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25. Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2011

«Ich verstehe es noch immer nicht»

Von Gisela Blau, February 25, 2011
Das Salongespräch im Zürcher Theater Neumarkt mit Saul Friedländer und Raphael Gross brachte neue Erkenntnisse und wird noch lange für Diskussionen sorgen.
SPANNENDE DISKUSSION Saul Friedländer, Daniel Binswanger und Raphael Gross
(v.l.n.r.) im Theater Neumarkt

Der Theatersaal war randvoll, obwohl sich viele fragen mochten: Was kann der weltberühmte Historiker Saul Friedländer nach 40 Jahren noch Neues über den Nationalsozialismus erzählen? Und welcher Teufel mag den seriösen Historiker Raphael Gross geritten haben, bis er sich Gedanken über die Moral im Nationalsozialismus machte? Vielleicht war auch der Titel des Salongesprächs «Moral der Ausgrenzung. Was lernen wir heute aus der NS-Geschichte?» von Daniel Binswanger, Redaktor des «Magazin», mit den beiden Geschichtsprofessoren ein wenig irreführend, denn es ging am Ende nicht um Ausgrenzung und schon gar nicht um deren Lehren für heute. Aber es ging dann um frische Antworten auf gescheite Fragen des Moderators und neue Einsichten in Aspekte des «Dritten Reichs» und seiner Protagonisten.



Fassungslosigkeit

Gleich zu Anfang gestand Saul Friedländer auf die Frage nach den Lehren, die er aus dem lebenslangen Umgang mit dem Nationalsozialismus ziehe, er habe gar nichts gelernt: «Ich weiss nach 40 Jahren viel mehr über das Phänomen und die Dynamik von Verfolgung und Vernichtung durch die Nazis als über jedes andere Phänomen der Menschheitsgeschichte, ich kann die Geschichten erzählen, aber ich verstehe noch immer nicht, was damals eigentlich los war.» Friedländer betont seine Fassungslosigkeit darüber, dass die Nazis wirklich jeden Juden bis zum letzten vernichten wollten. Im Juli 1944, nach der Invasion, als das Ende des «Dritten Reichs» schon begonnen hatte, holte ein Schiff die letzten 1600 Juden aus Rhodos ab, brachten sie in zehntägiger Schiffahrt nach Athen und dann mit dem Zug nach Auschwitz, wo sie ermordet wurden. Im August 1944, zwei Tage vor der Befreiung von Paris, verliess noch ein Zug mit jüdischen Kindern die französische Hauptstadt in Richtung Auschwitz: «Ich weiss es, aber ich kann es nicht verstehen.»
Raphael Gross berichtete, dass er sich zehn Jahre mit dem Phänomen der Moral im Nationalsozialismus beschäftigte. Friedländer und Gross waren sich einig, dass ein gutes Beispiel die Rede von Heinrich Himmler war, 1943 in Posen vor 200 SS-Leuten gehalten, in der er die Judenvernichtung ansprach und sagte, die Geschichte, wie man sie schaffte und dabei anständig geblieben sei, werde nie geschrieben, weil das Volk es nicht verstehe. Gross erklärte, es gebe einen Unterschied zwischen Konventionen und Normen.

Vom Trieb besessen

Spannend waren Friedländers Ausführungen über den pseudoreligiösen Aspekt in Adolf Hitlers Ideologie. Von einem Brief 1919 bis zur letzten Zeile seines Testaments galt sein Trieb der Vernichtung aller Juden. Er war wie ein besessener Sektenführer, konnte den Trieb aber dosieren. Aber noch 1961 nannte ihn Adolf Eichmann in Israel in Verhören und vor Gericht nicht beim Namen, sondern Führer und Reichskanzler. Auch Himmler gab er seine vollen Titel. Das Ziel des Salongesprächs war erreicht – es wird noch lange Stoff für Nachdenklichkeit und Diskussionen bieten.   



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