Die vierte Generation einer Dynastie
Wenn Daniel Zarhy seine Familiengeschichte zu erzählen beginnt, dann klingt das nach einer Fabel: Es waren einmal ein Wolf, ein Bär und ein Löwe. Sie zogen in den ersten Jahrzehnten an denselben Ort, dort bauten sie Häuser, und dort entstand ein neues Land: Israel. Diese drei, die manche heute noch, sagt Zarhy, «die drei Tiere» nennen, waren Zeev Rechter, Dov Karmi und Arie Sharon. Bekannter sind sie als die Vorväter der israelischen Architektur.
Alle drei studierten in Europa, emigrierten nach Israel, das damals noch kein Staat, sondern britisches Mandatsgebiet war, und drückten der entstehenden Architektur ihren Stempel auf. Rechter arbeitete in Paris mit Le Corbusier, und Sharon lernte von Hans Meyer, zweiter Leiter der Bauhaus-Schule. Ihre Wirkung lässt sich heute noch beobachten: 2004 wurde Tel Aviv in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen – wegen der grössten Dichte an Bauhaus-Gebäuden weltweit.
Daniel Zarhy kennt diese Geschichte sehr gut, er ist ihr sozusagen entsprungen. Zeev Rechter war sein Urgrossvater, und dessen Schwiegersohn war Moshe Zarhy. «Ich stelle die vierte Generation dieser Dynastie dar», sagt Daniel Zarhy und lacht trocken. Auch er, 30 Jahre alt, ist Architekt geworden, wie sein Vater David Zarhy und seine Mutter Anat Patrycha Zarhy.
Das Büro Zarhy Architects in Tel Aviv gehört nicht nur zu den traditionsreichsten, sondern auch zu den führenden im Land, in ihr Portfolio gehört die Hebräische Universität in Jerusalem, das Weizmann-Institut der Wissenschaften, die Universität von Tel Aviv, das technologische Institut Technion, das Gesundheitsministerium, verschiedene Krankhäuser, Konzerthäuser und Sportstätten. Und seit Neuestem: das Logistikzentrum des Generika-Produzenten Teva, eines der grössten Industriegebäude des Landes. Der Name Zarhy gilt also etwas in Israel und erst recht in seinen vier, fünf Ausbildungsstätten des Landes für Architekten.
Eine neue Zeitrechnung
Als Daniel Zarhy sich entschloss, die Geschichte weiterzuschreiben und ebenfalls in Tel Aviv Architektur zu studieren, realisierte er, dass er raus muss aus Israel. «In meinen ersten Semestern an der Universität versuchten manche Lehrer, mich bewusst auf einen anderen Stil zu lenken als ihn meine Eltern pflegten», erinnert sich Zarhy. «Das war kurios, weil ich zu dieser Zeit ja noch gar kein architektonisches Profil entwickelt hatte.» 2006 ging er erstmals ins Ausland, ein halbes Jahr, an das Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Rotterdam, unter der Leitung des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas.
Eine neue Zeitrechnung, sagt Zarhy: «Man kann meine Architektur unterteilen in die Zeit vor Rotterdam und die Zeit danach.» Am OMA habe er den internationalen Austausch genossen, den er in Israel in dieser Form nicht erlebt. «Man trifft Leute aus rund 30 verschiedenen Ländern und pflegt einen sehr intensiven philosophischen Diskurs über Architektur. Und man diskutiert auf Augenhöhe.» Das sei ein bedeutender Unterschied zur Unterrichtsform in Israel, die noch immer stark von «alten Meistern» geprägt sei, die ihren Studierenden und Angestellten ihre Vision aufdrücken und diese dann ausführen lassen würden. «Die Architektur in Israel ist sehr selbstreferenziell, sehr introspektiv. Dass man jung ins Ausland geht und sich dort weiterbildet, ist eine eher neue Erscheinung», vermutet Zarhy. Und: «Im Ausland muss ich mich neu behaupten, der Name Zarhy ist kein Türöffner wie in Israel, keine internationale Marke. Das ist erfrischend.»
Harter Wettbewerb
Die mehrmaligen Aufenthalte in Rotterdam und jetzt in Basel, wo er für vorläufig ein Jahr beim renommierten Büro Herzog & de Meuron angestellt ist, haben ihm jedoch auch einen anderen Blick auf Architektur seines Heimatlandes verschafft. «Israel ist so jung, da gibt es noch keine gefestigte Tradition. In den fünfziger und sechziger Jahren, weiss er aus der Familiengeschichte, sei Architektur eine sehr intellektuelle, inspirierende Tätigkeit gewesen – bis zum Sechstagekrieg 1967. «Mit dem Krieg begann auch die Besetzung der palästinensischen Territorien, was den vorherigen guten Ruf Israels unter den Intellektuellen Europas beschädigt hat, die Auswirkungen spürt man bis heute. Und mit dem schrittweisen Wandel weg vom sozialistisch gefärbten System hin zu einer kapitalistischen Privatwirtschaft änderte sich auch die Auftragslage für Architekten.» Die Generation von Daniel Zarhys Grossvaters sei es noch gewohnt gewesen, mehrheitlich für das Bauministerium zu arbeiten, für Grossaufträge der Regierung. «Danach wurde der Wettbewerb härter, die privaten Unternehmer hatten andere Ansprüche: weniger Kosten, weniger Zeitaufwand.»
Innovative Architekten
Ein düsteres Zeugnis für die Gegenwart der israelischen Architektur? Zarhy verneint. «Ich bin optimistisch. Weltweit, nicht nur in Israel, klafft zwischen den Architekturstars, die meistens 60 oder älter sind, und meiner Generation eine Lücke.» Innovative Leute würden also in Zukunft vermehrt benötigt werden, und mittlerweile hätten auch die Unternehmer aus der Privatwirtschaft gemerkt, dass «ein gutes Gebäude auch gutes Geld» bedeute. Jungen Architekten mit Ideen und internationaler Erfahrung gehört die Zukunft – Architekten, die bei jedem Projekt die fundamentalen Fragen neu zu stellen bereit seien: Was macht ein Museum zum Museum? Ein Wohnhaus zum Wohnhaus? Einen Turm zum Turm? «Die Länder Europas haben ihre Städte, ihre Häuser, ihre Ideen des Bauens über Jahrhunderte hinweg verändert. Israel holt das in wenigen Jahrzehnten nach. Die Arbeit wird uns nicht so schnell ausgehen», lacht er.


