammenkommt. Dabei war der Schweizer Christian Rutishauser, Jesuit und Leiter der interreligiösen Bildungsinstitution Lassalle-Haus im Kanton Zug. Das Treffen sah eine Standortbestimmung des Dialogs vor, wobei auch Themen wie die 2007 wiedereingeführte Karfreitagsfürbitte, die das Gebot der «Judenmission» beinhaltet, oder die 2009 aufgehobene Exkommunikation von Richard Williamson, einem Priester der erzkonservativen PiusBruderschaft, der mehrmals als Holocaust-Leugner hervorgetreten war, zur Sprache kamen, die das jüdisch-katholische Verhältnis in den vergangenen Jahren störten. Rutishauser betont jedoch rückblickend, dass «der Schritt innerhalb einer Generation vom theologischen Antijudaismus hin zu einer geschwisterlichen Verbundenheit zwischen Judentum und Christentum eine äusserst positive und unumkehrbare Entwicklung» sei. Der Fortgang dieser Entwicklung sei in Paris ein bestimmendes Thema gewesen, «einerseits stellt sich die Frage an beide Seiten, wie dieser Beziehungswandel an nächste Generationen, die nicht mehr unmittelbar durch die Schoah aufgerüttelt sind», vermittelt werden könnte. Für die römisch-katholische Kirche sei diese Herausforderung andererseits zusätzlich bedeutsam, «da ihre grössten Teile sich in Asien, Afrika und Südamerika befinden – in Regionen, in denen das Judentum nur als Nebenthema erscheint. Es muss vermittelt werden, dass auch da die Beziehung zu ihm für die christliche Identität konstitutiv ist».


