Staatliche Anerkennung?
Die Arbeitsgruppe Muslim-Dialog, bestehend aus der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, des Staatssekretariats für Bildung und Forschung des Bundes sowie verschiedenen Vertretern der Schweizer Muslime, will bis Ende März einen Fahrplan für Ausbildungsmöglichkeiten von Imamen in der Schweiz entwickeln. Das bestätigt Antonio Loprieno, Leiter der Rektorenkonferenz. Er sagt aber auch: «Die Universitäten werden keine klassische Imamausbildung anbieten können. Sie sind nicht der richtige Ort für eine Berufsausbildung.»
Dieser Standpunkt ist nicht neu. Bereits 2004 beantwortete der damalige Bundesrat und Vorsteher des Departements des Innern, Pascal Couchepin, eine entsprechende parlamentarische Anfrage abschlägig: Die Universitäten in der Schweiz verfügten autonom über ihre Lehrangebote und seien ausserdem nicht dazu da, Personal für konkrete Berufe heranzubilden. Das ist in der Sache korrekt, die Anfrage hatte jedoch ein Anliegen im Blick, das heute eher drängender geworden ist: Wie erreicht der Staat die Muslime, die in rund 170 Moscheegemeinschaften, Kulturvereinen und Gemeinden höchst dezentral und ohne geregelte Verbindungen zu den staatlichen Institutionen organisiert sind? An wen wendet ihr sich? Wer sind seine Ansprechpartner in Integrationsfragen?
Für diese Fragen ist eine Studie von Interesse, die im Sommer 2009 vom Orientalischen und vom Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich publiziert wurde: «Imam-Ausbildung und islamische Religionspädagogik in der Schweiz». Die Forscher haben sich dabei an die Muslime selbst gewandt. Ein Ergebnis war: Die Befragten wünschen sich eine Imam-Ausbildung in der Schweiz, weil sie sich davon «integrationsfördernde Wirkung» und «kompetente, gut ausgebildete Imame, welche die Landessprache beherrschen, als Ansprechpartner für die Mehrheitsgesellschaft» versprechen. Der Vorschlag ist plausibel. Verfügen die Imame, die den jeweiligen, meist entlang der ethnischen Herkunft organisierten Gemeinden vorstehen, nicht nur über eine Ausbildung in islamischer Theologie, sondern auch über Kenntnisse der Schweizer Sprache, der Gesetze, der Sitten und der Staatskunde, kann man sich von ihnen Unterstützung im Integrationsprozess erhoffen. Dazu muss man sie jedoch ausbilden.
Neutralität ist gefragt
Deutschland ist in dieser Frage bereits ein paar Schritte weiter. Im Studienjahr 2011/12 wird an der Universität Tübingen das Zentrum für islamische Theologie seinen Betrieb aufnehmen. Um der Breite des Fachs, das sich von der Textexegese bis zum islamischen Recht erstreckt, gerechtzuwerden, wird das Zentrum nicht einer bisherigen Fakultät angegliedert, sondern direkt dem Universitätsrektorat unterstellt, in struktureller Analogie zu den christlichen theologischen Fakultäten – oder zum Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam, eine Rabbinatsschule als eigenständige, jedoch staatlich geförderte universitätsnahe Forschungseinrichtung.
Mit diesem Vergleich treten allerdings auch die Probleme solcher Einrichtungen zutage. «Ich habe grosse Vorbehalte gegenüber einer Imam- oder Rabbinerausbildung an unseren Universitäten», sagt Alfred Bodenheimer vom Institut für Jüdische Studien der Universität Basel. Die christlichen theologischen Fakultäten haben sich historisch gleichsam mit den Universitäten herausgebildet. Jüdische oder islamische Theologie müsste jedoch in den bestehenden Wissenschaftsbetrieb eingegliedert werden. Dazu gehört beispielsweise die textkritische Methode, die für gläubige Muslime und orthodoxe Juden ein grosses Problem darstellen kann. «Die Frage ist ausserdem: Was lernt man in einer staatlichen Ausbildung? Am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam erlernt man ein Rabbinat für das Reformjudentum. Die orthodoxe Jeschiwa in Berlin aber wird vom Staat nicht gefördert. Der deutsche Staat setzt sich damit dem Vorwurf aus, eine bestimmte Denomination zuungunsten anderer zu unterstützen», bemerkt Bodenheimer. Kommt hinzu, dass ein Absolvent eines liberalen Rabbinats zumindest in den Schweizer Einheitsgemeinden kaum angestellt werden könnte. «Für unsere Gemeinde kann ich mir das im Moment nicht vorstellen», sagt André Bollag, Co-Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Und Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), betont die unterschiedlichen religiösen Ausrichtungen im Judentum mit jeweils unterschiedlichen Anforderungen an ihre Rabbiner. «Während sich bei orthodoxen Gemeinden ein Rabbiner primär durch seine religionsrechtlichen Kenntnisse ausweisen muss, ist für die Einheitsgemeinden, wie wir sie in der Schweiz kennen, die seelsorgerische Kompetenz von grosser Bedeutung. Aus diesen Gründen ist für mich eine einheitliche akademische Ausbildung für Rabbiner, die den Bedürfnissen aller Schweizer Gemeinden gerecht würde, undenkbar.»
Das werde sich ändern, ist Michael Goldberger überzeugt. Der frühere Rabbiner von Düsseldorf und Rektor der Zürcher Schule Noam sagt: «Wir leben in einer Zeit, in der sich die Grenzen zwischen den Denominationen, zwischen orthodox, konservativ und liberal, nach und nach verwischen. So weit sind die jüdischen Gemeinden noch nicht, aber sie werden das lernen müssen.» Unterschiedliche Gemeinden hätten unterschiedliche Anforderungen an ihren Rabbiner. An manchen Orten müsse er fähig sein zu Öffentlichkeitsarbeit, für den Religionsunterricht, für die Seelsorge, für die Liturgie. «Die wenigsten Mitglieder einer Einheitsgemeinde benötigen heute einen Rabbiner, der in der Küche sitzt und sagt, ob ein Joghurt koscher ist, sondern einen mit Fähigkeiten in Psychologie und Pädagogik. Leider wird dies weder an Jeschiwot noch an akademischen Institutionen in den Vordergrund gestellt», sagt Goldberger. Und Michel Bollag vom Zürcher Lehrhaus bemerkt, dass seit den siebziger Jahren die Ausbildungsqualität der Rabbiner im deutschsprachigen Raum betreffend weltlicher und geisteswissenschaftlicher Kenntnisse, die heute im Rahmen einer Einheitsgemeinde unerlässlich sind, gesunken sei. «Vor 40 Jahren hatten wir noch Rabbiner, die vor der Schoah an ausgezeichneten Rabbinerseminaren ausgebildet wurden, etwa in Berlin. Hier klafft eine Lücke.»
Gefahr des Inselrabbinats
Es gäbe also gute Gründe, analog zu den Bemühungen, Imam-Ausbildungsplätze im deutschsprachigen Raum zu schaffen, auch über neue Formen der Rabbinerschulung nachzudenken. Im Unterschied zu den Muslimen fehlt den jüdischen Gemeinden in der Schweiz jedoch die kritische Grösse, um ihren personellen Bedarf aus der eigenen Gemeinschaft zu rekrutieren. Man ist in der Mehrheit auf Rabbiner aus dem Ausland angewiesen. David Bollag, Rabbiner in Israel und Lehrbeauftragter an den Universitäten Luzern und Zürich, hält das sogar für notwendig. «Die Zentren der jüdischen Welt sind in Israel und in den USA. Eine Rabbinerausbildung in einem deutschsprachigen Land wäre wohl als Inselrabbinat zum Scheitern verurteilt. Es braucht den mehrjährigen Aufenthalt in den jüdischen Zentren, um die notwendige Vernetzung zu Israel herstellen zu können. Andernfalls könnte man einen Rabbiner nicht ernstnehmen.» Damit findet man jedoch eine ähnliche Ausgangslage wie bei den heute in der Schweiz aktiven Imamen vor: Sie sind grösstenteils nicht hier sozialisiert, haben ihre Ausbildung in Ländern mit muslimischen Mehrheitsgesellschaften absolviert und sind zwar theologisch bestens geschult, jedoch ohne die spezifischen Kenntnisse, die ein Gemeindeamt hierzulande erfordert. Kommt hinzu: Während die islamischen Gemeinden als private Vereine organisiert sind, sind die grossen jüdischen Gemeinden öffentlich-rechtlich anerkannt. Mit dieser Anerkennung geht ein Pflichtenheft einher, das in verschiedenen Kantonen ein Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat hiesiger Prägung erfordert. Können Rabbiner aus dem Ausland dies leisten? Das lässt sich nicht vergleichen, sagt SIG-Präsident Winter: «Wenn jüdische Gemeinden in der Schweiz Rabbiner aus dem Ausland anstellen, kommen sie regelmässig aus demokratisch organisierten Rechtsstaaten, wie zum Beispiel den USA, England, Frankreich oder Israel. Diese Rabbiner haben somit grundsätzlich einen mit uns vergleichbaren Hintergrund und vertreten Werte wie wir.»
Rabbiner David Bollag ist überzeugt, dass die demokratisch organisierten jüdischen Gemeinden nur Rabbiner aussuchen, die ein Verständnis für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte haben. Und Michael Goldberger ist der Meinung, dass das Judentum den Spagat zwischen der Religion und den Sitten und Normen des jeweiligen Landes gut bewältigt. «Es gibt ein bedeutendes halachisches Prinzip, laut dem das geltende Gesetz des Staates, in dem ich lebe, zu befolgen ist.» Anstelle des Versuchs, eine Form von staatlicher Anerkennung für Rabbiner zu schaffen, schlägt Goldberger ein Meistermodell vor, in dem Rabbinatsabsolventen nach der theologischen und pädagogischen Ausbildung bei einem «Meisterrabbiner» in die Lehre gehen, um die alltäglichen Erfordernisse einer spezifischen Gemeinde zu kennenzulernen. «Damit erhält man verschiedene Standards, die wiederum die Vielfalt des Judentums spiegeln. Das ist doch wunderbar.»


