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März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 3 Ausgabe: Nr. 3 » March 7, 2011

Patriotin im Abendkleid

Von Kate Betts, March 7, 2011
Wie keine andere First Lady seit Jackie Kennedy macht Michelle Obama mit ihrem
formidablen Stilgefühl Politik. Ihre Kleidung hebt die Stimmung ihres von Schulden
und Krisen geschüttelten Landes.
TRENDSETTERIN Stilikone Michelle Obama (r.) mit Carla Bruni

Die grossen offiziellen Anlässe in Washington verlangen gerechte Kleidung. Aber als Präsident Barack Obama jüngst seine Rede zur Lage der Nation im Kongress hielt, hat kaum jemand ein Wort über seinen dunklen Anzug aus dem Atelier von Georges de Paris verloren. Dabei ist bemerkenswert, dass Obama bei dem 75-jährigen Franzosen nähen lässt, der schon Lyndon B. Johnson eingekleidet hat. Dafür machte First Lady Michelle Obama einmal mehr Schlagzeilen mit ihrem Kleid. Das ist kein Zufall: Obwohl die Frauen amerikanischer Präsidenten seit Jackie Kennedy immer eigene gesellschaftliche und kulturelle Anliegen verfolgen, haben sie mit ihrer Mode stets auch versucht, die Stimmung des Landes generell zu beeinflussen. So hat sich Lady Bird Johnson um den Naturschutz verdient gemacht, Nancy Rea¬gan engagierte sich gegen Drogen und Hillary Clinton für die Reform des Gesundheitswesens. Michelle Obama kämpft für eine gesündere Ernährung speziell der von einer «Fett-Epidemie» bedrohten Jugend Amerikas.
Doch wie keine andere First Lady seit Jackie Kennedy sorgt Michelle Obama durch ihren Stil für Aufsehen. Ob sie bei der Gartenarbeit neben dem Weissen Haus eine grüne Schürze trägt oder beige Leggings bei einem Ausflug mit ihren Töchtern – stets wird ihre Kleidung einer tiefschürfenden Analyse unterworfen, wie sie ansonsten etwa den Details der Gesundheitspolitik vorbehalten ist. Jüngst stiegen prominente amerikanische Designer wie Oscar de la Renta und Diane von Furstenberg auf die Barrikaden, als Michelle bei dem Staatsbankett für den chinesischen Präsidenten Hu Jintao ein rotes Organzakleid aus dem Studio eines britischen Modemachers trug. Auch die Modezeitschrift «Women’s Wear Daily» schloss sich der Kritik an und warf Michelle Obama mangelnden Patriotismus vor.



Eine Botschafterin der amerikanischen Mode

Doch diese Pfeile gehen weit an ihrem Ziel vorbei. Die First Lady trägt vorwiegend amerikanische Designer. Aber darin erschöpft sich ihre Wirkung auf die amerikanische Mode noch lange nicht. Ihr Stil kommunziert Optimismus, Glamour, aber auch Weltoffenheit und Experimentierfreude, mit der sich Amerikanerinnen jeder Herkunft identifizieren können. Michelle Obama mag mitunter eine «Botschafterin der amerikanischen Mode» sein. Bedeutsamer ist jedoch, dass sie immer eine Botschafterin für das amerikanische Selbstbewusstsein ist, das sich seit jeher auch im Stil der Nation ausdrückt. So hat sie zwar bei dem Staatsbankett kein amerikanisches Label zur Schau getragen. Aber sie hat auch bei dieser Gelegenheit eine gesunde Lebensfreude und Individualität ausgestrahlt.

Frauen kleiden sich heute für sich selbst

Michelles Obamas Einfluss gerade auf arbeitende Frauen in der breiten Bevölkerung ist nicht zu unterschätzen. Sie versteckt ihre Weiblichkeit nicht, hat Wolljacken und flache Schuhe hoffähig gemacht und damit die Diktatur steifer Blazer und unsinnig hoher Absätze beendet. So macht die Mode mehr Spass – bis hin zur Frivolität. Vor allem aber kleiden sich Frauen heute für sich selbst, statt gemäss äusseren Erwartungen und Konventionen. Auch hier ist Michelle Obama mit ihrer Unbeschwertheit ein Vorbild. Damit hat sie eine eigene Position neben der ihres Mannes geschaffen, dessen Breitenwirkung weitgehend von der Politik des Tages abhängt. Die First Lady versteht es dagegen, emotionale Noten über den Tag hinaus und positive Signale für die Zukunft der Nation insgesamt zu setzen. Dabei vergisst sie auch den Signalwert eines einzelnen Kleides nicht: Nach dem Staatsbankett trat sie für Obamas Rede zur Lage der Nation in einer silberweissen Kreation der amerikanischen Designerin Rachel Roy auf.     ●

Kate Betts hat jüngst den Bestseller «Everyday Icon: Michelle ¬Obama and the Power of Style» über Michelle Obama und ihre Mode publiziert.



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