«Schau nach dem Union-Label!»
Zwischen 1890 und 1914 waren die Gibson Girls das modische Vorbild für die meisten jungen Frauen in den USA. Geschaffen von dem Illustrator Charles Dana Gibson (1867–1944), wurden diese jungen Schönheiten mit ihrem in suggestiver Gelöstheit aufgetürmten Haar zum Inbegriff einer neuen, unabhängigen Generation amerikanischer Frauen. Ein Gibson Girl spielte Tennis und Golf, ging Reiten und sogar Schwimmen – dies allerdings stets in Badekostümen, die bis zu den Fussgelenken reichten. Tagsüber trug sie einen langen A-Linien-Rock und darüber eine Bluse. Obwohl ein Korsett ihren Körper immer noch in Form hielt, brachen die weichen Materialien von Rock und Bluse mit den steifen Formen der bis dahin gebräuchlichen Tournüren und Reifröcke. Damit wurden Frauenkörper sichtbarer. Die Gibson Girls waren enorm populär und zierten bald Fächer, Gläser, Löffel und sogar Stoffe. Damit setzte auch ein Siegeszug der Blusen ein, die bald so allgegenwärtig waren wie heutzutage Jeans. Da sich Blusen etwa mit geraden oder gebauschten Ärmeln, Falten, Stickerei, Litzen, Knöpfen oder Bändern vielfältig variieren liessen, erlebte ihre Produktion eine enorme Konjunktur, just als Kleidung von der Stange ihren Einzug in den USA hielt. Bis 1910 entstanden allein in New York 450 Blusenfabriken mit Tausenden von Beschäftigten.
Simpler geschnitten als Kleider oder Umhänge, bot sich die Blusen-Herstellung besonders für die jungen Frauen im Millionenheer der damals in den USA eintreffenden jüdischen und italienischen Immigranten an. Sie brachten zwar schlechte Englisch-, aber dafür häufig ausreichende Kenntnisse in der Näherei mit. Etliche dieser Textilarbeiterinnen waren nur 15 Jahre alt. Ihre Arbeitswelt stellte einen denkbar drastischen Gegensatz zu den Golfplätzen, Stränden oder Teesalons der Gibson Girls dar: Die Fabriken waren eng und schlecht belüftet, die Stunden lang und die Bezahlung miserabel. Um sechs Dollar die Woche zu verdienen, musste eine junge Frau von sieben Uhr früh bis acht Uhr abends an ihrer mit einem Fusspedal betriebenen Nähmaschine sitzen, unterbrochen nur von einer halbstündigen Mittagspause. Aufseher und Abteilungsleiter waren gnadenlos. Die Arbeiterinnen konnten sich nicht einmal in Umkleideräume zurückziehen und mussten ihre Mäntel und Hüte mitten in den staubigen Werkhallen aufhängen.
Einen Weg aus diesen Missständen bot die International Ladies Garment Workers Union (ILGWU). Den Grundstein für diesen Dachverband legten elf jüdische Arbeiter, die Textil-Gewerkschaften in New York, Newark, Philadelphia und Baltimore repräsentierten und sich im Jahr 1900 erstmals im Labor Lyceum (Gewerkschaftshaus) an der East 4th Street in New York trafen. Bald darauf nahm der Verband auch Frauen auf. Die ILGWU hielt in ihrer Satzung fest, dass sich ihr sämtliche Frauen-Gewerkschaften in den einzelnen Unternehmen der Kleidungsbranche anschliessen konnten. Dies ermutigte auch die Blusen-Näherinnen zur Gründung der Ladies Waistmakers Union, die individuelle «Locals» in Fabriken organisierte. Die ILGWU als Dachverband erprobte ihre neue Kraft 1909 erstmals in einem Generalstreik.
Anteilnahme ohne Klassenschranken
Auslöser dieses Arbeitskampfes war ironischerweise ein Mann – und noch dazu ein Subunternehmer. Nachdem er der Werksleitung der Triangle Shirtwaist Company am Washington Place in Manhattan mitgeteilt hatte, er sei es leid, als «Sklaventreiber» zu arbeiten und wolle kündigen, wurde er von anderen Aufsehern übel zugerichtet. Er rief den Frauen zu: «Wollt ihr an euren Maschinen sitzen bleiben und zuschauen, wie ein Kollege so misshandelt wird?» Daraufhin verliessen 400 Arbeiterinnen das Werk. Anschliessend rief die Ladies Waistmakers Union in der Fabrik zum Streik auf und die übrigen 600 Arbeiterinnen bei Triangle schlossen sich der Aktion an.
Streikende Frauen hatte es bis dahin in New York nicht gegeben. Aber die Werkleitung hatte keinerlei Hemmungen, gewaltsam gegen die Arbeiterinnen vorzugehen. Polizei in Zivil und Gangster im Sold der Firma verhafteten Streikende wegen «Landstreicherei» und fanden damit häufig Sympathie bei Richtern. Nachdem sich der Streik bereits einige Wochen hingezogen hatte, rief die ILGWU sämtliche Blusen-Näherinnen New Yorks zu einer Notversammlung im Cooper Union College. 3000 Frauen folgten dem Appell und hörten sich die Reden von Arbeiterführern an, aber die Versammlung konnte sich nicht zu einem Generalstreik entschliessen. Dann stand die junge Näherin Clara Lemlich, die als Streikposten verprügelt worden war, auf und bat um das Wort. Lemlich sagte: «Ich habe mir all die Reden angehört. Auch ich habe geschuftet und gelitten. Ich bin der Reden müde. Ich schlage vor, dass wir in den Generalstreik treten.» Lemlichs Appell hatte Erfolg. Die Versammlung nahm ihren Vorschlag einstimmig auf, und so begann ein historischer, 14 Wochen währender Ausstand, an dem 20 000 Blusen-Näherinnen teilnahmen.
Ihre gewachsene Zahl tat den Misshandlungen keinen Abbruch, welche die streikenden Frauen aushalten mussten. Aber allmählich fanden die tapferen Streikposten Zuspruch in der Öffentlichkeit. Sozialarbeiterinnen, Suffragetten und sogar Damen der Gesellschaft unterstützten den Ausstand, etwa mit Geld für Kautionen. Manche schlossen sich sogar den Streikposten an. Dass die Anteilnahme für die Näherinnen keine Klassenschranken kannte, wurde etwa durch einen Nachmittags-Tee für die Streikenden im Colony Club deutlich, einem der exklusivsten Klubs in New York. Laut einer zeitgenössischen Zeitung sass ein «mit Juwelen, Pelzen und Litzen geschmücktes Publikum» auf vergoldeten Stühlen und hörte zehn jungen Frauen zu, die über ihre Schwierigkeiten als Streikposten sprachen und ihre Forderungen an die Arbeitgeber erklärten.
Katastrophe brachte Veränderungen
Der Streik zog sich bis Ende Januar 1910 hin. Nicht durch Sympathie für ihre Beschäftigten, sondern durch den Beginn der Frühjahrssaison bewegt, gaben die Arbeitgeber schliesslich in einigen Punkten nach. Die Arbeitswoche wurde auf 52 Stunden reduziert, die Arbeiterinnen mussten fortan nicht mehr eigene Werkzeuge in die Fabriken bringen, konnten vier bezahlte Tage im Jahr freinehmen und Beschwerden bei eigens geschaffenen Komitees vorbringen, in denen Vertreter beider Seiten sassen.
Doch die Vereinbarung wies eine entscheidende Schwäche auf: Die Firmen hatten Abkommen mit den jeweiligen Einzelgewerkschaften in ihren Werken getroffen, nicht aber mit der ILGWU als Dachverband. Die Arbeitgeber setzten alle möglichen Tricks ein, um das Abkommen zu unterlaufen. Es bedurfte einer Katastrophe, damit die ILGWU öffentliche Unterstützung und genug Mitglieder fand, um bleibende Verbesserungen für die Arbeiterinnen durchzusetzen. Am 25. März 1911 kamen 146 Beschäftigte, meist junge Frauen, in einem Feuer in den oberen Etagen der Triangle Shirtwaist Company ums Leben. Obwohl die New Yorker Feuerwehr bei dem Brand versagte – ihre Leitern und Schläuche waren zu kurz –, lag die Verantwortung fürs Desaster bei der Firma. So fehlten Alarmanlagen, die Arbeiterinnen auf den Brand hätten aufmerksam machen können. Zudem hielt die Werkleitung aus Angst vor Diebstählen eine Treppentür und damit einen rettenden Fluchtweg verschlossen. Feuerleitern aussen am Gebäude gaben unter dem Gewicht der Rettungssuchenden nach. Erst nach dieser Tragödie fand die Forderung der ILGWU nach der Durchführung der bereits vereinbarten Regeln und gesetzlicher Sicherheitsauflagen Gehör.
Bis 1920 war die ILGWU eine der mächtigsten Gewerkschaften der USA geworden. In den folgenden Jahrzehnten gründete der Verband von einer «Arbeiter-Universität» mit Seminaren und Vorträgen über ein Gesundheitszentrum bis zu Wohnanlangen eine einzigartig breitgefächerte Zahl von Institutionen für seine Mitglieder. So publizierte die Gewerkschaft auch eine Zeitung unter dem Motto «Gerechtigkeit». 1937 brachte die ILGWU gar das Musical «Pins and Needles» mit Liedern wie «The Reactionary Rag» und «Sing Me a Song of Social Significance» auf die Bühne. Das Stück war so populär, dass es den Schritt von Amateur-Abenden in Gewerkschaftsheimen zum Broadway schaffte. Als zum 25. Jubiläum der Show eine Neuaufnahme eingespielt wurde, fand sich unter den Interpreten ein Nachwuchstalent namens Barbra Streisand.
Der Union-Label-Song
In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte die amerikanische Textilbranche zunächst in den «gewerkschaftsfreien» Süden der USA und dann ins Ausland ab. Damit verlor die ILGWU stetig an Mitgliedern. 1975 sah sich die Gewerkschaft gezwungen, Konsumenten mit TV-Anzeigen an die Bedeutung der Industrie für amerikanische Arbeiter zu erinnern. Die ILGWU warb mit dem eingängigen Lied «Look for the Union Label», das sich seither zu einem Evergreen entwickelt hat. Viele Amerikaner halten es heute für einen Folksong. Das Ende der amerikanischen Textilindustrie konnte die Hymne auf das Gewerkschaftsetikett nicht aufhalten:
Look for the union label
When you are buying a coat,
dress or blouse.
Remember somewhere our union’s
sewing
our wages going to feed the kids
and run the house,
We work hard but who’s complaining.
Thanks to the I.L.G. we’re paying
our way.
So, always look for the union label,
it says we’re able
to make it in the U.S.A.
1995 ging die ILGWU in der ungleich grösseren Union of Needle Trades, Industrial and Textile Employees (UNITE) auf. Die heutige Entsprechung der jungen Blusen-Näherin wäre ein Mädchen in China, das ihr Zuhause verlässt, um in einer weit entfernten Stadt in einer Fabrik für Jeans, Pullover oder Kleider zu arbeiten. Dort lebt sie mit ihren Kolleginnen in einem Wohnheim und reist einmal im Jahr zum Neujahrsfest zurück in ihren Geburtsort. Die Fabrik versorgt sie mit Nahrung und Unterkunft, aber sie ist überarbeitet, unterbezahlt und hat wenig Einfluss auf ihre Lebensumstände. Wird es in einem Land, in dem der Kommunismus einem ungezügelten Kapitalismus Platz macht, jemals eine ILGWU geben, die sich für sie stark macht? ●
Der klassische Union-Label-TV-Spot im Internet:
http://www.youtube.com/watch?v=7Lg4gGk53iY
http://www.youtube.com/watch?v=QO7VUklDlQw
Monica Strauss lebt und arbeitet in Manhattan. Sie schreibt regelmässig für aufbau und hat unter anderem eine Biografie von Frida Strindberg publiziert.


