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Lofts, Clubs und Glamour

Von Katja Behling, February 25, 2011
Clubs, die wie Raumschiffe aussehen, Fassaden mit Gedichtzeilen – Immobilienentwickler Ardi Goldman, Sohn eines jüdisch-polnischen Immobilienkaufmanns, realisiert in Frankfurt architektonische Projekte mit besonderer Note. Nun hat er sich die ehemalige Diamantenbörse vorgenommen.
DIE ETWAS ANDERE ARCHITEKTUR UFO, Carl Benz Str. 21 in Frankfurt

Das erste Projekt war eine Altbausanierung: Ardi Goldman liess die Fassade eines Frankfurter Hauses rot streichen – und versah es mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke. Längst setzt der 48-jährige Immobilienentwickler grosse und sehr grosse Bauvorhaben um. Seine ganz persönliche Handschrift ist bei allen Gebäuden unverkennbar. Seine Projekte geben Frankfurt, der Stadt der Bankhochhäuser, eine unkonventionelle, interessante und unverwechselbare Note. Für die Innenausstattung der 2006 eröffneten Design-Herberge Hotel 25 engagierte Goldman den Frankfurter Konzeptkünstler und Bildhauer Michael Dreher sowie die Malerin Delphine Buhro. Goldman, Bauherr und Besitzer des Hotels, setzte bei der Gestaltung der Zimmer einmal mehr auf ein ungewöhnliches Konzept. Er wählte für jedes der 49 Zimmer jeweils einen Paten aus. Frankfurter Bürger – alte, junge, sogar ein Pferd –, deren Geschichten Hintergrund und Thema für die jeweilige Raumgestaltung darstellen. Und jedes Zimmer erhielt statt einer simplen Nummer auf der Tür einen poetisch-kryptischen Titel, beispielsweise «Tango auf dem Mars» oder «Grün ist die Liebe».
Ardi Goldman ist Immobilienentwickler und Designer aus Leidenschaft. Dabei sah es zu Beginn seiner Laufbahn nicht unbedingt so aus, als sähe er sich als erfolgreicher Geschäftsmann. Anfang 20,  nach einigen Weltreisen und lebenslustigen Jahren, begann der junge Mann sich für das von seinem Vater geerbte Immobiliengeschäft zu interessieren. Goldman war in Frankfurt als Sohn eines jüdisch-polnischen Immigranten aufgewachsen. Vater Benjamin gehörte zur ersten Nachkriegsgeneration jüdischer Immobilienkaufleute und war in den fünfziger Jahren mit Partnern in den Frankfurter Häusermarkt eingestiegen. Das Unternehmen lief gut. Seinerzeit schlossen sich insbesondere in Frankfurt viele jüdische Partner zusammen, zogen kleine und grössere Bauvorhaben hoch und waren damit geschäftlich sehr erfolgreich. Im Jahre 1966 kam Benjamin Goldman auf einem Familienausflug bei einem Autounfall ums Leben. Der vierjährige Sohn Ardi überlebte das Unglück. Es heisst, dass Benjamin Goldmans Partner nach seinem Tod das Unternehmen nun nicht etwa neu strukturierten, sondern die Anteile des Verstorbenen hielten – für dessen Sohn. Die Witwe zog mit dem Sohn für einige Jahre nach Israel, später kehrten sie wieder nach Frankfurt zurück. Als der Junior alt genug war, um über sein Erbe zu verfügen, wartete ein beachtlicher Betrag auf ihn. Bis heute verwaltet der Sohn den «Nachlass Benjamin Goldman».



Gespür fürs Detail

Investor Goldman ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung in der Immobilienbranche. So erfolgreich er als Bau­unternehmer und so innovativ er als Designer ist, so schillernd ist sein Auftreten im Nacht- und Kulturleben. Ob Disco oder Chefetage – dass er sich souverän auf unterschiedlichstem Parkett zu bewegen weiss, ist Teil seines Erfolgs. Ein Netzwerk mit Kontakten zu Politikern wie zu Clubbesitzern ist sein Kapital. Es heisst, er habe sein Ohr überall, um früher als andere interessante Projekte aufzugleisen. Das Kerngeschäft der Goldman Holding ist komplex: Goldman sucht, kauft und bebaut Grundstücke, konzipiert die realisierten Gebäude und Geschäftsmodelle, er überwacht den Bau bis zur schlüsselfertigen Übergabe – und kümmert sich sogar noch um die Vermietung an die passenden Nutzer. Zu seinen bekanntesten Projekten zählt der Cocoon-Club mit Restaurant, der dem bekannten DJ Sven Väth gehört. Goldman ist selbst die beste Verkörperung jener gekonnt schrägen Ästhetik, die er seinen Kunden verkauft. Halblange Haare, coole Anzüge, Hornbrille, Dreitagebart. Auf Fotos wirkt der Kreative wie eine Mischung aus intellektuellem Querkopf, cleverem Geschäftsmann – und humorvollem Paradiesvogel mit Sinn für Selbstironie: In Werbeclips auf seiner Internetseite lässt Goldman Freunde über ihn und seine Ideen spotten.  
In Frankfurt hat Ardi Goldman das Industrieviertel Ostend mit Büros, Clubs, Läden und Restaurants belebt. Er hat einen preisgekrönten Loft-Neubau errichtet, einen sich um eine Strassenecke schmiegender Bau aus grauem Stein, der wie ein Ufo aussieht und lichtdurchflutete Räume mit einer Deckenhöhe von fast vier Metern bietet. Er hat einen Industriekomplex aus den zwanziger Jahren revitalisiert, der mit Glasdachkonstruktion und dem Einsatz edelster Materialien modern und licht wirkt. Und er hat das Projekt Union-Areal realisiert, eine alte Brauerei, die in Kombination mit Neubauten und dem Nutzer-Mix aus Ateliers, Dachgarten-Restaurant und Shops ein lebendiges Ensemble bildet. 
Typische, sachliche Zweckbauten aus den sechziger Jahren, die sich etwa durch die farbige Gestaltung einiger Fassadenelemente in den unteren Etagen effektvoll von vergleichbaren Gebäuden abheben oder schlichte Bauten, die durch den Vorbau einer vertikalen Metallstangenkonstruktion optisch aufgewertet werden, tragen Goldmans gestalterische Handschrift. Das «Buchstabenhaus», ein sachliches Bürogebäude, fällt auf, indem es auf seiner Fassade in grossen, sich wie Bänder über die Hausfront ziehenden Lettern philosophiert, «Vorstellungskraft ist die Mutter der Gedanken». Alles zeugt von Goldmans Gespür fürs Detail. Hinzu kommen Nachtclubs und Restaurants, von denen eines unter dem Namen «Das Leben ist schön» firmiert. Auch ein Literatur-Veranstaltungszentrum gehört dazu: in der «Ro­manfabrik» tauschen sich seit 25 Jahren Künstler mit dem Publikum aus.

Wohnen und Spenden

Derzeit hat der Investor sich die alte Diamantenbörse im Herzen Frankfurts vorgenommen. Auf rund 20 000 Quadratmetern will Ardi Goldman unter anderem ungewöhnlich geschnittene Eigentumswohnungen mit hohen Decken und Riesenfenstern bauen. Das Gross­projekt heisst MA* und soll mit seinem Mix aus Boutiquen, Bars, Ateliers, Läden und Wohnungen abermals ein besonderes Ganzes bilden. Nicht nur architektonisch. MA* soll das erste Immobilienprojekt weltweit werden, das dem «Sharety»-Gedanken folgt (ein Wortspiel mit den englischen Begriffen «share» und «charity»). Das heisst, dass die Entscheidung, in diesem «kommenden Trendquartier» leben oder arbeiten zu wollen, über den Erwerb einer Immobilie weit hinausgeht: Die künftigen Bewohner sollen sich aktiv in die lokale Szene einbringen. Und ein Prozent des jeweiligen Kaufpreises soll an gemeinnützige, soziale Einrichtungen gespendet werden.
Voraussichtlich im Sommer, wenn der Rohbau fertig ist, soll es eine grosse Feier auf dem Dach des «MA*» geben, zu der auch die Bauarbeiter und die Käufer der Wohnungen eingeladen werden. Auch privat zieht es den Investor auf die neue Baustelle. Goldman hat, wie Presseberichte zu Jahresbeginn vermeldeten, im Sommer ausser dem Richtfest einen weiteren Grund zu feiern: seine Hochzeit. Eine Party aus diesem Anlass soll dem Vernehmen nach ebenfalls in der Diamantenbörse steigen.   



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