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4. März 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » March 4, 2011

Ein Mann, eine Epoche

Von Gisela Blau, March 4, 2011
Silvain Wyler reicht am 7. März nach 42 Amtsjahren das Präsidium der Israelitischen Gemeinde Winterthur, die im April ihr 125-Jahr-Jubiläum hat, an zwei Nachfolger weiter.
SILVAIN WYLER «Ich bin der Jude von Winterthur!»

Lächelnd sagt Silvain Wyler: «Ich bin der Jude von Winterthur!» Er wird es zweifellos bleiben, nach dieser langen Zeit, in der er die jüdische Welt der Industriestadt als Ansprechpartner personifizierte und sich ein ansehnliches jüdisches und nicht jüdisches Kontaktnetz aufbaute. Er wird es bleiben, sogar wenn er nicht mehr Präsident der Israelitischen Gemeinde Winterthur (IGW) sein wird und mit seiner Amtszeit eine ganze Epoche zu Ende geht. Er ist der dienstälteste Präsident einer Gemeinde im Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG). Seine Gemeinde wird im April 125 Jahre alt, und Silvain Wyler feiert seinen 85. Geburtstag.



Die Wende

42 Jahre lang regierte Silvain Wyler die IGW, gleich lang wie Hammurabi das antike Babylon. Wie jenem König vor 2300 Jahren gelang es Wyler, sein Reich zu konsolidieren, zu neuer Blüte und Wohlstand zu führen. 1969 wurde er gewählt, als die IGW keine 20 Mitglieder mehr zählte und praktisch pleite war. «Als Liquidator wurde ich gewählt», erinnert sich Silvain Wyler, «aber ich gab nicht auf.» Zusammen mit seiner Frau Marion machte er sich ans Werk, und die Wende wurde geschafft. Heute zählt die Gemeinde 58 Mitgliedschaften, ist also immer noch sehr überschaubar, pflegt ein zurückhaltend aktives Gemeindeleben und verfügt über ein gesundes finanzielles Fundament.
Wenn die Augen des zurücktretenden Präsidenten listig zu funkeln beginnen, folgt gleich einer seiner treffenden Sprüche. «Wir praktizieren das Rabbi-Leasing», schmunzelt er. Will heissen, dass er mit Rabbiner Schmelzer aus St. Gallen und Rabbinern aus Zürich (insbesondere von Chabad) ein gutes Verhältnis pflegt. Auf Vorbeter wie Rabbiner Kurt Nordmann und seinen Sohn Patrick Nordmann kann die IGW an Feiertagen zählen. Es gebe nur noch zwei Hotels in der Winterthurer Altstadt, deren Zimmertüren mit Schlüsseln statt mit elektronischen Schlüsselkarten bedient werden, und das sei am Schabbat unabdingbar für zu Besuch kommende Rabbiner. Gottesdienste gibt es nur an Feiertagen und manchmal an einem Sonntag. Dafür werden ein Sederabend, Chanukka und Purim gemeinsam gefeiert.

Ein Erfolg

Wyler hat seinen Traum beinahe aufgegeben, ein geeignetes Gebäude als Gemeindezentrum und Synagoge zu erwerben. So bleibt die IGW als
Mieterin im Blaukreuz-Haus an der Rosenstrasse, wo sie willkommen ist, wo sich seit Jahrzehnten der Betsaal befindet und wo jederzeit geeignete Säle samt einer Küche zum Aufwärmen von Speisen erhältlich sind. Am 7. März soll die Gemeindeversammlung einer sanften Renovation des Betsaals zustimmen. «Es ist ein ‹Stiebel›», betont Wyler. «Wir wollen es nicht wirklich modernisieren, aber auffrischen. Der Teppich etwa ist 30 Jahre alt, die Bänke benötigen eine Restaurierung.»
Aus der eigenen Synagoge ist nichts geworden, aber einen grossen Erfolg darf Wyler dennoch vorzeigen: den Erwerb eines eigenen jüdischen Friedhofs in Winterthur. Entstanden ist diese Ruhestätte, als die vertraglich geregelten Bestattungen auf dem Friedhof der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich nicht mehr möglich waren. Da schlug die Stunde des Netzwerkers. «Eine jüdische Gemeinde ohne Friedhof kann es nicht geben!», sagt Wyler. In den Anfängen musste die IGW ihre Toten in Gailingen beerdigen lassen. Beim Stadtpräsidenten fand der umgängliche IGW-Präsident ein offenes Ohr, ebenso beim Zuständigen für die städtischen Friedhöfe. Der IGW wurde es schliesslich vor mehr als zehn Jahren gestattet, anschliessend an einen christlichen Friedhof ein grösseres Terrain zu erwerben. Die dazu nötigen 300 000 Franken brachten die Mitglieder in einer Sammlung selber auf.

Zurück in die Heimat

Die IGW gehört nicht zu den öffentlich-rechtlich anerkannten jüdischen Gemeinden des Kantons Zürich. Eine Baustelle für Wylers Nachfolger im Präsidium wird vielleicht das Thema Frauenstimmrecht sein, denn bisher geniessen es erst die alleinstehenden weiblichen Mitglieder. Früher wurden «übergetretene» Ehefrauen nicht von allen Mitgliedern richtig akzeptiert, und der weitgehende Verzicht auf die Frauenemanzipation in Gemeindeangelegenheiten bot einen bequemen Ausweg.
Die Wylers stammen aus Endingen, aber Silvain verbrachte praktisch sein ganzes Leben in Winterthur. Als er noch kein Jahr alt war, verlegten Vater und Onkel ihren Viehhandel an die Eulach, und die Söhne der beiden wurden ganz automatisch ebenfalls «Beheimes-Händler» mit ihrer eigenen, jiddisch gefärbten Sprache. Vorübergehend wäre auch Südafrika eine Option gewesen. Silvain Wyler besuchte seine in Johannesburg verheiratete Schwester, als er 20 Jahre alt war, kehrte zu Schiff nach vier Monaten mit dem Umweg über Israel zurück, und dann zog es ihn nochmals in den Transvaal, wo er neun Monate lang als Junior-Manager einer Farm arbeitete. Die Methoden des Viehhandels missfielen ihm jedoch, und er kehrte in die Heimat zurück.
Nicht unschuldig an diesem Entschluss war eine junge Dame, die er vor seiner Abreise an einem jüdischen Anlass in Zürich kennengelernt hatte. Marion Neuburger lebte hier bei ihrer Grossmutter, nach einer gefahrvollen Jugendzeit, die sie aus München nach Amsterdam und von dort in die Vernichtungslager geführt hatte. Die Eltern wurden ermordet, doch Marion und ihre Schwester überlebten und kamen zur Grossmutter nach Zürich. Vor neun Jahren starb Marion Wyler eines Morgens an plötzlichem Herzstillstand, und seither lebt ihr rüstiger Witwer allein im Einfamilienhaus mit dem grossen Garten, «als Hausmann», wie er kokett betont. Mit Tochter Irene Shilling, Religionslehrerin der IGW, und Sohn Thomas Wyler, aber auch mit den drei erwachsenen Enkeln pflegt er seither eine noch engere Beziehung.

Studium und Tulpen

Loslassen werde ihm nicht schwer fallen, prophezeit der zurücktretende IGW-Präsident. Er bleibt im Vorstand, wird weiterhin an den Sitzungen des SIG-Centralcomités teilnehmen und seine Nachfolger an allerlei Anlässe in Winterthur begleiten. «Jüdische Gemeindepräsidenten müssen auf der politischen und gesellschaftlichen Bühne sichtbar sein», ist er überzeugt. Er bleibt Vizepräsident der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft und steht, wie er beteuert, jederzeit zur Verfügung, wenn er mit seinem Kontaktnetz aushelfen kann. Seinem Garten will er weiterhin viel Zeit widmen; die
200 Tulpenzwiebeln hat er bereits aus dem Keller geholt und eingepflanzt. Und damit es ihm sicher nicht langweilig wird, hat sich Silvain Wyler kürzlich an der Winterthurer Seniorenuniversität immatrikuliert.   



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