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4. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » March 4, 2011

Verantwortungsloses Handeln

Yedidia Stern zur Lage in Israel, March 4, 2011

Rabbiner üben in der israelischen Gesellschaft einen grossen Einfluss aus. Gemäss Angaben des Zentralbüros für Statistik glauben 54 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes, man sollte Rabbiner konsultieren, bevor man diplomatische Entscheide fällt. Es ist also wichtig, zu untersuchen, wie Rabbiner ihren Einfluss nutzen. Das Folgende ist die Ernte der letzten Wochen: Religiös-zionistische Rabbiner haben einen Brief veröffentlicht, der Araber aus israelischen Städten ausschliessen will. Rabbiner Dov Lior aus Kiryat Arba weigerte sich, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Dutzende von Rabbinern unterstützten diese Weigerung.



Auch das ultraorthodoxe Rabbinat vollbringt Grosses: Rabbi Ovadia Yosef, geistiges Oberhaupt der Shas-Partei, gab mutig seinen Segen für in der Armee ausgeführte Konversionen, doch als Rabbiner Yosef Shalom Elyashiv mit einer Protestdemontration drohte, beugten sich die Rabbiner von Shas unterwürfig den ultraorthodoxen Extremisten. Man erzielte einen «Kompromiss», der weiterhin den Status von Tausenden Konvertiten innerhalb der israelischen Streitkräfte anzweifelt. Es handelt sich in allen Fällen um Rassismus, Ablehnung, Unmenschlichkeit und um Betrug von Übergetretenen im Namen der Religion.

Das heutige Auftreten solcher Rabbiner hat mit der rabbinischen Tradition in der jüdischen Geschichte nur wenig gemein. Wenn wir von Rabbinern über Generationen geschriebene Texte lesen, religiöse Gesetze und Gedanken zum Beispiel, können wir nur über die Fähigkeit von Rabbinern staunen, Gemeinden unter den Bedingungen der harschen Realität der Diaspora und religiöser Verfolgungen zu führen. Verantwortung für die Wohlfahrt des Volkes, tolerante Entscheidungen, Gleichgewicht zwischen Politik und Religion – all diese Faktoren gehörten zu den treibenden Kräften, mit denen die Rabbiner unsere besondere Erscheinung als religiös-ethnische Gruppe bewahrten. Die ganze Nation vergalt es ihnen mit Respekt und Ergebenheit.

Diese heutigen Rabbiner wollen die Dynastie der Führungspersönlichkeiten fortsetzen. Ihre Handlungen lassen aber angesichts der Herausforderungen, die Israel ihnen stellt, Zweifel daran aufkommen, ob sie ihren Aufgaben gewachsen sind. Zum ersten Mal besitzt das jüdische Kollektiv die Autorität und Verantwortung, mit den Instrumenten der Macht umzugehen, mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Anstatt aber die Bürde der Souveränität mitzutragen, schütteln die Rabbiner sie von sich ab. Die Untertöne ihrer Positionen lassen einen Mangel an Einsicht in die Wichtigkeit der zentralen jüdischen Erscheinung unserer Zeit erkennen – des jüdischen Staates.
Wenn die religiös-zionistischen Rabbiner sich hinter Liors Weigerung stellen, wenden sie ein oberflächliches Urteil an, das der Ablehnung jüdischer Souveränität in unserer Generation gleichkommt. Erst kürzlich lasen wir in den Schriften, wie Prophet Elija als Zeichen des Respekts der Regierungsmacht gegenüber vor den Wagen von König Ahab rannte, der doch ein Götzendiener war. Nun, das Büro des Staatsanwalts ist nicht so schlimm wie Ahab, und Rabbiner Lior steht nicht auf dem gleichen Niveau wie der Prophet Elija. Warum denn zieht die religiöse Führung es vor, gegen die uns von Elija, dem eifernden Propheten, diktierte Tradition zu handeln?

Wenn das Oberrabbinat einen Schulterschluss vollzieht mit ultraorthodoxen Antizionisten (oder zumindest versucht, diese zu besänftigen), lässt es uns mit einer gesellschaftlichen Zeitbombe, bestehend aus Mischehen und Familienstammbäumen sowie mit der Schaffung einer neuen nationalen Gruppe im jüdischen Staat zurück, die aber weder jüdisch noch arabisch ist. Diese Rabbiner entscheiden sich für den Weg des geringsten Widerstands. Es ist ebenso leicht, strikt zu sein, wie es schwer ist, nachgiebig zu sein. Auf diese Weise wurden die Tore des Judentums vor über 300 000 Menschen geschlossen, von denen die meisten jüdische Wurzeln haben.

Wo sind die Rabbiner, die ein zionistisch-jüdisches Gesetz entwickeln, das dem Opfer und der Bereitschaft der eingewanderten Soldaten, die soeben den Schlussmarsch der Fallschirmtruppen beendet haben, die religiöse Bedeutung gewährleisten wird? Mit ihrem Handeln rufen diese Soldaten uns zu: «Dein Volk ist mein Volk!», doch die rabbinische Führung dieser Generation zeigt ihnen die kalte Schulter.

Der Einfluss der Rabbiner auf die israelische Gesellschaft unserer Tage ist unbestritten. Sie haben die Macht, ins nationale Geschehen einzugreifen, Massen in Bewegung zu setzen und sogar Regierungen zu stürzen. In einer breiteren, mehrere Generationen umfassenden jüdischen Perspektive werden diese Rabbiner aber mit besonderer Härte beurteilt werden. Sie haben die seltene Chance, wichtige Partner bei der Formung jüdischer Souveränität zu sein, doch sie sorgen dafür, dass sie in die Brüche geht.



Yedidia Stern ist Rechtsprofessor an der Bar-Ilan ­Universität und Vizepräsident für Forschung am Israelischen Demokratie-Institut.



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