Gute Stimmung an der York Street
Der Schnee türmt sich an der York Street. Seit Wochen ist die Verwaltung von New Haven, Connecticut, nicht einmal in der Lage, das Stadtzentrum rund um die ehrwürdigen Bauten aus Granit und Backstein der Yale University zu räumen. Doch während draussen auf dem engen Gehweg Studenten durch Schneeberge Slalom laufen, herrscht an der York Street 262 warme Zufriedenheit. Dort residiert seit 1902 der Herrenausstatter J. Press. Seit der jüdische Immigrant Jacobi Press hier Quartier bezog, haben sich die Räume kaum verändert. Dezente Beleuchtung, dunkle Holztäfelung, Wandregale und Auslagen mit Hemden, Krawatten und Schals signalisieren beim Tritt durch die hölzerne Glastür mit der Messingklinke gediegene Tradition. Hinter dem schmalen, höheren Vorraum hängen nach Grössen sortierte Sakkos, Anzüge und Flanellhosen in einem fast höhlenartig anmutenden Kontor. In der heimeligen Kammer haben sich Generationen von «WASP» – Mitglieder der angelsächsich-protestantischen Elite Neuenglands – für ihre Karrieren in Vorstandsetagen, Anwaltskanzleien und in der Politik ausstaffiert. Hier sind James und seine zwei Kollegen an diesem Januartag beinahe hektisch damit beschäftigt, die Wünsche ihrer zahlreichen Kunden zu befriedigen – doch nur beinahe, denn Ungeduld und Hetze haben bei J. Press keinen Platz. Später an der Kasse lächelt James leicht ausser Atem: «Die Geschäfte gehen erstaunlich gut. Unsere Kundschaft hat sich anscheinend endlich von der Finanzkrise 2008 erholt.»
Seit 109 Jahren stehen an der York Street freundliche und überaus kompetente Verkäufer wie der grauhaarige James parat, um den Sitz eines Jackets zu begutachten und im Zweifelsfall zu einer etwas weiteren Konfektionsgrösse für ein neues Beinkleid aus feiner Wolle zu raten. Nachdem James seinen Teil zu einer erfolgreichen Transaktion beigetragen hat, ruft er einen der uralten Schneider aus der durch eine versteckte Treppe erreichbaren Werkstatt, um die exakte Länge von Hosen oder Jacketärmeln zu markieren. Wie sich an ihrem Dialekt unschwer erkennen lässt, scheinen diese Handwerker meist aus Italien zu stammen – eine Merkwürdigkeit, die auch für den grossen Konkurrenten von J. Press gilt, den Herrenausstatter Brooks Brothers.
Dreigestirn der Herrenbekleidung
Die Brooks Brothers wurden 1818 in New York gegründet. Wer in den Abendnachrichten amerikanische Politiker oder Bürokraten sieht, kann
davon ausgehen, dass viele von ihnen einen der klassischen Anzüge von Brooks Brothers tragen. J. Press war dagegen zunächst auf «town and gown» im damals noch nicht von Schulden und Strukturproblemen geplagten New Haven spezialisiert: Darunter sind sowohl wohlhabende Geschäftsleute und Freiberufler in der Stadt als auch die Yale-Professoren in ihren Talaren und die damals noch fast ausschliesslich aus der alten, angelsächsischen protestantischen Elite stammende Studentenschaft zu verstehen. J. Press zollt dieser Kundschaft weiterhin mit Schals und Krawatten in den Farben elitärer Universitäten und Militärakademien Tribut – neben Yale können auch Absolventen von Harvard, Princeton oder Columbia hier die passenden Accessoires finden. Daneben bietet J. Press Schals und Binder in den Farben alter britischer Regimenter wie der Sutherland Highlanders.
Heute bildet J. Press zusammen mit Brooks Brothers und der 1938 in New York gegründeten Firma Paul Stuart das Dreigestirn der klassisch-amerikanischen Herrenbekleidung. Natürlich finden längst auch Professoren aus Indien oder Väter chinesischer Studenten in die York Street. Aber alteingesessene Yankees aus Neuengland bevorzugen J. Press gegenüber den landesweit wesentlich bekannteren Marken Brooks Brothers und Paul Stuart. Dies mag an den Preisen liegen: Ein Jacket bei Paul Stuart kann über 2000 Dollar kosten. Bei J. Press kommt der Kunde dagegen mit maximal 800 Dollar aus. Zudem experimentieren sowohl Brooks Brothers als auch Paul Stuart mit auffallenden Mustern sowie schmaleren Silhouetten und stärker körperbetonten Schnitten, die an europäische Couturiers erinnern. J. Press hält dagegen unerschütterlich an traditionellen, weiteren Schnitten, den klassischen drei Jacket-Knöpfen und zurückhaltenden Mustern fest. Wer seine Hose mit Bundfalten – also nicht in der traditionellen «plain front»-Facon – wünscht, löst bei James und seinen Kollegen Verwunderung aus.
Wolljacken für Yale-Professoren
Die Sommerkleidung macht bei all diesem Beharren auf das Gute und Althergebrachte allerdings eine Ausnahme. Hier übertreffen die bunt karierten, aus leichtem «Madras»-Baumwolltuch geschneiderten Jackets von J. Press die Konkurrenz noch an Farbenfreude. Dies wirft ein Schlaglicht auf die gerade von den konservativsten WASP in Neuengland gepflegte Exzentrik, die sich auf Gin- und Rum-seligen Jachtclubpartys gut beobachten lässt. J. Press produziert zudem im Gegensatz zur Konkurrenz weiterhin vorwiegend in Nordamerika, verwendet aber wie diese weitgehend natürliche Materialien.
Trotz dieser feinen, aber signifikanten Unterschiede ist bemerkenswert, dass jüdische Unternehmer bei jeder der genannten Firmen eine wesentliche Rolle gespielt haben. Von dem jüdischen Textilhändler Harry Ostrove und dessen Sohn Ralph unweit der grossen Brooks-Brothers-Niederlassung in Midtown Manhattan angesiedelt, war Paul Stuart zunächst eine preiswertere Alternative zu dem Marktführer. Brooks Brothers gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte zum Konzern des Kaufhaus-Gründers Julius Garfinckel (1872–1936), der von jüdischen Einwanderern aus Bayern abstammte. Seine Nachkommen machten Brooks Brothers mit Niederlassungen überall in den USA zu einer nationalen Marke, ehe das Haus von einem britischen Konzern übernommen wurde. Die Firma betreibt heute weltweit gut 300 Läden, die meisten in den USA. J. Press ist dagegen in Amerika weiterhin nur in Washington, New York, New Haven und Boston zu finden. Der Legende nach wurde die New Yorker Niederlassung exakt zwischen den dortigen Clubs der Universitäten Yale und Harvard gegründet. Es überrascht dann nicht mehr, dass die Bostoner Dependance in unmittelbarer Nähe zu Harvard liegt. James, der Verkäufer, erzählt, dass J. Press in Washington und der umsatzstärksten Filiale in Manhattan vor allem Anzüge verkauft, in New Haven dagegen eher Sakkos und Flanellhosen – Professoren fühlen sich in den alten Mauern von Yale anscheinend in Jackets aus Tweed oder italienischer Wolle am wohlsten.
Wie die grössere Konkurrenz verlor auch J. Press während der Konsolidierungswelle in der amerikanischen Kleidungsbranche nach 1980 die Selbstständigkeit. Damals zog sich Paul Press, der Sohn des Gründers, aus der Firma zurück und verkaufte an einen japanischen Konzern. Die Marke ist daher heute in Asien bekannter als in den USA. Bemerkenswert bleibt die markante Differenz zwischen der Kundschaft und den klassischen WASP-Ausstattern, die erst in den siebziger Jahren verschwand und bis heute nachwirkt. Juden dominierten die amerikanische Modebranche, fanden aber erst allmählich Einlass in alte Herrenclubs und Wirtschaftszweige wie die Automobil- und Ölindustrie. Obwohl sie von jüdischen Unternehmern produziert wurden, standen Anzüge von Brooks Brothers oder J. Press daher für das exklusive, christliche Establishment Amerikas, das in der Vietnam-Ära zur Zielscheibe jugendlicher Proteste wurde. Dieser Verlust an Respekt für die etablierte Ordnung nahm jedoch auch ironische Formen an. So tat sich Ende der siebziger Jahre eine Gruppe von Studenten um die New Yorkerin Lisa Birnbach zusammen, um das «Official Preppy Handbook» zu verfassen. «Preppy» steht für die neuenglischen «Preparatory-» oder Privatschulen, die den WASP-Nachwuchs auf ihr Studium in Harvard, Princeton oder Yale vorbereiteten.
Birnbach, eine Enkelin des bekannten Rabbiners Norman Salit, hatte die elitäre Brown University in Providence, Rhode Island, besucht und die Idee gehabt, die dort allgegenwärtigen WASP und ihren Lebensstil zum Gegenstand einer satirischen Studie zu machen. Die heute bei ABC-News tätige Journalistin Susan Schwartz war am «Preppy Handbook» beteiligt und erinnert sich im Gespräch mit aufbau, dass fast alle ihre damaligen Mitstreiter jüdisch waren und ihr Projekt als humorvolle Attacke auf die Arroganz der WASP verstanden. Das als anthropologische Studie angelegte «Handbook» wurde zu einem überraschenden Erfolg und hat sich bis heute millionenfach verkauft. Doch statt über bekennende J.-Press-Männer wie den älteren Präsidenten Bush zu lachen, haben Generationen amerikanischer Jugendlicher die Preppy-Fibel als Vorlage für ihren eigenen Stil benutzt.
Unlängst hat Birnbach mit «True Prep» eine gründlich überarbeitete Neuauflage des Handbuchs publiziert, das jedoch nicht sonderlich erfolgreich ist. Dies dürfte daran liegen, dass der WASP-Stil sein ethnosoziales Revier nicht zuletzt dank Birnbach längst verlassen hat und Allgemeingut geworden ist. Dafür ist aber auch ein ehemaliger Krawattenverkäufer bei Brooks Brothers verantwortlich, der 1939 in der Bronx als Ralph Lifshitz geboren wurde. Der strebsame Modemacher hat seinen Namen in Ralph Lauren geändert, ehe er mit seinen Varianten der traditionellen Yankee-Ausstattung zu einem der reichsten Männer der USA und zum Inbegriff für zeitgemässen Luxus geworden ist. ●
Andreas Mink lebt in Connecticut und ist Amerika-Korrespondent von aufbau. Er hat unlängst sein erstes J.-Press-Jacket erstanden.


