logo
25. Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2011

Doyen und Theatereminenz

Von Andreas Schneitter, February 25, 2011
Charles Liatowitsch, eine Legende unter den Basler Anwälten und früherer Präsident des Centralcommités des Schweizerischen Israelitischen Gemeinebunds, ist im Alter von 97 Jahren verstorben. Ein Blick auf eine der prägnantesten jüdischen Persönlichkeiten der Schweiz.
CHARLES LIATOWITSCH Wortstarker Denker und Macher

Am vergangenen 22. Februar ist Charles Liatowitsch verstorben. Mit ihm verlieren Basel und die jüdische Gemeinde eine prägende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts, der sich zeit seines Lebens für das Judentum in der Schweiz einsetzte. Beinahe wäre er selbst Rabbiner geworden: Als junger Mann verbrachte der gebürtige Basler zwei Jahre an der Pariser Ecole Rabbinique, wo er den Talmud studierte, die Ausbildung jedoch trotz guter Noten abbrach und ein Jurastudium begann. 1937 promovierte er als Doktor. In dieser Zeit des Nationalsozialismus führte er bereits während des Studiums Gratissprechstunden für Durchreisende durch und engagierte sich in der Israelitischen Gemeinde Basel  (IGB).
An der Elisabethenstrasse gründete er seine Anwaltskanzlei, und von dort aus begründete er seinen legendären Ruf, der ihm den inoffiziellen Titel «Doyen der Anwälte» eintrug. Kenner attestierten ihm ein profundes Fachwissen, gepaart mit einer ausserordentlichen Fantasie – «Begabungen, die ein guter Anwalt haben sollte, aber nicht erlernen kann», wie er gegenüber tachles in einem Interview sagte. Um seine Kanzlei anfangs über die Runden zu bringen, arbeitete Liatowitsch noch als Pflichtverteidiger am Strafgericht, wofür er zwar nur bescheiden honoriert wurde, jedoch lobend in der medialen Berichterstattung der Gerichtsprozesse erwähnt wurde. Dies führte dazu, dass sich vermehrt Leute mit Zivilrechtsfällen an ihn wandten und ihm Tür und Tor bei Industrie und Banken öffneten.



Krieg und Schoah

1944 wurde er ins Centralcomité des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) gewählt, war von 1955 bis 1968 dessen Präsident und zwölf Jahre Vizepräsident der IGB. In diesen Tätigkeiten blieben die Schoah, der Zweite Weltkrieg und die Flüchtlingsfrage seine wichtigsten Bezugspunkte. Als machtloser Zuschauer habe seine Generation die Zurückweisung von Flüchtlingen an der Grenze erleben und von der Vernichtung des Grossteils des europäischen Judentums erfahren müssen. So kritisierte er nach dem Krieg denn auch, die jüdischen Organe in Basel hätten ihre «Häuser und Herzen» den Flüchtlingen nicht geöffnet, sondern vielmehr die Perspektive und das Reglement der Schweizer Behörden übernommen. Das Ausmass der Schoah sei ihm besonders krass am Zionistenkongress 1946 vor Augen geführt worden, als der spätere israelische Staatspräsident Ben Gurion in der Begrüssung die leeren Bänke der einstigen polnischen Delegation durch Verlesen der unzähligen Namen der Delegierten, die seit dem letzten Kongress 1939 umgekommenen waren, zu beleben versuchte. «Wir können und dürfen nie vergessen», war seine Maxime. 1974, als die Flüchtlingsfrage nicht mehr aktuell war, trat er von seinen SIG-Ämtern zurück. In der IGB war er ein langjähriges und aktives Mitglied, das grosse Vorarbeit zur öffentlich-rechtlichen Anerkennung der IGB 1973 – als erste jüdische Gemeinde der Schweiz – geleistet hat. Sowieso war er in «tout Bâle» eine bekannte Grösse. Er war Verwaltungsratsmitglied der «Komödie», wo er als graue Eminenz schlechthin galt, und später, nach ihrer Fusion, ebenso Verwaltungsratsmitglied im Theater Basel und häufiger Gast in der Gesellschaftsspalte der «Basler Zeitung».

Israel und Diaspora

Besonderes Interesse hegte er auch für die Beziehung des Judentums in der Diaspora zum jungen Staat Israel. Früh war er in der zionistischen Jugendbewegung aktiv gewesen, überlegte in der Kriegszeit, nach Palästina auszuwandern, entschied sich jedoch aus sprachlichen Gründen und mangelnden beruflichen Perspektiven als Anwalt dagegen. In der Folgezeit beobachtete er, wie die Bedeutung des Diaspora-Judentums für Israel zunehmend abnahm. «Mit der jüngeren Generation und mit der Einwanderung der orientalischen Juden ist diese Beziehung sehr mager geworden», konstatierte er. Für das Diaspora-Judentum sah er die grösste Gefahr in der Assimilation und registrierte, wie etwa das amerikanische Judentum laufend Mitglieder durch Mischehen verlor. «Das ist gar nicht anders möglich in dieser offenen Gesellschaft.»
Mit seiner Frau Helen, die 1985 verstarb, hatte Charles Liatowitsch eine Tochter und zwei Söhne, wovon der ältere, Felix, seinem Vater in die Kanzlei Liatowitsch & Partner nachfolgte. Bis ins hohe Alter erfreute er sich einer regen geistigen Tätigkeit und beschäftigte sich mit der jüdischen Identität. Noch 2003 sagte er im Interview: «Ich führte ein bewusst jüdisches Haus, war und bin ein guter Jude, ohne zum religiösen Flügel zu gehören.»



» zurück zur Auswahl