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«Ohne Erinnerung gibt es kein Vorwärtskommen»

Von Dania Zafran, February 25, 2011
Der israelische Land-Art-Künstler Dani Karavan entwirft mit der Neugestaltung des Habima-Platzes in Tel Aviv eine Piazza, welche die Bewohner der Stadt zum Verweilen einlädt.
GEDENKSTÄTTE DER NEGEV-BRIGADE IN DER WÜSTE In den sechziger Jahren von Dani Karavan erschaffen

Endlich bekommt Tel Aviv den «Dorfplatz», auf den es so lange gewartet hat: mit einem Teich, Sitz- und Grünflächen, Bäumen und einem grossen Sandkasten für die Kinder. Ein Ort mit Lebensqualität, mitten in der Stadt. Davon hat Dani Karavan, der weltbekannte Landschaftskünstler und Bildhauer, schon lange geträumt – von einem Platz für die Einwohner der Stadt, einem Platz, den sie auch wirklich nützen können. Die Rede ist von der neuen Piazza des Habima-Theaters, welches nach langem Umbau im Sommer wiedereröffnet werden soll. Wo jetzt gebaut und gepflanzt wird, war früher der Parkplatz des Theaters. Karavan, der das Konzept der Piazza entworfen hat, schlug «Kulturplatz» als neuen Namen vor und so soll der Platz künftig wohl auch heissen: «Kikar hatarbut».
Der Künstler, der kürzlich seinen  80. Ge­burtstag feierte, ist ein Kind Tel Avivs. Im Herzen der Stadt, nur wenige Meter vom Habima-Theater aufgewachsen, ist er der Sohn von Avraham Karavan, der ab Anfang der vierziger bis Ende der sechziger Jahre der oberste Landschaftsarchitekt der Stadt war. «Von meinem Vater habe ich gelernt, mutig zu sein, die eigenen Visionen umzusetzen», erzählt Dani Karavan. Jetzt, mit der Neugestaltung des Habima-Platzes, tritt er einmal mehr in Vaters Fussstapfen.



Vergangenheit und Erinnerung

Karavan stellte ein kleines Amphitheater aus Holz auf die Piazza, wo sich die Leute hinsetzen und ausruhen können. In der Mitte des Amphitheaters will Karavan eine Grünfläche mit Blumen, Mandelbäumen und Kakteen anpflanzen, die an den Garten erinnern sollen, der hier einmal auf einem Hügel lag, lange bevor ein Theater gebaut wurde. Quasi als Verlängerung der Holzkonstruktion liegt hinter dem Amphitheater ein spiegelglatter Teich, der an das Bassin erinnert, das Karavans Vater hier einst bauen liess, umgeben von Dattelpalmen, die später dem Parkplatz weichen mussten. Der Künstler will in seinem neuen Projekt möglichst viel aus der Vergangenheit zurückholen und wieder aufleben lassen. Überhaupt sind Vergangenheit und Erinnerung immer wiederkehrende Themen in Karavans Kunstwerken. «Man kann nicht vorwärts gehen, ohne die Erinnerung in sich zu tragen», findet er. In den neunziger Jahren hat er im spanisch-französischen Grenzort Portbou ein Mahnmal für den Philosophen Walter Benjamin errichtet, welcher dort 1940 sein Leben liess. Für das Weizman-Institut in Rehovot entwarf er 1972 das «Memorial of the Holocaust», im französischen Gurs errichtete er das «Mémorial national», in der israelischen Negevwüste steht seit den sechziger ­Jahren die «Gedenkstätte der Negev-­Brigade».
Doch zurück zu seinem aktuellsten Projekt: Der neue Kikar hatarbut, so erzählt Karavan, soll quasi auch eine Verlängerung der Rothschild-Avenue sein, an deren Ende der Habima-Komplex steht. Also wurden die untersten Ba­nyan-Bäume an der Avenue ausgehoben und nach Osten verschoben, und auf der neu gestalteten Piazza liess Karavan violett blühende Jacaranda-Bäume als Verlängerung der Avenue pflanzen. Mittendrin, zwischen der Piazza und dem Ende der Rothschild-Allee, steht zudem eine Skulptur des Künstlers Menashe Kadishman, die Karavan entgegen dem Willen der Stadt nicht verschieben wollte, sondern in sein Landschaftswerk einbaute.

Tel Aviv als Heimat

Karavan fand früh zur Kunst; mit 13 Jahren malte er bereits seine ersten Bilder, mit 14 begann er Malerei zu studieren; er lernte an der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem und arbeitete bei Marcel Janco und Avigdor Steimatzky. Dann bildete er sich in Florenz und Paris weiter. Nachdem er 1976 Israel mit seiner Skulptur «Jerusalem City of Peace» an der Biennale in ­Venedig repräsentiert hatte, kamen die Aufträge aus aller Welt. Karavan ist mit seinen grossflächigen, begehbaren Kunstwerken bekannt geworden und prägte als einer der ersten die sogenannte Land Art. Karavan nennt seine Kunst «Haute ­Couture», im Gegensatz zu «Prêt-à-porter» – er fertigt seine Monumente auf Auftrag hin und passt sie dem Auftraggeber, der Landschaft, dem Budget und der Umgebung an.
Der Künstler erinnert sich an seine Kindheit in Tel Aviv, als sei es gestern gewesen; wie er barfuss zum Hügel lief, wo heute die Habima steht, wie er dort mit seinen Freunden einen alten Mann besuchte, der in einer Hütte wohnte und einen Kleintierzoo hielt, wie sie die Früchte von den Bäumen pflückten. Doch Karavan jammert nicht über die vergangenen «guten alten Zeiten», sondern freut sich, dass die Stadtverwaltung ihr Bauhaus-Erbe ernst nimmt, vor allem seit die «Weisse Stadt» auf Karavans Anstoss hin ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde.
Einen Traum habe er noch, sagt Karavan zum Schluss, aber der habe nichts mit seiner Heimatstadt zu tun: Im italienischen Ferrarra würde er gerne die «Die Gärten der Finzi-Contini» bauen, welche von den erstaunten Touristen jeweils vergeblich gesucht würden. «Allerdings wäre auch meine Version der Gärten nur ein Kunstwerk und keine richtige Parkanlage», lacht er verschmitzt.  



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