Neu, aber nicht gut
Erinnerung. Fest in der Erinnerung von Millionen Menschen dies- und jenseits des Jordanflusses ist das Bild verankert, das den verstorbenen König Hussein 1997 in einem jüdischen Trauerhaus in der israelischen Ortschaft Beit Shemesh zeigt, wie er knieend um Verzeihung bittet. Der Monarch war gekommen, um israelischen Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden seinen Schmerz darüber zum Ausdruck zu bringen, dass der jordanische Korporal Ahmed Daqamseh auf der sogenannten «Friedensinsel» bei Naharayim im Jordantal sieben israelische Schulmädchen sinnlos erschossen hatte. Die «Friedensinsel» ist eine von Jordanien kontrollierte, aber von Amman und Jerusalem gemeinsam betriebene Touristenattraktion im Grenzgebiet.
Skandalös. Wahrscheinlich hätte die Wahnsinnstat vom Jordantal den Weg zurück in die Medien kaum vor dem 2012 erwarteten 15. Jahrestag gefunden, hätte sich dort nicht am Montag ein Zwischenfall zugetragen, für den die Definition «skandalös» fast wie ein Kompliment klingt. Kein Geringerer nämlich als der neue jordanische Justizminister Hussein Majali forderte in Amman an einer von der Familie des Todesschützen organisierten Demonstration die vorzeitige Haftentlassung des zu lebenslanger Haft (25 Jahren) verurteilten Mörders von Naharayim. Daqamseh sei nach den Worten des Ministers ein «Held», und es gezieme sich nicht, eine solche Person hinter Gittern festzuhalten.
Abscheu und Schock. Das Jerusalemer Aussenministerium reagierte mit «Abscheu und Schock» auf die Erklärungen des Ministers und verlangte vom Königreich, den Mörder bis zum vollen Ablauf seiner Strafe in Haft zu behalten. Einer Sprecherin der israelischen Botschaft in Amman wollte es nicht in den Kopf gehen, dass Menschen die vorzeitige Freilassung eines «kaltblütigen Kindermörders» befürworten, dessen Tat das Friedensabkommen von 1994 zwischen den zwei Staaten zuwiderlaufe. Jordanien liess daraufhin verlauten, dass Daqamsehs Begnadigung nicht besprochen worden sei und nicht zur Diskussion stehe.
Trüb und beunruhigend. Nun könnte man zur Tagesordnung übergehen und die Sache ad acta legen. Darum geht es im Endeffekt aber gar nicht. Dass Justizminister Majali kein anderer ist als der Anwalt, der 1997 den Mörder Daqamseh verteidigt hat, wirft vielmehr ein ebenso trübes wie beunruhigendes Licht auf die Psyche des «neuen Nahen Ostens» nach den Umwälzungen der vergangenen Wochen in Tunesien und Ägypten und hinsichtlich der zu erwartenden ähnlichen Entwicklungen in Ländern wie Jemen, Algerien oder Iran. Wenn heute Jordaniens König Abdullah II. einem Mann wie Hussein Majali das Rechtswesen seines Staates anvertraut, dann kann das nur als Angst vor den Massen, als Angst um seinen Thron gedeutet werden. Wenn Teheran Demonstrationen für die Neodemokraten im arabischen Raum nur mit Brachialgewalt, dem Kappen von Telefonleitungen und der Verhaftung von Andersdenkenden kontrollieren kann, dann spricht auch daraus Angst und Unsicherheit.
Umdenken. Das sich nach einem neuen Nahen Osten sehnende Israel muss umdenken. Das allmählich sich abzeichnende Neue, etwa Terrordrohungen gegen israelische Botschaften in Afrika, Südostasien und im Kaukasus, oder die Warnung für Israeli vor Reisen nach Ägypten, Aserbaidschan, Georgien, Armenien, Mauretanien, Venezuela, in die Türkei oder an die Elfenbeinküste, droht, Friedenspläne zusehends durch Dissonanzen einer neuen Runde des Kalten oder nicht mehr so kalten Krieges zu verdrängen.


