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25. Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 08 Ausgabe: Nr. 8 » February 25, 2011

Baustelle neben Baustelle

von Jacques Ungar, February 25, 2011
Die Palästinenserstadt Ramallah liegt keine zehn Kilometer von Jerusalem entfernt. Die alltäglichen Hindernisse führen jedoch dazu, dass die Fahrt von Jerusalem bis ins Zentrum von Ramallah gut eine Stunde dauert. Israel verbietet seinen Bürgern das Betreten des von den Palästinensern kontrollierten Ramallah von Gesetzes wegen.
LEER Das Angebot ist gross und modern, doch offenbar halten die relativ hohen Preise potenzielle Kunden davon ab, das Einkaufszentrum Plaza in El-Bireh bei Ramallah zu besuchen

Heute leben in der Stadt Ramallah (arabisch Ram-Allah, «Anhöhe Gottes») an die 40 000 Einwohner, doch zusammen mit den über 80 Dörfern und Ortschaften im Bezirk kommt man auf über 200 000 Menschen. Von der früher dominanten Präsenz der Christen in Ramallah zeugen heute noch einige gut erhaltene Kirchen. Christliche Hilfswerke sind ebenfalls sichtbar vertreten. Im Übrigen aber ist die Stadt heute solide in den Händen der Muslime.



Bauboom

Ramallah geht der Ruf voraus, seit dem faktischen Ende der Intifada eine gemischte, liberale und offene Stadt geworden zu sein. Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, schon einige Jahre nicht mehr durch die hügelige Stadt mit ihren meist engen und verwinkelten Strassen gefahren ist – für Chauffeure und Insassen von Autobussen ein oft  haarsträubendes und zeitraubendes Unterfangen –, dem fällt heute vor allem eines auf: Ramallah, Amtssitz von Präsident Mahmoud Abbas und aller wichtigen palästinensischen Ministerien, befindet sich im Sog eines offensichtlich nicht zu bändigenden Baubooms. Das gilt nicht nur für die Wohnviertel an der Peripherie mit schmucken, vom Grundriss her oft grandiosen Villen, sondern auch für die vom Business geprägten Strassen im Stadtzentrum, in denen Gebäude der palästinensischen Börse und der Nationalbank ebenso den optischen Ton angeben wie die Niederlassungen praktisch aller bekannten Konzerne der Elektronikbranche, Einkaufszentren sowie Hotels wie etwa das neue Mövenpick Ramallah mit seinen über 170 Zimmern und Suiten. Zahllose sich im Bau befindliche Mehrfamilienhäuser lassen zudem erahnen, dass langfristig planende Investoren und Unternehmer für Ramallah durchaus eine Zukunft sehen – mit oder ohne Nahostfrieden.

Horrende Preise

Die Preise für die Präsidenten- oder die Royal-Suiten würde man bei Mövenpick gar nicht erst publizieren, meinte mit einem Lachen Oberkellner Muneer Baroud, doch ein «gewöhnlicher» Gast müsse für eine Übernachtung rund 200 Dollar hinblättern, was trotz der gegenwärtigen Schwäche der US-Währung für einen Durchschnittsbürger von Ramallah und Umgebung fast unerschwinglich ist. Am Valentinstag füllte das Hotel seine Zimmer mit dem attraktiven Angebot von 100 Dollar pro Paar, und auch eine Delegation des Fussballverbands Fifa brachte unlängst vorübergehend den Hauch der grossen weiten Welt ins Mövenpick. Ein für einen jugendlichen Palästinenser erstaunliches Wissen bewies übrigens Muneer (er hat studiert, findet in seinem Beruf derzeit aber keine Arbeit), als er den Hinweis der Verfassers dieses Artikels auf seine Herkunft spontan quittierte: «Basel? Dort fand 1897 doch der erste Zionistenkongress statt.»

Relative Leere

Offensichtlich auch für bessere Zeiten geplant hatten die Initianten des vor zwei Jahren eröffneten Einkaufszentrums Plaza im nahtlos ins benachbarte Ramallah übergehenden El-Bireh. Die geräumigen Hallen und Galerien bieten in Bereichen wie Elektronik, Kommunikation und Haushalt zwar alles, was man sich wünschen kann, doch die relative Leere fiel auf. Für die Massen sind die Preise offenbar schlicht zu hoch. Dass in der Gesamtrechnung irgendetwas nicht stimmen kann, deutete auch Abteilungsleiter Mohammed F. (verheiratet und Vater von Kindern) an, als er seinen Monatslohn mit 2000 Schekel bezifferte. In guten Zeiten kämen noch rund 800 Schekel an Verkaufsprovisionen hinzu. Rätselhaft bleibt da, wie der Durchschnittsbürger in Ramallah sich eine neue Wohnung leisten kann, die etwa gleich viel kostet wie vergleichbare Objekte in Jerusalem. Mohammeds «Wunschliste» reflektiert denn auch das palästinensische Leben zwischen Sein und Schein. Zuoberst steht für ihn der Traum von einer volksnahen Regierung, die weiss, was die Bürger wollen und brauchen, und gleich danach eine Versöhnung zwischen Fatah und Hamas. Auf einen Hamas-Alleingang verzichtet er allerdings lieber. Mohammed träumt aber auch von einem Besuch am (israelischen) Mittelmeerstrand, wo er über zehn Jahre nicht mehr gewesen ist, und von Ausflügen nach Akko oder Nazareth. Israelische Kunden gäbe es im Plaza keine zu begrüssen, höchstens ab und zu Personen aus dem arabischen Ostjerusalem («aber das ist ja nicht Israel»).

Realität im Kaffeehaus

Eine ganz andere Atmosphäre herrscht in der tiefer gelegenen Altstadt von Ramallah, in der noch der Duft der Kebab-Stände durch die Luft zieht und wo der Besitzer des Gemüseladens dem neugierigen Fremdling ungefragt ein Tässchen bittersüssen arabischen Kaffees offeriert. Auch der Konditor nebenan ist sichtlich stolz auf seine selber produzierten Backwaren. Auf die harte Realität des palästinensischen Alltags stossen wir aber im Kaffeehaus, wo Gäste Wasserpfeife rauchen und dazu Bier aus der Flasche trinken. Mussa («call me Tony, please») fällt durch seinen sorgfältig gebügelten Anzug mit assortierter Krawatte auf. Er lebt mit Frau und fünf Kindern schon lange in Chicago, kommt aber regelmässig nach Ramallah, um die Eltern zu besuchen. Adel, der perfekt Englisch spricht und uns, wie Mussa, stolz seinen amerikanischen Pass zeigt, wohnt im kalifornischen Riverside, wo er ein Gemischtwarengeschäft betreibt. In Ramallah fährt er sein Luxusauto mit kalifornischem Nummernschild durch die Strassen und eruiert daneben die Aussichten für seine Frau, am Ort ein Geschäft für Brautkleider zu eröffnen.

Das Problem der Infrastruktur

Vielleicht finanzieren Auslandpalästinenser wie Mussa und Adel den Bauboom von Ramallah im Wesentlichen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Stadt dereinst zu einer echten Geschäftspartnerin für Jerusalem wird, doch die hinter dem privaten Unternehmertum arg hinterherhinkende städtische Infrastruktur könnte diesen Träumen einen dicken Strich durch die Rechnung machen. Die katastrophalen Strassenverhältnisse, die wie zur Mandatszeit überall offen und tief hängenden elektrischen Kabel, die auch ohne Streiks meist nicht geleerten Abfallcontainer und der überall herumliegende Bauschutt sollten bei den Verantwortlichen in Ramallah rote Alarmlichter aufleuchten lassen.   



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