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18. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » March 18, 2011

«Bruun isch schygg!»

Von Daniel Zuber, March 18, 2011
Bissige Sprüche und Sujets wie «Due mi syyloo, Pater mio», oder «Bruun isch schygg» machten diese Woche die Stadt Basel zu einer Bühne, auf der die kritisch-ironische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen zelebriert wurde.
«NYT STUDIERE – NUR MARSCHIERE» Die «Rhygwäggi» thematisieren den Rechtsrutsch in Europa

Ein Bild des Papstes Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, mit einem Kleinkind an der Seite. Dazu der zynische Spruch: «Wotsch Du Di vo Sünde reinige? Könne mir ys flaischlig ainige». Das zeigt die Laterne der jungen Garde der Clique «Olymper». Heikle Themen wie der Kindesmissbrauch durch den Klerus wurden an der diesjährigen Fasnacht nicht gescheut. Zehntausende beobachteten an den Routen die Darbietungen der etwa 12 000 aktiven Fasnächtler in Basel. Auffallend am diesjährigen Spektakel war die sehr grosse Sujet-Vielfalt. Um die 100 verschiedene Themen wurden laut Comité-Obmann Christoph Bürgin künstlerisch verarbeitet. Das Themenspektrum reichte von der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko über die Geschlechterrollen von Mann und Frau bis hin zur Politik im Bundeshaus, dem 550-Jahr-Jubiläum der Universität Basel oder den Umstellungen bei der «Basler Zeitung».



Thema Rechtsrutsch

Ein dominantes Thema, wie dies 2010 der Diktator Muammar Ghadhafi stellte, fehlte am diesjährigen Umzug. Die Basler Fasnacht zeigte sich jedoch traditionsgemäss politisch und sehr kritisch. Besonders pointiert thematisierte etwa der Stamm der Clique «Rhygwäggi» den Rechtsrutsch in Europa. Unter dem Sujet «Bruun isch schygg! Nyt studiere – nur marschiere», mahnen die «Rhygwäggi» vor «erschreckenden Parallelen zum Europa der dreissiger Jahre», wie es in ihrer Sujet-Erläuterung heisst. Während Nicolas Sarkozy Roma deportieren lasse, Silvio Berlusconi, «der alternde Alleinherrscher», wie ihn die «Rhygwäggi» nennen, Einwanderer und Flüchtlinge gnadenlos zurückschicke und die Niederlande und Belgien einen Rechtsrutsch im Parlament erlebten, mache die drittgrösste Partei Ungarns Stimmung gegen «Zigeuner, Juden und ausländisches Kapital». Die Schweiz erlebe derweil mit, wie «Rechtsextreme so lange Ängste schüren, bis Minarette verboten und Migranten automatisch ausgeschafft werden», heisst es auf besagter Erläuterung. «Drum halt drgeege und zaig Muet – bivoor Europa wiider brenne duet», so die Schlussfolgerung der Clique. Umgesetzt wurde das Sujet mit Kostümen und Larven, welche an die Nazis erinnern sollen (siehe Bild). Auch die Sprüche auf den «Zeedeln», welche jede Clique am Umzug verteilt, sind sehr bissig.

Pointierte Verse und Sujets

«D Haimed muess verdaidigt wärde vor em kulturell Verdärbe: Vor Zigyyner, Asylante, Balkan-IV-Simulante, vor Schwuule, vor de Diirgge, wo nyt als Eerger dien bewirgge. D Jude und au d Muselmaane, die gheere alli nid do aane!», heisst es zynisch auf dem Zettel der «Rhygwäggi». Die Clique schliesst mit folgendem Appell: «Me kaa saage ‹nid so schlimm, s isch jo nur e glaine Dail, wo Bleedsinn uuse loot›. Doch vor eppe sibzig Joor hett sich s bees und dytlig zaigt, dass sone ‹Laisser faire› denn no schnäll in d Hoose goot.»
Als schwarzer Block marschierten die «Alte Stainlemer» auf und verschiedentlich waren Burka-Trägerinnen zu sehen. So etwa bei der «Spinner Clique» mit dem Sujet «Heil Dir Helvetia – zie jetz e Burka aa» (siehe Bild), oder bei der «Breo-Clique», welche das Sujet «Burkamiseria» wählten. 

«Urbi et Masturbi»

Kein Blatt vor den Mund wurde auch beim Thema Kindesmissbrauch und Klerus genommen. Die junge Garde der «Olymper» schrieb dazu: «Due my syyloo – Pater mio». Auch die alte Garde der «Rhygwäggi» liess sich über die Kleriker aus und brachte die heikle Angelegenheit wie folgt auf den Nenner: «Heile, heile Sääge. Dr Pfaff isch by mer glääge!» Und auf dem Zettel der Clique ist zu lesen: «Drumm bätte mir zem liebe Gott: Bitte schryb en elfts Gebott: ‹Du sollst nicht nach dem Morgenschoppen, deine Minischtranten poppen!›» Der Stamm der «Gundeli» verarbeitete das Thema mit dem Sujet «Urbi et Masturbi»: «Y ghee-­re-ne Gleggli, das lyttet so nätt. Singe d Kinder so gärn als Nachtgebätt. Fir vyyli hett das Gloggelytte aber ganz e-n-andri Sytte ...», heisst es auf dem Zettel der Clique.
Die Narrenfreiheit an der Basler Fasnacht hatte stets eine gewisse Ventilfunktion. Die Sujets und Sprüche halten dem Zeitgeschehen jeweils einen ironisch-kritischen Spiegel vor. So auch am diesjährigen Umzug. Die Befürchtung, der kritische Geist der Fasnacht könnte aufgrund der vermehrten Präsenz auch internationaler Medien an den drei schönsten Tagen der Basler allmählich der Selbstzensur zum Opfer fallen, scheint sich vorerst nicht zu bewahrheiten. Die Fasnacht zeigte sich vielseitig, politisch, kritisch und ironisch wie eh und je.    



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