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18. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » March 18, 2011

«Den Stecker ziehen»

Von Gisela Blau, March 18, 2011
Die Ereignisse in Japan verursachten eine ruckartige Zäsur in der Schweizer Energiedebatte. Fachleute äussern ihre Gedanken über die Katastrophe und die Atomenergie.

In der öffentlichen Wahrnehmung begann das Atomzeitalter 1945 in Japan. Mit dem Abwurf von zwei Atombomben zwangen die USA das kriegführende Japan zur Kapitulation, mit fürchterlichen Konsequenzen für die Bevölkerung von Hiroshima und Nagasaki. Im März 2011 glauben viele Menschen das Ende des Atomzeitalters gekommen, wegen einer zivilen Katastrophe in Japan. Nicht das Ende, aber einen Marschhalt orten Fachleute, mit denen tachles sprach.
Mit einem Knall begann in der Schweiz das Atomzeitalter: Beim Hochfahren explodierte 1969 bei Lucens der unterirdische Versuchsreaktor. Es gab einer Kernschmelze; dank der Kaverne gelangte keine Radioaktivität in die Aussenwelt, es kam niemand zu Schaden. Im gleichen Jahr ging das Atomkraftwerk (AKW) Beznau I ans Netz, 1972 waren es Beznau II und Mühleberg, 1979 Gösgen als erstes 1000-Megawatt-AKW, 1984 Leibstadt. 1990 stimmte das Stimmvolk für ein zehnjähriges AKW-Baumoratorium. 2008 wurden Gesuche für den Bau von Ersatz-AKW eingereicht, denn 2020 bis 2045 müssen die bestehenden fünf vom Netz. Drei Kantonsverfassungen (Genf und beide Basel) verbieten den Bau von AKW und den Gebrauch von Atomstrom. Mit hohem Ja stimmten die Städte St. Gallen und Zürich für den Atomausstieg bis 2050, die Stadt Bern will dies bis zum Jahr 2039 tun. Energie aus Kernspaltung spaltet die Meinungen.



«Wir stehen erst am Anfang»

Was in Japan passiert, ist tragisch, sagt Arthur Braunschweig, Fachperson für Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement. «Wer jetzt überrascht reagiert, hat vorher das Restrisiko der Atomtechnologie ausgeblendet. Alle paar Jahre gab es bereits Unfälle in einem Atomreaktor, mit unterschiedlichen Auswirkungen. Einer der ersten Unglücksfälle geschah in der Schweiz. Nach jedem Vorfall ändert sich die öffentliche Meinung. Dann wird das Risiko wieder vergessen.
Atomenergie ist in meinen Augen unnötig. Wir benützen sie nur, weil Energie zu billig ist und wir deshalb Energie vergeuden. Würde die Energie teurer, würden wir automatisch effizientere Häuser, Autos und Beleuchtungen konstruieren, sodass die Atomenergie gar nicht mehr nötig wäre. Erneuerbare Energien müssen an Bedeutung gewinnen, aber entscheidend ist es, den Verbrauch zu senken. Denn auch erneuerbare Energien sind ökologisch nicht folgenlos.
Die politischen Wirkungen dieser schlimmen Störfälle hängen davon ab, was sonst noch in der Welt passiert. Das schwere Beben und der folgende Tsunami sind für Japan grauenhaft. Aber diese Naturkatastrophe ist auch ein Schlag für die Oppositionen in Nordafrika, denn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist seit dem 11. März stark zurückgegangen. Und so wissen wir heute nicht, wie sich zum Beispiel die Währungssituation und im Gefolge die globale Wirtschaft entwickeln werden. Vermutlich werden sich die Folgen des Desasters von Japan noch auf ganz anderen Ebenen auswirken. Wir stehen erst am Anfang.»

«Erinnerung des Himmels»

Ein grosses Problem unserer technologiebasierten Gesellschaft ist ihre Komplexität, ist der Zürcher Trendforscher Moshe Rappoport überzeugt: «Viele Systeme hängen zusammen, und es ist beinahe unmöglich, sämtliche Auswirkungen und Veränderungen im Voraus zu sehen. Versucht man andererseits, von vorneherein alle möglichen Konsequenzen zu erkennen, können dadurch viele gute Ideen im Keim blockiert werden.
Die Schweiz hat schon am Montag den Stecker gezogen und die Bewilligungsverfahren für neue AKW sistiert. Dieser Marschhalt ist notwendig. Nach solchen Vorfällen müssen wir über die Bücher gehen und die Zusammenhänge zu verstehen suchen. Eine längerfristige, viel versprechende Lösung wäre die Solarenergie, doch hier wurde und wird zu wenig getan, weil sie noch nicht rentabel ist. Doch wir müssen die Erforschung alternativer Energien vorantreiben, denn am Ende sind sie vielleicht sinnvoller.
Im Judentum ist man gehalten, aus jedem Ereignis etwas Positives herauszuholen. Wir dürfen so einen Vorfall nicht einfach über uns ergehen lassen, sondern wir müssen uns Gedanken machen, was er bedeutet. Sicher ist er eine himmlische Erinnerung. Auch nicht jüdische Kollegen sagten sofort: «Der da oben hat sich wieder einmal gemeldet.»

«Ich laufe nicht davon»

Michael Kohn galt und gilt als der Schweizer «Energiepapst». Er war Verfasser der Gesamtenergiekonzeption, leitete Ener­giekon­zerne und war unter anderem Erbauer des Atomkraftwerks Gösgen. Er sagt, er werde nicht davonlaufen, obwohl jetzt vielerorts das «Ende des Atomzeitalters» beschworen werde: «Ich wende ich mich nicht von einem Teil meines Lebenswerks ab. Man läuft nicht einfach davon. Zuerst will ich hören, was geschah und was noch kommt, es gibt immer noch neue Nachrichten aus Japan, positive und negative. Ich telefonierte mit den wichtigsten Gremien in Frankreich, Deutschland und den USA. Sie alle bestärkten mich darin, jetzt nicht aufzugeben. Diese Fachleute geben auch nicht auf, sondern warten, bis sie alle Unterlagen bekommen, und dann wollen sie entscheiden, was weiter geschehen soll.
Ich war nicht nur der Nuklearpapst, sondern der Energiepapst der Schweiz. Deshalb kann ich jetzt nicht einfach der Kernenergie abschwören. Es braucht ein Konzept für die Versorgung der Schweiz ohne Kernenergie, mit Wind, Gas, Öl oder Sonne. Ausserdem würde ein sofortiger Ausstieg 20 Milliarden Franken kosten. Wer zahlt das? So wenige Tage nach dem Ereignis in Fukushima ist es noch zu früh zu entscheiden, ob Aufgeben oder Durchziehen angesagt ist. Dazu benötigen wir eine Analyse. Ich warte auf die Diskussion und will zuhören, was andere Menschen um mich herum sagen, Kraftwerkspezialisten und Politiker.»

«Noch immer sicher»

Gabriela Winkler, Kommunikationsunternehmerin, Zürcher FDP-Kantonsrätin, war 12 Jahre Mitglied der Eidgenössischen Kommission für AC-Schutz. Das Atomzeitalter ist nicht vorbei, da ist sie ganz sicher: «Wir brauchen eine bestimmte Grundlast an Strom, der jederzeit zur Verfügung steht. Laufkraftwerke und Kenenergie decken sie, Wind und Sonne sind nicht rund um die Uhr verfügbar, die Geothermie ist vielleicht in 20 Jahren bereit. Was realistischerweise bleibt, ist Gas, Erdöl und Uran. Vergleiche von Fukushima mit der Schweiz sind falsch. Unsere AKW sind noch immer sicher. Jedes ist ausgelegt auf Kernschmelze und besitzt Sicherheiten für Beben bis zu einer Magnitude 7. Wir sind ein Binnenland ohne die Gefahr eines Tsunami, und Beben der Grössenordnung 9 traten auch in Japan erstmals auf. Es gibt kein Nullrisiko. Kleinere Ereignisse gab es immer, aber meist im nicht nuklearen Teil.
Ein Teil von Japan sieht jetzt aus wie ein zerbombtes Land. Angesichts der vielen tausend Toten sollten wir in der Schweiz kein unnötiges Theater veranstalten, sondern die Ruhe bewahren, denn bei uns hat sich nichts geändert. Ich hätte es darum besser gefunden, wenn Bundesrätin Doris Leuthard vor ihrem Entscheid, die Bewilligungsverfahren für neue AKW auszusetzen, die Erkenntnisse aus Japan abgewartet hätte.»  



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