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25. Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2011

Vergangenheit in Scherben

Von Valerie Wendenburg, February 25, 2011
Im Zuge der Renovationsarbeiten am Jüdischen Museum Wien wurden 21 Hologramme komplett zerstört. Mit dieser Aktion wurde nicht nur der Kern der ehemaligen Dauerausstellung vernichtet, auch der Ruf des international renommierten Museums unter der Direktorin Danielle Spera steht auf dem Spiel.
7,5 TONNEN GLASSCHERBEN Die Hologramme der ehemaligen Dauerausstellung des Jüdischen Museums Wien wurden zerstört

Als die neue Direktorin des Jüdischen Museums Wien Danielle Spera ihre Arbeit im vergangenen Juli unter dem Motto «Neuanfang» aufnahm, war noch nicht absehbar, wie schnell das bislang erfolgreiche Konzept des Museums mit seiner Dauerausstellung endgültig der Vergangenheit angehören würde. Als Grund für das ehrgeizige Vorgehen – das Haupthaus im Innenstadt­palais Eskeles sollte nach nur sechs Monaten Bauzeit komplett renoviert mit einer neuen Dauerausstellung wiedereröffnet werden –, nennt Peter Menasse, Prokurist des Museums, gegenüber tachles folgende Gründe: «Der Umbau des Museums ist vorrangig notwendig geworden, weil die technischen Anlagen den Anforderungen an einen Museumsbetrieb nicht mehr genügten.» In dieser Situation sei zusätzlich eine neue Gestaltung der Räume konzipiert worden. Es wurde beschlossen, den Veranstaltungsraum in den zweiten Stock zu verlegen – dort standen bislang die Hologramme, der Kern der ehemaligen Dauerausstellung. Menasse betont: «In Abstimmung mit unserem Team sollten sie abgebaut und in ein angemietetes Lager verbracht werden. Beim Versuch der Demontage stellte sich heraus, dass wegen der Verleimung der Glasplatten ein beschädigungsfreier Abbau nicht möglich war.» So wurden die Hologramme kurz­entschlossen zerschlagen: Die 7,5 Tonnen Glasscherben, die heute von den Hologrammen übrig sind, stellen einen schweren Verlust für das Jüdische Museum Wien sowie eine schwere Last für Danielle Spera dar. Die bekannte ORF-Moderatorin steht nun in der Kritik; in einem offenen Brief wandten sich 26 (die Zahl wächst stetig) Museumsdirektoren und Mitarbeitende, Fachleute, Judaisten und Historiker aus Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich und den Niederlanden an Spera. Es heisst, die Zerschlagung der Kunstwerke bedeute nicht nur den Verlust eines unwiederbringlichen Originals, sie werfe vielmehr auch Fragen über den Umgang des Wiener Museums mit der Vergangenheit auf. Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, bedauert, dass es offenbar an Wertschätzung und Verständnis für die Bedeutung der Hologramme gemangelt hat. In der ehemaligen Dauerausstellung seien die Besucher aufgefordert worden, ihr eigenes Verhältnis gegenüber der Geschichte zu reflektieren – ein Vorgehen, das auf diese Weise einzigartig gewesen sei und das Museum weltweit bekannt gemacht habe.



«Veraltete Technik»

Die Reaktion auf die breite internationale Kritik erstaunt. Anstatt Fehler einzuräumen, das Vorgehen zu bedauern oder sich zu erklären, betonte Spera: «Das waren keine Exponate, sondern Schautafeln, Medien zur Darstellung von Inhalten. Heute würde man das am Bildschirm mit einer Animation machen.» Loewy meint, es sei unerheblich, ob man die Hologramme nun ein radikales Kunstwerk, ein Denkmal oder einfach «Installation» nenne. Die Hologramme wurden in der gesamten Welt zu den bedeutenden Museumsobjekten gezählt. «Das macht sie auch zu einem wichtigen Teil der Sammlung des Hauses, zu einem zeitgeschichtlichen Dokument ersten Ranges.» Hier von «Schautafeln» oder «veralteter Technik» zu sprechen, hiesse, so Loewy, «eine ernsthafte Diskussion ins Lächerliche zu ziehen. Dies ist absurd.» Die Hologramme waren gerade kein Versuch, Objekte möglichst real zu präsentieren. Es ging darum, zu zeigen, dass es nach dem Holocaust kein naives Verhältnis zur jüdischen Geschichte und den Objekten geben kann, die nach der Zerstörung übrigblieben. «Das war nicht bequem und sollte nicht bequem sein», so Loewy weiter. «Statt zunächst einmal die Bedeutung der Hologramme zu begreifen und sich dann entsprechend zu verhalten, wurde hier aber offenbar nur ein technisches Problem gesehen.»

«Ein Fehler»

Kritik erfuhr Spera derweil auch von Seiten des Aufsichtsrats des Jüdischen Museums Wien, der am Montag aufgrund der Ereignisse zusammenkam. Die Direktorin hatte Gelegenheit, zur Demontage und zur Zerstörung der Hologramme Stellung zu beziehen. Im Aufsichtsrat befinden sich unter anderem auch Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), darunter deren Präsident Ariel Muzicant und der Schriftsteller und Wissenschaftler Doron Rabinovici. In einer Mitteilung liess die IKG nun verlauten, dass aus ihrer Sicht «abschliessend nicht einwandfrei geklärt werden» könne, ob die Hologramme fachgerecht hätten demontiert werden können. Aber es sei «ein Fehler» gewesen, zu diesem Zeitpunkt nicht die Erfinder der Hologramme, die Chefkuratorin Felicitas Heimann-Jelinek und den Architekten Martin Kohlbauer, einzubinden und zu versuchen, mit ihnen die nächsten Schritte zu beschliessen. Heimann-Jelinek selbst hatte die Fotos von den zerstörten Hologrammen weitergeleitet und sie somit publik gemacht – sie muss mit dienstrechtlichen Folgen rechnen. Das Verhältnis zwischen Spera und der langjährigen Chefkuratorin des Museums war ohnehin angespannt − auch Heimann-Jelinek hatte sich für die Museumsleitung beworben. Nach der Zerstörung der von ihr konzipierten erfolgreichen Dauerausstellung – ohne vorherige Rücksprache – scheint das Verhältnis endgültig zerrüttet, und es stellt sich die Frage, wie eine konstruktive Zusammenarbeit künftig möglich sein soll. Auch sonst scheint die Stimmung im Haus angeschlagen zu sein: Mehrere Kuratoren haben das Museum bereits verlassen, und die Aufsichtsräte fordern nun «dringend» eine Strategie ein, um die Beziehungen zu anderen jüdischen Museen wiederherzustellen und das «von Irritationen geprägte und emotional aufgeladene Verhältnis zu normalisieren». Spera wird «ersucht», bis Ende März ein Konzept für die Dauerausstellung vorzulegen, wie und vor allem mit welchen Mitarbeitenden die Museumsarbeit umgesetzt werden soll. Die Direktorin soll zugesagt haben, einen wissenschaftlichen Beirat zu installieren – den es bislang noch gar nicht gab.

Unwiederbringlicher Verlust

Noch im September hatte sich Ariel Muzicant für einen Neubau des Jüdischen Museums ausgesprochen, die Austria Presse-Agentur zitierte den IKG-Präsidenten mit den Worten, dass die neue Direktorin Spera und der zukünftige Kulturstadtrat «am Ball» seien. Zu den neuesten Ereignissen schwieg Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny aber bisher. Die österreichische Zeitung «profil» liess er Anfang der Woche lediglich wissen, er «bedauere, dass offenbar unabsichtlich Hologramme beschädigt wurden». Und die Direktorin Spera, die von sich selbst behauptet, «mit grösster Sorgfalt» gehandelt zu haben, muss nun umdenken und sich der Kritik annehmen, die ihr nicht mehr nur von aussen, sondern seit Montag auch aus Kreisen des Aufsichtsrats entgegengebracht wird. Der Ruf des renommierten Museums ist angeschlagen, und die Neueröffnung wird sich um mindestens zwei Monate verschieben. Dann soll im Erdgeschoss ein Teil einer neu konzipierten Dauerausstellung zu sehen sein, so Menasse: «Details wollen wir in den nächsten Monaten bekanntgeben». Er sagt aber gegenüber tachles: «Was wir stärker zeigen wollen, ist das heutige, das lebendige Judentum. Unter anderem soll das anhand der Familiengeschichten von verschiedenen jüdischen ‹Identitäten› gezeigt werden.» Selbst wenn das neue Museumskonzept langfristig überzeugen würde, so wird der Verlust der ehemaligen Dauerausstellung unwiederbringlich sein.    



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