Unsicherheit als einzige Gewissheit
Roger Schawinski und Arye Sharuz Shalica
Selbstverständlich waren sich die 300 Anwesenden der Benefizveranstaltung einig, dass es ihre Pflicht sei, Israel zu unterstützen. Wie Sami Bollag, Präsident des Keren Hajessod (KH) Schweiz, präzisierte, «ist es unser Privileg, dass wir auch in der Lage sind, dies zu tun». Der KH, betonte Bollag, passe seine Projekte jeweils den zeitgemässen Bedürfnissen an. Als Beispiele nannte er die Hilfe nach dem grossen Brand vom letzten Sommer, den Multigenerationenkomplex von Rehovot und die Partnerschafts- und Austauschprogramme für Jugendliche. Moodi Sandberg erwähnte in seinem Spendenaufruf die zahlreichen Bildungsprojekte des KH. Der Weltvorsitzende der Organisation und ehemalige israelische Minister für Wissenschaft berichtete davon, dass Israel nun die Erforschung von unterschiedlichen Energieformen intensiviere, um nicht mehr vom Erdöl abhängig zu sein. Allfällige Forschungserfolge seien dann – ähnlich wie bei der israelischen Entwicklung des USB-Sticks – international von Nutzen. Die politische Unsicherheit in der Region sei alles andere als neues Phänomen, meinte Sandberg, sondern «langfristig gesehen die einzige Gewissheit».
Von den Ereignissen überrascht
Erwartungsgemäss drehte sich die anschliessende Podiumsdiskussion um die Ereignisse in Ägypten. Moderator Roger Schawinski zitierte die altbekannte Frage «Ist das, was passiert, gut oder schlecht für die Juden?». Die schlimmstmögliche Wendung wäre, so Schawinski, wenn ein islamistischer Staat entstehen würde, angeführt von der bisher verbotenen Muslimbruderschaft. Er überlegte, wer denn diese Muslimbruderschaft sei, und ob sie keine Schwestern hätte. Mit dem Hinweis auf Parallelen zu orthodoxen Juden entkräftete der deutsche Rechtsanwalt und Fernsehmoderator Michel Friedman die Bemerkung Schawinskis. Auffallend fand Friedman, dass bei den Demonstrationen in Kairo in den vergangenen zehn Tagen keine israelfeindlichen Parolen laut geworden seien und dass sich neuerdings zahlreiche Länder im Nahen Osten an demokratischen Verhältnissen interessiert zeigten. Das sei eine neue und erfreuliche Entwicklung. Nun wollte Roger Schawinski von Arye Sharuz Shalicar, dem Sprecher der israelischen Armee, wissen, ob Israel hoffe, dass vorerst weiterhin Präsident Hosni Mubarak Staatsoberhaupt bleibe. Shalicar hielt fest: «Israel wünscht sich vor allem Sicherheit.» Israel sei von den jüngsten Ereignissen völlig überrascht worden. Der Chef des israelischen Geheimdienstes habe wenige Tage vor Ausbruch der Demonstrationen in der Knesset verkündet, dass die Lage stabil aussehe.
Demokratie überbewertet?
Der niederländische Autor Leon de Winter meinte zur Eröffnungsfrage: «Wir Juden sind einst nicht grundlos aus Ägypten weggegangen.» Er gab zu bedenken: «Demokratie wird vielleicht überbewertet. Wie Sex. Es ist wunderbar, aber nicht jeden Tag und den ganzen Tag.» De Winter sieht ein Paradox darin, dass man noch keine Methoden gefunden hat, «wie damit umzugehen ist, wenn Toleranz dank demokratischer Mittel zu Intoleranz führt – da sind wir sprachlos». Obwohl Werte wie Demokratie und Toleranz als universell gälten, seien leise Einwände zu hören, dass dies nicht überall der Fall sei. Vehement sprach sich Michel Friedman für Zurückhaltung aus. Er erinnerte an die Jahrhunderte dauernde christliche Hegemonie in Europa sowie an die Prozesse zur Emanzipation bis hin zur Erkenntnis, dass religiöse und weltliche Macht voneinander getrennt sein sollten. Deutlich äusserte er seine Hoffnung für Israels Nachbarland, wenn er feststellte: «Die schlechteste Demokratie ist als Partner besser als die beste Diktatur.»


