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März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 3 Ausgabe: Nr. 3 » March 7, 2011

Vom Ghetto zum Glamour

Von Johanna Neuman, March 7, 2011
Familiensinn, Innovation und Mut zum Risiko – die Erfolgsgeschichte der amerikanischen Juden in der Modebranche geht weit zurück.
MODESCHÖPFER RALPH LAUREN Sein Erfolg hängt sicher auch mit der Kindheit in einem Immigrantenhaushalt zusammen

Sein Vater war Anstreicher und wäre lieber Künstler geworden. Seine Mutter Frieda bestand darauf, dass Ralph Rueben Lifshitz und seine drei Brüder an einer Jeschiwa lernten, um ihr «naches» zu bringen, jüdischen Segen. Doch Ralph hatte andere Ideen. 1939 in der Bronx geboren, fiel er schon als Teenager durch sein Stilempfinden auf. Während andere Lederjacken trugen, sparte Ralph seinen Verdienst aus Jobs nach der Schule für Oxford-Hemden, Pullover mit rundem «Crew neck»-Ausschnitt und weisse Turnschuhe mit hohem Schaft. Fand er keine Kleidung nach seinen Vorstellungen, machte er eigene Entwürfe. Seinem Vater gefiel Ralphs Gespür für Farbe und Textur. Er unterstützte ihn, als Ralph – der sich inzwischen den Nachnamen Lauren gegeben hatte – 1968 seine eigene Modefirma gründete. Deren Name Polo sollte die Macht und die Eleganz widerspiegeln, für die der elitäre Sport steht.
Heute ist Lauren als Herr eines globalen Imperiums nicht nur in der Mode allgegenwärtig. Parfüm, Inneneinrichtung und sogar Wandfarben tragen die Marke Polo mit ihrem Mix aus zwanglosem Komfort amerikanischer Prägung und britischer Noblesse. Auch Lauren selbst hat sich seinem Markenprofil und den Gepflogenheiten des «WASP»-Establishments (den weissen, angelsächsischen Protestanten) angepasst. Der Designer sammelt antike Automobile und hat als Philanthrop seinen Patriotismus etwa durch seine Hilfe bei der Restaurierung eines historisch wertvollen Sternenbanners bewiesen.



Wachsende Modebranche

Die Eltern von Ralph Lauren waren aus Weissrussland eingewandert. Sein Erfolg dürfte zumindest teilweise mit seiner Kindheit in einem Immigrantenhaushalt zu erklären sein. Die Chefredaktorin des jüdischen Magazins «Tablet», Alana Newhouse, sagt: «Als Aussenseiter konnte Lauren die WASP-Kultur als System erfassen und aus ihr eine Fantasiewelt schöpfen.» Wie Calvin Klein, Donna Karan, Isaac Mizrahi und andere jüdische Designer steht Lauren aber auch in der Schuld der Generationen von Juden, die überall in Europa Kleidung hergestellt und vertrieben haben – und in der Regel ihr Leben lang keinen Fuss auf englische Landsitze, Jachten oder Poloplätze gesetzt haben. In Europa standen Juden nur wenige Berufe offen. Meist vom Landbesitz ausgeschlossen, mussten sie ihren Lebensunterhalt als Händler oder Schneider gewinnen. Dabei konnten sie Fähigkeiten erwerben, die ihnen in der Neuen Welt zugute kamen.
Als osteuropäische Juden um 1900 in grosser Zahl in den USA eintrafen, erlebte die Kleidungsbranche mit der Einführung von Nähmaschinen gerade eine Revolution. Gleichzeitig schuf der demografische Wandel mit dem rasanten Wachstum der amerikanischen Städte grosse Märkte für Kleidung von der Stange, die in Kaufhäusern oder über den Katalog von Sears & Roebuck vertrieben wurde. So entstand in New York, Philadelphia, Boston, Baltimore und in anderen Städten eine Textilindustrie, die zahlreiche jüdische Immigranten beschäftigte. Wie die Modehistorikerin Valerie Steele vom Fashion Institute of Technology in New York erklärt, entdeckten «die in urbanen Zentren lebenden und historisch zum Unternehmertum getriebenen Juden Mode als ein ideales Betätigungsfeld».
Diese Entwicklung stellt nichts weniger als einen historischen Paradigmenwechsel dar. So schreibt Malcolm Gladwell in seinem Bestseller «Outliers. The Story of Success», dass die jüdischen Immigranten damals die für die Erfordernisse der Zeit passenden Fähigkeiten mitbrachten: «Wer in den 1890er-Jahren mit Erfahrung in der Kleiderherstellung, im Nähen oder im Schnittwaren-Handel nach New York kam, hatte ausserordentliches Glück. Das lässt sich mit jemandem vergleichen, der 1986 mit Zehntausenden von Stunden Erfahrung bei der Programmierung von Computern im Silicon Valley auftauchte.» Jüdische Einwanderer brachten zusätzliche Vorteile mit. Sie waren darin begabt, sich selbst neu zu erfinden, und sie hatten aus Jahrhunderten der Existenz in nicht jüdischen Gesellschaften ein Gespür für den Zeitgeist entwickelt. Dies liess sie Chancen erkennen, speziell im Modemarkt der USA, deren Gesellschaft wie kaum eine andere auf Kleidung Wert legte. So schufen Juden Modetrends, die nicht ihrem eigenen Hintergrund, sondern ihrem Instinkt für das Selbstverständnis der Amerikaner entsprachen.
Dafür stehen Namen wie Jacob Youphes. Er traf 1854 mit grossen Hoffnungen aus Litauen in Amerika ein. Youphes änderte seinen Namen zu Jacob W. Davis und investierte auf seinen Reisen durch die Neue Welt in Brauereien, Kohle, Tabak und Schweinezucht. Auch als Goldgräber versuchte er sich. Doch als er mit 40 eine Frau und sechs Kinder zu versorgen hatte, sah er sich gezwungen, sich auf den traditionellen Schneiderberuf zurückzubesinnen. Die Entscheidung erwies sich als Glücksfall, als ihn eine Kundin im Jahr 1871 bat, eine feste Hose für ihren schwergewichtigen Gatten zu schneidern. Davis nahm ein schweres, blaues Baumwolltuch und nähte Kupfernieten in die Taschen – die erste «501 Jeans» von Levi Strauss war geboren..
Die Erfindung der Blue Jeans war einer der ersten jüdischen Erfolge in der amerikanischen Kleidungsbranche. Obwohl zunächst vorwiegend in New York angesiedelt, eröffneten jüdische Kaufleute bald überall in den USA Textilgeschäfte, die gute Voraussetzungen für eine Expansion in andere Bereich der Textilindustrie boten. So gewannen die Gebrüder Fechheimer in Cincinnati, Söhne und Enkel von Hausierern in Deutschland, im amerikanischen Bürgerkrieg einen Auftrag der Unionsarmee für die Herstellung von Uniformen in normierten Grössen. Heute im Besitz von Warren Buffett, stellt das Unternehmen weiterhin Uniformen für Polizisten, Feuerwehrleute, Postbedienstete und sogar für Baseballschiedsrichter her.

Bis nach Hollywood

Jede Welle jüdischer Einwanderer produzierte neue Erfolgsgeschichten. Doch nur wenige können sich mit dem aus dem heutigen Polen immigrierten Rabbiner Moses Phillips und seiner Frau Endel messen. Das Paar hatte acht Kinder zu ernähren und nähte von Hand Hemden, die es ab 1881 von Schubkarren aus an Grubenarbeiter in den Kohlebergwerken von Pottsville, Pennsylvania, verkaufte. Aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelte sich die Phillips-Van Heusen Corporation, die bis 1921 den weichen Hemdkragen einführte und an der New Yorker Börse gehandelt wurde. 1929 baute die Firma ihre führende Position mit der Erfindung des direkt am Hemd angenähten Kragens aus, der bequemer war und sich leichter in den damals eingeführten, elektrischen Waschmaschinen reinigen liess. Das Unternehmen kontrolliert heute Weltmarken wie Tommy Hilfiger und Calvin Klein.
Von Anfang an waren es Familienbande, die für den Erfolg jüdischer Unternehmer massgeblich waren, wie Andrew Rosen sagt: «Modeindustrie ist tatsächlich vor allem ein Familiengeschäft. Hier stehen Beziehungen, Gemeinschaft und die Verbindungen zwischen den Generationen im Mittelpunkt.» Rosen selbst ist als Gründer des Labels Theory und Vorstandsvorsitzender des bedeutenden Modehauses Helmut Lang in New York ein exzellentes Beispiel für diesen Familiensinn. Sein Grossvater Arthur hatte 1910 Puritan Fashions gegründet, und sein Vater Carl spielte eine führende Rolle in der New Yorker Textilbranche.
Mit dem Wachstum der Industrie fassten Juden in nahezu allen Bereichen Fuss – von Jobs in Fabriken mit schlechtesten Arbeitsbedingungen bis zum Endverkauf oder der Werbung. Während Juden in vielen anderen Branchen an «gläserne Decken» stiessen, standen ihnen im «Schmattes-Business» nur die Grenzen ihrer eigenen Imagination und Leistungsbereitschaft im Wege.
Dies ermöglichte ihnen bald auch den Aufstieg in die Designermode. Hier war Adrian Adolph Greenberg ein Pionier. Als Sohn von Einwanderern in Connecticut aufgewachsen, hatte Greenberg zwar keine familiären Beziehungen zum Modegeschäft, dafür jedoch grosses Talent. Während seiner Lehrjahre in Paris wurde die Frau des Hollywood-Stars Rudolph Valentino auf ihn aufmerksam. Greenberg wurde zunächst der persönliche Designer Valentinos, ehe er nach Hollywood zog und zum ersten wirklich bedeutenden Kostümbildner avancierte. Unter Vertrag bei MGM arbeitete «Adrian» 1939 an dem Klassiker «The Wizard of Oz». Im gleichen Jahr entwarf er derart eindrucksvolle Kostüme für «The Women», dass das Studio am Ende des Schwarzweissfilms eine zehnminütige Farbsequenz für eine Parade seiner Modelle anhängte.
Derweil machten zur gleichen Zeit jüdische Designerinnen Furore wie Hattie Carnegie (geboren als Henrietta Kannengiesser) oder Sally Milgrim, die das hellblaue Abendkleid entwarf, das Eleanor Roosevelt 1933 bei dem Ball zur Amtseinführung ihres Mannes trug. 20 Jahre später folgte Nettie Rosenstein in Milgrims Spuren, als sie Mamie Eisenhower für deren Einzug ins Weisse Haus einkleidete. Dies ermöglichte es Rosenstein auch, die Kaufhäuser Bergdorf Goodman und I. Magnin dazu zu bewegen, eine Modelinie unter ihrem eigenen Namen zu führen. Laut Valerie Steele war auch dies eine Pionierleistung, da die grossen Kaufhausketten bis in die sechziger Jahre hinein Mode bevorzugt unter ihrer eigenen Marke verkauften und Designer absichtlich im Hintergrund hielten.
Der internationale Durchbruch kam für jüdisch-amerikanische Modeschöpfer jedoch erst mit dem Zweiten Weltkrieg. Bis dahin war Paris Zentrum der Couture, dominiert von Häusern wie denen von Charles Frederick Worth, Elsa Schiaparelli und Coco Chanel. Juden waren Kunden und Geschäftspartner dieser Häuser, spielten aber in der Industrie kaum eine Rolle. Eine Ausnahme war Jacques Heim, der während der Nazibesatzung aus Paris fliehen musste (und nach 1945 den Bikini einführen sollte). Allerdings spielten Juden wie Pierre Wertheimer hinter den Kulissen als Investoren eine wichtige Rolle. Wertheimer finanzierte unter anderem Chanel No. 5. Seine Familie übernahm das Haus Chanel nach dem Tod der Gründerin.
Mit dem deutschen Einmarsch in Frankreich verloren die Pariser Häuser bei den amerikanischen Kaufhäuser und Modeherstellern ihre Rolle als Vorbild. Dies erleichterte es Designern in der Neuen Welt, Interesse für ihre eigenen Entwürfe zu generieren. In den Kriegsjahren und danach entstand die moderne amerikanische Mittelklasse und ihr auf das Automobil und Vorortsiedlungen basierender Lebensstil. Designer wie Bill Blass und Geoffrey Beene sowie in späteren Jahren Perry Ellis and Tommy Hilfiger bedienten die Bedürfnisse dieses neuen Marktes mit Kleidung, die weniger traditionellen Codes und Regeln entsprach, sondern das gute Leben und entspannten Schick feierte. Dazu Gabriel Goldstein, der für das Yeshiva University Museum die viel beachtete Ausstellung «A Perfect Fit: The Garment Industry and American Jewry 1860–1960» kuratiert hat: «Nach dem Krieg erlebte die Freizeitkultur eine wahre Explosion. Der ‹New Look› von Christian Dior in Paris mag die Mode von Frauen aus der Oberklasse beeinflusst haben. Aber Paris konnte die Amerikaner nicht mit Freizeitmode, lässigem Stil à la Kalifornien oder Kleidung für Kinder versorgen. Dies vermochten nur amerikanische De¬signer.»

Steile Karrieren

Zu den ersten Schöpfern dieser neuen, amerikanischen Mode gehörte Anne Klein. 1923 in New York als Hannah Golofski geboren, lancierte sie 1948 mit dem Label Junior Sophisticates ein neues Marktsegment für jüngere schlanke Mädchen mit sportlichem Geschmack ausserhalb der etablierten Angebote für Herren, Damen und Kinder. 20 Jahre später führte sie unter ihrem eigenen Namen eine Linie für kleinere Frauen wie sie selbst, und damit ein weiteres, innovatives Segment, ein. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Ralph Lauren im gleichen Jahr sein erstes Polo-Geschäft (nur für Krawatten) eröffnete und Calvin Klein seine erste Kollektion von Mänteln und ärmellosen Kleidern an das Kaufhaus Bonwit Teller verkaufen konnte. Geboren in der Bronx, verwandelte Calvin Klein Kleidungsartikel wie Jeans oder Unterwäsche in stark sexualisierte Wunschobjekte. Er wurde 1980 schlagartig mit einer Anzeige bekannt, in der die damals 15-jährige Schauspielerin Brooke Shields in Blue Jeans posierte und die provokante Frage stellte: «Sie wollen wissen, was zwischen mich und meine Calvins kommt? Nichts.»
Klein stand 30 Jahre lang auf dem Gipfel der Modewelt. Während er die Klatschpresse mit seiner persönlichen Gradwanderung zwischen Männern und Frauen, Drogen und Enthaltsamkeit in Atem hielt, wurde sein Name zu einer Weltmarke. Als Klein seine Firma 2003 an Phillips-Van Heusen verkaufte, stand sein Name für Artikel jeder Art. Die Marke Calvin Klein setzt weiterhin Millionen um. Der Designer selbst hat 2003 sein Geld und seinen Elan verloren. «Wer in der Modebranche überleben will, muss dem Zeitgeist ständig voraus sein», so die Modejournalistin Christina Binkley vom «Wall Street Journal»: «Das ist fast eine Krankheit, man darf seine Augen keine Sekunde vom Ball lassen.»
Fünf Jahre nach Calvin Klein eroberte Diane von Furstenberg die Szene. Die Tochter von Holocaust-Überlebenden – und zeitweilige Gemahlin eines süddeutschen Prinzen – wurde 1946 als Diane Simone Michelle Halfin in Belgien geboren. Risikobereit und innovativ, brachte von Furstenberg 1973 ihr Wickelkleid auf den Markt. In einer Zeit, da Frauen auf Hosenanzüge und Emanzipation fixiert waren, landete sie mit dieser unverhohlenen femininen Kreation einen grossen Treffer. Das Wickelkleid ist bis heute populär.
Kam von Furstenberg als Aussenseiterin in die Branche, so wurde Donna Karan eine Modekarriere in die Wiege gelegt. Die Schöpferin der für ihren urbanen Chic bekannten DKNY-Linie wuchs als Tochter eines Modells und eines Schneiders auf, ihr Stiefvater war Hutmacher. Mit 14 arbeitete sie bereits in einer Boutique und war selbstbewusst genug, Kundinnen persönlich zu beraten. Karan studierte an der New Yorker Parsons School of Design und arbeitete danach für Anne Klein, die 1974 mit nur 50 Jahren an Brustkrebs verstarb. Karan hatte damals gerade ihre Tochter Gabrielle zur Welt gebracht. Doch auf Bitten der Geschäftsführung übernahm die 26-Jährige die Position der Chefdesignerin des Hauses. Neun Jahre später lancierte sie DKNY.
Auch Kenneth Cole stammt aus einer Familie im Modegeschäft. Sein Vater Charlie betrieb die Schuhmanufaktur El Greco. Cole Junior machte sich 1982
einen Namen, als er an der Modemesse im New Yorker Hilton-Hotel teilnahm. Da er sich jedoch kein Hotelzimmer, geschweige denn einen Ausstellungsraum leisten konnte, mietete Cole einen Lkw-Anhänger, um seine Entwürfe vorzustellen. Da diese in Manhattan nur parken durften, wenn sie für eine Filmproduktion verwendet wurden, änderte der Jungdesigner seinen Firmennamen in «Kenneth Cole Productions» und gab die Herstellung eines Films über «Die Geburt einer Schuhfirma» als deren Ziel an. Der Legende nach konnte Cole anschliessend in drei Tagen 40 000 Paar Schuhe absetzen – und einen Film darüber hat er obendrein gedreht. Er ist seither für elegante Fussbekleidung bekannt.

Jung und kreativ

Mit Isaac Mizrahi kann ein weiterer prominenter Designer auf familiäre Wurzeln in der Branche zurückschauen. Er wuchs als einziger Sohn von Zeke und Sarah Mizrahi in der syrisch-jüdischen Gemeinschaft von New Jersey auf. Sein Vater war zunächst als Zuschneider an der Wooster Street in Manhattan und später als Hersteller von Kinderkleidung tätig. Mizrahis Mutter nahm ihren Sohn mit zu Ballettaufführungen und unternahm Einkaufsexpeditionen in die grossen New Yorker Kaufhäuser, wo sie ihm einen Sinn für Qualität beibrachte und seine Begeisterung für Designer wie Chanel und Cristóbal Balenciaga weckte. Offen homosexuell, bekennt sich Mizrahi auch zu seinem Judentum. Gleichzeitig quält ihn die Ablehnung der Homosexualität seitens der Orthodoxie. Mizrahi hat einmal auf die Frage nach der Essenz von Mode liebevoll über die Mühe gesprochen, die Designer für ihre Entwürfe aufbringen und erklärt: «Gott ist in den Details des Schneiderhandwerks.»
Seine Liebe zum Metier hat Mizrahis innovativen Elan nicht gebremst. Als einer der ersten Haute-Couture-Designer hat er seine Entwürfe über die Target-Kette vertrieben. Heute arbeitet er mit Liz Claiborne zusammen, um einem jungen Publikum frische, aufregende Mode zu günstigen Preisen anzubieten. Mizrahi hat jedoch auch als einer der ersten Modeschöpfer Grossaufträge an deutlich billigere Produzenten in Übersee vergeben. Beide Trends haben die amerikanische Modebranche tiefgreifend verändert. Amerikanisches Design mag weiterhin Weltgeltung besitzen, aber die Textilfabriken haben die USA längst in Richtung Asien verlassen. Laut der «Wall Street Journal»-Expertin Binkley trifft heute «im Hafen von Los Angeles mehr Kleidung aus Asien ein als an jedem anderen Ort der Welt. In Fernost produzieren die Fabriken rund um die Uhr gigantische Mengen. Das schlägt sich direkt auf das Angebot in unseren Läden nieder. Statt vier Saisons haben wir jetzt jede Woche eine neue.» Binkley notiert die Schattenseite dieser Konsumrevolution: «Es gibt Leute, die behaupten, dass wir damit den Käufern einen Gefallen tun. Aber der ständige Nachschub an neuen Trends füllt auch unsere Müllhalden.»
Doch auch in der hektischen Szene der Gegenwart gedeiht eine neue Generation jüdischer Designer. Dazu zählt Marc Jacobs, 1993 von Perry Ellis für seine Entwürfe im Grunge-Look gefeuert und heute Kreativdirektor von Louis Vuitton. Mit seiner eigenen Linie für beide Geschlechter verwandelt Jacobs den rauen, urbanen Grunge-Stil in Gold.
Zac Posen hat als Junge in der Synagoge seiner Grosseltern Yarmulkas geklaut, um Puppenkleider zu machen, und kleidet heute Stars wie Natalie Portman, Rihanna, Kate Winslet, Cameron Diaz, Jennifer Lopez und Beyoncé ein. Dabei hat der weltweite Trend nach Anpassung und Konformität stark abgenommen. Dafür triumphiert ein neuer «Ethno-Chic», mit dem sich etwa der 24-jährige Levi Okunov einen Namen macht. Der Sohn eines Lubavitcher Rabbiners entwirft Gewänder, die mit – ins Englische, Jiddische und Arabische übersetzten – Versen des Sufi-Dichters Rumi aus dem 13. Jahrhundert übersät sind. Okunov hat eine Kollektion mit Kleidern aus blauem Samt präsentiert, der sonst für Thora-Hüllen benutzt wird. Der brasilianisch-jüdische De¬signer Alexandre Herchcovitch spielt dagegen mit dem Davidstern. Alana Newhouse betrachtet diese «Verwendung jüdischer Symbole und Materialien als einen Trend – keinen gewaltigen, aber doch einen nennenswerten».
Aber auch bekannte nicht jüdische Designer wie Jean Paul Gaultier, Yohji Yamamoto oder der Koreaner Gunhyo Kim interessieren sich neuerdings für jüdische Symbole und Traditionen. Laut Valerie Steele weisen gerade junge asiatische Designer in den USA wie Kim damit auch auf ihre eigene Position als Einwanderer hin. Zu ihnen gehört auch Jason Wu, der durch seine Entwürfe für Michelle Obama bekannt geworden ist. Steele zufolge betrachten junge Asiaten in den USA die Modebranche ebenso als viel versprechendes Betätigungsfeld, wie dies jüdische Einwanderer vor 100 Jahren taten: «Die moderne amerikanische Mode ist auch ein Metier, das es Immigranten ermöglicht, Amerikaner zu werden. In der Branche herrscht enormer Konkurrenzdruck und da mag es heute durchaus hilfreich sein, wenn man einen Onkel in China oder Vietnam hat, der eine Textilfabrik besitzt.» Damit wiederholt sich die Geschichte der amerikanischen Juden im Modegeschäft heute mit neuen Einwanderern. Gleichzeitig lösen sich die alten, jüdischen Familienbande in der Industrie auf. Unternehmungslustigen Juden stehen längst andere Branchen offen, und die Globalisierung tut ein Übriges. Aber abgeschlossen ist das jüdische Kapitel in der amerikanischen Modebranche damit noch lange nicht. Das Metier zieht heute verstärkt jüdische Talente aus der ehemaligen UdSSR, Lateinamerika, aber auch aus Israel an. Wie Levi Okunov betrachten sie sich als Teil einer Respekt einflössenden Tradition: «Wir waren Sklaven, ein Haufen Bauern, die aus dem Bauch von Einwanderungsschiffen kamen, Hungerleider, die für die schlechtesten Fabrikjobs dankbar waren – und dann wurde die Sache plötzlich glamourös.»    ●

Johanna Neuman lebt und arbeitet als freie Autorin in Washington. Sie war Hauptstadt-Korrespondentin für «USA Today» und «Los Angeles Times». Nach «Lights, Camera, War – Is Media Technology Driving International Politics?» arbeitet sie derzeit an einem Buch über jüdische Modedesigner.



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