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Vergessene Baumeister

Von Daniel Zuber, February 25, 2011
Vor dem Zweiten Weltkrieg wirkten viele jüdische Architekten in Deutschland, bis ihnen ihre Arbeit 1933 verboten wurde. Wolfram Hagspiel erinnert in seiner Detailstudie «Köln und seine jüdischen Architekten» an das Schaffen und die oft tragischen Schicksale jüdischer Architekten in Köln.
BAUJAHR 1953/54 Das Haus Kaiser-Wilhelm-Ring 10 kurz nach der Fertigstellung

Die Arbeit der deutsch-jüdischen Architekten wurde lange Zeit öffentlich kaum wahrgenommen, geschweige denn materiell gewürdigt und unterstützt. Erst mit dem Lexikon «Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933» stiessen sie auf öffentliche Resonanz. Mehr als 450 jüdische Architekten lebten und wirkten vor 1933 in Deutschland, bevor ihnen das Reichskulturkammergesetz ihre Arbeit verbot. Viel Bausubstanz wurde während und nach dem Krieg zerstört, doch die Bauten jüdischer Architekten prägen zum Teil bis heute Städte wie Halle, Hamburg, Leipzig, Stuttgart und vor allem Berlin. Auch Köln zählte bis zum Beginn des Nationalsozialismus zu den deutschen Städten, welche ein besonders reiches jüdisches Kultur- und Geschäftsleben aufwiesen: Kölns Innenstadt und verschiedene seiner Vororte sind bis heute von den Bauten jüdischer Architekten geprägt. Dieser Tatsache trägt die Publikation «Köln und seine jüdischen Architekten» von Kunsthistoriker Wolfram Hagspiel endlich Rechnung.



Überfällige Studie

Die Aufarbeitung der Werke und Schicksale jüdischer Baumeister hat befremdlich lange auf sich warten lassen. Für Wolfram Hagspiel kam die Anregung zu seiner besonderen Studie Mitte der neunziger Jahre durch die Reaktionen auf seine Publikation «Marienburg. Ein Kölner Villenviertel und seine architektonische Entwicklung», in welcher er auch auf die Schicksale der einzelnen Architekten einging. Bei seiner detektivischen Spurensuche zum Wirken dieser einst so bedeutenden Architekten «liessen sich die Schrecken der deutschen Geschichte in drastischer Weise nacherleben, bekamen die Jahre nach 1933 eine unmittelbare Bedeutung, die auch an der Architektur, ihren Bauherren und Entwerfern festgemacht werden konnte», wie er schreibt. Hagspiel gelang es, mit den Nachfahren des Architekten Georg Falck in Kontakt zu treten. Falcks bis dahin völlig vergessenes architektonisches Schaffen löste in Fachkreisen grosses Staunen und Bewunderung aus. Gerührt von den dankbaren Reaktionen der Nachfahren verschiedener Architekten, welchen er mit seiner Veröffentlichung endlich eine gewisse nachträgliche Ehrung verlieh, fand Hagspiel Motivation dafür, Leben, Wirken und Schicksal aller in Köln tätigen jüdischen Architekten darzustellen. Das Ergebnis seiner Bemühungen ist in seiner Thematik, welche «ohne die Schoah wohl nie aufgegriffen» worden wäre, einmalig.

Auf Spurensuche

Die Informationen für sein Buch hat Hagspiel in «mühevoller Detektivarbeit» zusammengetragen. Hätte er diese Arbeit nicht rechtzeitig auf sich genommen und eine ungemeine Anzahl von Listen und Schriften ausgewertet, wären wohl auch die letzten Zeugnisse des Wirkens und Schaffens jüdischer Architekten in Köln zusammen mit dem Kölner Stadtarchiv im März 2009 eingestürzt.
Bei seiner Recherche stiess Hagspiel auf die Spuren von 43 jüdischen Architekten, deren Schicksale wie zu erwarten oft sehr traurig sind. Mindestens sechs von ihnen wurden von den Nazis ermordet, drei nahmen sich das Leben. Von anderen verlieren sich die Spuren, und auch jene, die den Nazis entkamen, litten meist noch nach dem Ende des Krieges schwer an dessen Folgen. So liest man etwa von Robert Stern (1885–1964), bis 1933 ein sehr gefragter Architekt in Deutschland, welcher 1938 nach New York flüchtete, wo er «ein ärmliches und arbeitsmässig sehr hartes Leben» führte und als Vertreter Bürsten und Reinigungsartikel verkaufte. Er starb vereinsamt. Georg Falck (1878–1947), einst ebenfalls ein sehr gefragter Architekt und lange für die Leonhard Tietz AG tätig, überlebte den Zweiten Weltkrieg zwar im Exil in den Niederlanden. Auch er emigrierte 1946 nach New York, wo er nach nur fünf Monaten jedoch «seelisch und körperlich am Ende» verstarb. Auch die Karriere der einzigen Frau, die in Hagspiels Studie Erwähnung findet, die Innenarchitektin Bertha Sander (1901–1990), wurde durch das NS-Regime beendet. Im englischen Exil konnte sie nicht mehr an ihre Erfolge anknüpfen und starb vereinsamt in einem Pflegeheim.

Blinder Fleck

Etwas mehr Glück hatte Helmut Goldschmidt (1918–2005), dessen Lebensgeschichte allein ein spannendes Buch zu füllen vermöchte. Zur Zeit der Weimarer Republik in Köln aufgewachsen, verwehrten ihm die Rassengesetze nach 1933 das Studium der Architektur. Unter anderem Namen besuchte er dennoch Vorlesungen und bildete sich bei verschiedenen Architekten weiter. Als auch dies unmöglich wurde, versuchte er sich mit Erfolg als Jazz-Pianist. 1942 wurde er schliesslich verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Auf 35 Kilo abgemagert, wurde Goldschmidt in das Konzentrationslager Buchwald verlagert, wo er  seiner Liebe für die Musik nachgehen konnte. Als Buchwald 1945 befreit wurde, gab das Lagerorchester den Amerikanern ein Befreiungskonzert mit vielen von Goldschmidt komponierten Jazz-Arrangements. Er wurde als neuer Glen Miller gefeiert und gebeten, die musikalischen Truppen-Veranstaltungen im Staatstheater Weimar zu übernehmen. Nach seiner Befreiung eröffnete Goldschmidt in Mayen (Eifel) ein eigenes Architekturbüro und erhielt mit dem Wiederaufbau des Israelitischen Asyls an der Otto­strasse in Köln-Neuehrenfeld 1948 seinen ersten grossen Auftrag. Der Autodidakt erlangte später als Architekt mehrerer Synagogen auch überregional Bekanntheit, er berichtete verschiedentlich als Zeitzeuge über den Holocaust und engagierte sich für den jüdisch-christlichen Dialog.
Die Studie Hagspiels erinnert nicht nur an das Schaffen so vieler vergessener Architekten, sie verleiht ihnen im Nachhinein auch ein Gesicht und ehrt so ihre Werke, ihr Schicksal und ihr Schaffen. Dabei schreibt der Autor mit der nötigen Distanz und Sachlichkeit und versucht nicht mit übertriebener Emotionalität zu trumpfen. Die Thematik des Buches behandelt einen blinden Fleck der Architekturgeschichte und es bleibt zu hoffen, dass auch in anderen deutschen Städten ähnliche Studien durchgeführt werden.  



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