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18. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » March 18, 2011

Eine kopernikanische Wende

Aner Shalev zur Lage in Israel, March 18, 2011

In einem Interview aus Anlass seines Besuchs an der Internationalen Buchmesse in Jerusalem sprach Umberto Eco über die Frage, warum die Beliebtheit der «Protokolle der Weisen von Zion» nicht nachliess, nicht einmal nachdem das Werk als Fälschung überführt worden war. Er zitierte eine der führenden Personen der Geheimpolizei im zaristischen Russland. Um die Massen zum Schweigen zu bringen, so sagte der Mann, muss man ihnen Objekte des Hasses liefern. Hass ist, so meinte Eco, die Kraft, welche die Welt antreibe. Die Entdeckung, dass es sich bei den «Protokollen» um eine Fälschung handelte, verblasse neben dem Bedarf an Hass. Effektiv habe die Popularität des Textes sogar noch zugenommen.



Einige Tage vor dem Beginn der Demonstrationen in Libyen rief Muammar Ghadhafi palästinensische Flüchtlinge auf, ein Schiff zu besteigen und nach Israel zu segeln. Er hatte das Gefühl, die sich über den Nahen Osten ausbreitenden Unruhen befänden sich auch auf dem Weg zu ihm. In letzter Minute versuchte er deshalb, die Proteste gegen Israel neu zu kanalisieren und den libyschen Massen ein Hassobjekt zu geben, um sie so zu beruhigen. Aber anstatt einen Sturm beobachten zu können, der gegen die Gestade von Israel wehte, musste Ghadhafi mit ansehen, wie ein Sturm nun sein eigenes Land erfasste.

Während Jahrzehnten diente das Feindbild Israel als Instrument der Kontrolle und der Unterdrückung in der Hand zahlloser Führer der arabischen Welt. Das Schüren von Hasses gegen und Angst vor Israel ist ein effizientes Mittel, um divergierende und rivalisierende Gruppen zu einen und diktatorische Regimes zu errichten. Beinahe könnte man sagen, dass Israel, würde es nicht schon existieren, zu diesem Zweck hätte erfunden werden müssen.

Darüber hinaus dient das ungelöste Palästinenserproblem vielen Ländern der Region, Israel eingeschlossen, als Vorwand, um der Lösung akuter Probleme in Bereichen wie Armut oder der Frage nach dem Status von Religion und individueller Freiheit aus dem Wege zu gehen. Das Ausrufen eines nationalen Notstands angesichts eines externen Feindes dient als Schlupfloch, um vor einheimischen, nach einer Lösung schreienden Problemen zu flüchten. Der Hass gegen ein Regime, das die Nöte des Volkes ignoriert oder diese gar noch vertieft, ist ersetzt worden durch den Hass gegen den Anderen – ein viel verlässlicherer Hass; so konnte der Status quo bewahrt werden.

Diese Ära gehört aber der Vergangenheit an. Und dies ist eine der wichtigsten Botschaften der Demonstrationen und Revolutionen dieses Frühjahrs im Nahen Osten: Protest und Hass von Tunesien bis Iran richten sich nicht mehr nach aussen, sondern nach innen, direkt gegen die unterdrückerischen Herrscher. In den letzten Tagen, als er sah, dass die israelische Karte enttäuschte, versuchte Ghadhafi es mit einer anderen, der Angst vor al-Qaida, doch auch dieser Trumpf stach nicht.

Mit der Begründung, die muslimische und die arabische Welt seien nicht reif für die Demokratie, und die Demokratie würde effektiv die Feindseligkeit gegen Israel noch verstärken, reagieren viele Israeli mit Verdacht und Misstrauen. Das ist eine arrogante und egozentrische Betrachtungsweise, die davon ausgeht, dass sich der ganze Nahe Osten um Israel drehe, genauso wie Tausende von Jahren die Ansicht dominiert hatte, der Planet Erde sei das Zentrum des Sonnensystems. Effektiv bewies Kopernikus 1514, dass sich nicht die Sonne um die Erde dreht, sondern umgekehrt.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen sagen eine kopernikanische Wende im Nahen Osten voraus: Es stellt sich heraus, dass sich Israel nicht in dessen Zentrum befindet und dass die gewaltigen, von den betroffenen Massen manifestierten Energien in keinerlei Zusammenhang mit dem Staat stehen. Die kürzlich von Wikileaks enthüllten Dokumente bestätigen diese kopernikanische Wende ebenfalls.

Es ist an der Zeit, dass wir unsere geo- und egozentrischen Brillen absetzen. Es ist erlaubt, eine moralische Position einzunehmen, wenn unterdrückerische Regimes zusammenbrechen. Es ist erlaubt, Massen zu bewundern, die angesichts von Tanks, Kriegsschiffen und Flugzeugen auf die Strassen gehen, wenn dabei Tausende von Menschen getötet werden.

Die neuen Führer des Nahen Ostens, wer auch immer sie sein mögen, werden sich wahrscheinlich an die Kraft des Willens und des Zorns des Volks erinnern und werden nicht übereilt zu den alten Taktiken von Hass und Unterdrückung zurückkehren. Und im Gegensatz zu den Prognosen der Experten wird in einem solchen Nahen Osten ein auf zwei Staaten für zwei Völker basierender israelisch-palästinensischer Frieden auch eine bessere Chance haben.   


Aner Shalev ist Mathematikprofessor an der Hebräischen Universität von Jerusalem und Schriftsteller.



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