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Das Geschenk des Mauritius Ehrlich

Von Esther Müller, February 25, 2011
Es herrschte noch Krieg, als Mauritius Ehrlich bereits fieberhaft nach Möglichkeiten suchte, den Ausgebombten und Heimatlosen ein Zuhause zu geben, wenn die Waffen endlich schweigen würden. Er erfand die «Notzimmergarnitur» – eine ebenso einfache wie geniale Idee, die ab Mai 1945 vielen Menschen im kriegs­zerstörten Europa einen bescheidenen Neuanfang erlaubte.
NOTZIMMERGARNITUR Für Zehntausende von Flüchtlingen war die Notzimmergarnitur der Grundstock für ein neues Zuhause

Mauritius Moses Ehrlich, geboren am 28. April 1903 im heutigen Iwano-Frankiwsk in der Ukraine, erlebte zweimal ein Flüchtlingsschicksal: Nach der Besetzung Lembergs durch russische Truppen 1914 flohen die Ehrlichs nach Wien. Der Vater lehrte seinen Sohn früh eine prägende Lektion. Norbert Ehrlich nahm seinen Ältesten mit, wenn er am Wiener Westbahnhof Flüchtlinge aus allen Teilen des damaligen kaiserlich-königlichen Österreich-Ungarn mit einem Teller heisser Suppe willkommen hiess. Die selbstlose Hilfsbereitschaft beeindruckte den Jungen tief und sollte in seinem Leben eine bedeutende Rolle spielen.
In den Zwischenkriegsjahren etablierte sich Mauritius Ehrlich, stieg zum Personalchef auf und heiratete 1926 Hilde Fried. 1927 kam ihre Tochter Ruth zur Welt. Doch mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 begannen für die Ehrlichs lebensgefährliche Zeiten. Als Sozialdemokrat und Jude doppelt gefährdet, gelang Mauritius Ehrlich mit viel Glück am 27. November 1938 die Flucht in die Schweiz. Nur weil er sich als politischer Flüchtling auswies, wurde ihm ein Bleiberecht zugestanden. Doch seine Familie war noch immer in Gefahr. Mit Hilfe sozialdemokratischer Genossen in der Schweiz gelang es, Hilde und Ruth Ehrlich am 28. Januar via Badischen Bahnhof in Basel in die Schweiz zu holen. Seine Mutter, die er ebenfalls in Sicherheit wissen wollte, lag mit einer schweren Grippe im Bett und konnte die Reise nicht mitmachen. Ihr Tod 1942 im Konzentrationslager war für den Sohn eine lebenslange Wunde, die nie heilte.
Ruth Olstein-Ehrlich erinnert sich noch sehr lebhaft an den Grenzübertritt. Aus Angst, als Flüchtlinge erkannt zu werden, reisten Mutter und Tochter ohne Gepäck. Nur ihren Teddybären hatte das 11-jährige Mädchen dabei, ihre hochschwangere Mutter eine Handtasche, als sie mit Hilfe bestochener Zollbeamter Schweizer Boden betraten. Das Wiedersehen von Vater, Mutter und Tochter wurde überschattet von der schwierigen Geburt und dem Tod des Jungen, mit dem Hilde Ehrlich bei ihrer Flucht schwanger gewesen war. Doch all diesen Schicksalsschlägen und der schwierigen Situation als Flüchtling in der Schweiz zum Trotz setzte sich Mauritius Ehrlich mit aller Kraft und ohne Bezahlung für das Schweizerische Hilfswerk für Emigranten ein.



Helfen mit findigen Ideen

«Mein Vater war ein unruhiger Geist. Immer studierte er an etwas herum, suchte nach Lösungen. Er sah das Elend und wollte es nicht hinnehmen. Und er hatte so viele Ideen, dass sein Patentanwalt vermögend wurde», erzählt Ruth Olstein schmunzelnd. So kam ihm die Idee, für das Spendensammeln die damalige PTT ins Boot zu holen. Er konnte die Post davon überzeugen, die Rückseite von Einzahlungsscheinen mit der Aufschrift «Die Not unter den Kindern Europas nimmt kein Ende. Wir müssen weiterhelfen. Helfen auch Sie mit. Dieses Opfer wird allen zum Segen» zu bedrucken. Diese Art des Fundraisings war brandneu, bescherte dem Hilfswerk die ungeheure Summe von rund einer Million Franken und wurde bald darauf vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz ebenfalls angewandt.
Neben seiner Arbeit in der Patenschaftsabteilung des Hilfswerks für Emigrantenkinder, das 1942 vom Schweizerischen Roten Kreuz übernommen wurde, beschäftigte Mauritius Ehrlich besonders das Schicksal all jener, die der Krieg heimatlos machte – sei es durch Bomben, Flucht oder Verschleppung. Die Familien, da war er sich sicher, brauchten vor allem eines: «Einen Kern von einem Heim, Betten, Stühle, einen Tisch, um den herum die Menschen auch im Bunker, im Keller oder in einer Ruine das Bewusstsein des Zusammengehörens haben. Wie aber das grosse Problem des Transportes lösen?»

Die zündende Idee

Nach langem Sinnnieren verhalf dem Raucher ein Zigarettenetui zur zündenden Idee. Denn als ihm dies zu Boden fiel und offen liegen blieb, hatte er die Lösung für sein Transportproblem gefunden. Er konstruierte gemäss diesem Vorbild eine Kiste aus Holz von knapp zwei Metern Länge, 42 Zentimetern Höhe und 88 Zentimetern Tiefe. Wurde sie auseinandergeklappt, entstand aus ihr der Bettrahmen. In der Kiste waren verstaut: zwei Wollmatzratzen, ein Tisch, vier Hocker, ein eintüriger Schrank sowie ein 27-teiliges Kochset; ein «Zimmer aus der Westentasche», das für Zehntausende von Flüchtlingen in Europa zum ersten Zuhause nach Kriegsende werden sollte.
Der Erfinder der Notzimmergarnitur schenkte sein Patent der Eidgenossenschaft; er gab damit seiner Dankbarkeit Ausdruck, als Flüchtlinge in der Schweiz Aufnahme gefunden zu haben. Doch die Schweiz hat es Mauritius Ehrlich nicht immer einfach gemacht. So durfte er seine Erfindung nur mit einem christlichen Schweizer Geschäftspartner produzieren, den er in Huldreich Altendorfer fand. Ihre gemeinsame Firma Aermo produzierte ab 1944 die Notzimmergarnitur, die auch Arbeit für weitere 100 Schweizer Firmen schuf. Rund 30 000 Notzimmergarnituren wurden bis 1948 in verschiedene europäische Länder geliefert, finanziert von verschiedenen Hilfswerken. Nach dem Krieg führte Mauritius Ehrlich die Aermo bis ins Alter von 78 Jahren weiter. Nach ihrem Verkauf stellt die Firma nun Büromöbel her, existiert aber noch immer unter altem Namen.

Wiederentdeckung

Mauritius Ehrlichs Erfindung geriet lange Zeit in Vergessenheit. Doch 1991 klingelte bei Ruth Olstein das Telefon: Für die Ausstellung «Sonderfall? Die Schweiz zwischen Réduit und Europa» 1992 im Schweizerischen Landesmuseum war der Kunsthistoriker Christof Kübler auf die Erfindung Ehrlichs gestossen. Und so fand ein Modell im Massstab 1:3, das sich wie die gesamten Unterlagen ihres Vaters in Ruth Olsteins Besitz befand, seinen Weg ins Schweizerische Landesmuseum. Das bedeutet der Tochter des Erfinders bis heute sehr viel: «Als ich das Modell in der Ausstellung sah, war ich sehr glücklich über diese Anerkennung. So glücklich, dass ich dem Museum das Modell geschenkt habe.» Und Ruth Olstein fügt an: «Das war das Beste, das ich tun konnte». Seit 2010 ist es gemeinsam mit einem kurzen Wochenschauausschnitt von 1945 in der Dauerausstellung «Möbel und Räume Schweiz» des Landesmuseums in Zürich zu sehen.
Die Lebensgeschichte von Mauritius Ehrlich spiegelt im Kleinen auch ein Stück Schweizer Zeitgeschichte, die es Wert wäre, ausführlich erzählt zu werden. Sein Urenkel Ilan Olstein, der den Urgrossvater nur aus den Erzählungen seiner Grossmutter kennt, hat seine Maturaarbeit über die Erfindung und die Lebensgeschichte seines Urgrossvaters geschrieben. Und er hat selbst eine Notzimmergarnitur en miniature gebaut, was ihm – wie schon seinem Urgrossvater – einiges an Kopfzerbrechen und Erfindungsgeist abverlangte.



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