«Man bekommt nichts geschenkt»
Es klingt wie eine Hollywood-Geschichte: Eine junge Künstlerin lädt ihre Entwürfe auf die Internetseite www.flickr.com hoch, produziert ein wenig später in Eigenproduktion bescheidene, mit Heftklammern zusammengehaltene Fotokopien ihrer Werke, die sie auf einer Comic-Buchmesse verkauft, und wird dort von einem Agenten entdeckt. «Ich weiss, es klingt zu schön um wahr zu sein, aber so war es», versichert Sarah Glidden, die Künstlerin, um die es hier geht. Ihr Erstlingswerk, das Ende November im Vertigo-Verlag erschien, wurde von Kritikern hoch gelobt. «Publishers Weekly» nennt es den «spektakulärsten Durchbruch eines Mini-Comics, an den man sich erinnern kann» und «Entertainment Weekly» bezeichnet es sogar als eines der zehn besten Comic-Bücher des Jahres.
Eine Gehirnwäsche?
Niemand ist mehr überrascht von dem Erfolg als Glidden selbst. Als sie auf der New Yorker Comic-Buchmesse, auf der sie sich einen Tisch mit anderen Künstlern teilte, von einem Repräsentanten des DC-Verlags angesprochen wurde, sei sie nicht nervös gewesen. «Ich dachte, die seien nur an Superhelden interessiert», lacht sie heute darüber. Der 1934 gegründete DC-Verlag, vor allem bekannt für «Superman», «Batman», und andere Ikonen der amerikanischen Comic-Kultur, ist einer der bedeutendsten amerikanischen Comic-Buchverlage, der zusammen mit Hauptkonkurrenten Marvel Comics ungefähr 80 Prozent des amerikanischen Comic-Buchmarkts ausmacht. Eine Woche nach der Messe bekam Glidden ein E-Mail vom Vertigo-Verlag, der zur DC-Gruppe gehört. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Doch zu dem Buch wäre es beinahe nicht gekommen. Der Comic «How to Understand Israel in 60 Days or Less», für den Sarah Glidden bereits einige Preise erhielt, ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Programm Birthright Israel. Das vor zehn Jahren ins Leben gerufene Programm ermöglicht jüdischen Jugendlichen zwischen 18 und 26 Jahre eine kostenlose zehntägige Reise nach Israel und will so Kontakt mit der Kultur des Landes ermöglichen und fördern. Seit Beginn des Programms im Winter 2000 haben mehr als 200 000 Jugendliche aus über 50 Ländern daran teilgenommen.
Diese Reise als Geschenk, finanziell unterstützt von den Mäzenen Michael Steinhard und Charles Bronfman sowie weiteren Philanthropen, soll das Gefühl der Solidarität unter den Juden weltweit stärken und eine emotionale Verbindung zum Staat Israel herstellen. «Man bekommt im Leben nichts geschenkt», weiss Sarah Glidden, und daher war sie lange Zeit sehr skeptisch. Als politisch links Eingestellte sah sie Birthright als Propagandatour, auf der man einer «zionistischen Gehirnwäsche unterzogen wird».
Nahostkonflikt als Comic
Doch dann, kurz vor ihrem 27. Geburtstag, bewarb sie sich doch für die Reise. Ihr Plan: Alle Eindrücke sollten in einem Comic-Tagebuch festgehalten werden. «Das Ganze als Projekt zu sehen», erklärt sie heute rückblickend, «war für mich eine Ausrede, um daran teilzunehmen.» Die Idee, den Nahost-Konflikt im Comic-Buchform zu bearbeiten, ist nicht neu. Anfang der neunziger Jahre brachte der auf Malta geborene Künstler Joe Sacco seine Serie «Palestine» heraus, die den Konflikt aus einer antiisraelischen, propalästinensischen Perspektive beschrieb. Obgleich die Serie von einigen Kritikern als antisemitisch bezeichnet wurde, brachte sie ihm 1996 den renomierten American Book Award ein. Sarah Glidden kam mit einer ähnlichen Perspektive wie Sacco nach Israel. Und mit ihrem Projekt wollte sie die einseitige Darstellung des Konflikts von Birthright enttarnen.
Glidden wollte schon immer im Comic-Bereich tätig sein: «Als ich noch jünger war, wollte ich unbedingt für Disney arbeiten.» Doch dann kamen die Anschläge vom 11. September 2001 und lösten eine Identitätskrise bei ihr aus. «Ich dachte nur: Was mache ich überhaupt? Nichts was ich tue ist wirklich wichtig. Ich war damals 21 und war kurz davor, meine Kariere hinzuschmeissen.» Sie fing an, sich politisch zu engagieren, nahm an Demonstrationen gegen den Krieg in Irak teil, interessierte sich für Fotojournalismus und entdeckte dann Comics als Medium, aktuelle Geschehnisse zu kommentieren. Während ihrer Israel-Reise spielte sie mit offenen Karten: «Ich war von Anfang an ehrlich. Ich habe jedem erzählt, dass ich ein Comic-Buch machen will. Schon als ich am Telefon interviewt wurde. In Israel war ich immer diejenige, die fleissig Notizen in meine Mappe schrieb und Skizzen erstellte. Jeder wusste, was ich machte. Die Teilnehmer, die Leiter. Aber keiner störte sich daran.»
Ein authentisches Werk
Gliddens erste Reise in den Nahen Osten begann Anfang 2008. «Ich wuchs in einem sehr säkularen, ja agnostischen Haushalt auf», erzählt die in Boston geborene Künstlerin. Ihre Mutter ist jüdisch, ihr Vater nicht (die Eltern sind geschieden), aber als Kinder erhielten sie und ihr Bruder eine jüdische Erziehung. «Ich hatte meine Bat Mizwa, ging Sonntags zum jüdischen Religionsunterricht im Gemeindezentrum, aber um ehrlich zu sein, hatte ich nur wenig Interesse daran.» Wenn man in New York die religiöseren Verwandten der Mutter besuchte, lernte Glidden die, wie sie sagt, «sozialen Aspekte des Judentums» kennen: «gemeinsam Essen und sich gegenseitig anschreien», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Bereits Monate vor der Reise verschlang Glidden Literatur zum Nahost-Konflikt, darunter auch viele Werke, die sich kritisch mit Zionismus auseinandersetzen. Ihr Buch hat daher zwei Ebenen. Die eine Ebene ist ein autobiografischer Comic, der von ihrer jüdischen Selbstfindung, dem Umgang mit ihren eigenen Vorurteilten und dem Ringen mit dem Zionismus erzählt. Die andere ist eine journalistische Berichterstattung über die Realitäten der Reise, eingebaut in einen Kommentar, der den historischen Kontext erklärt.
So ist die Protagonistin des Buches die einzige, die den Abend im Beduinenzelt nicht geniesst; sie erinnert sich an all das, was sie über die Unterdrückung der Beduinen gelesen hat. Und als Massada besucht wird, stellt sie mit Hilfe von kritischer Literatur die historischen Fakten in Frage.
Sarah Glidden präsentiert eine unterhaltsame, an vielen Stellen komische, aber gleichzeitig tiefsinnige Darstellung einer Birthright-Reise. Man findet dort das, was man erwartet: Den Rassisten, der Araber als nicht gleichwertig empfindet; die verwöhnte Ignorantin, die nicht viel vom Konflikt versteht, aber gefestigte Meinungen hat; das Paar, das zu Hause feste Partner hat, dies aber auf der Reise vergisst; aber eben auch die andere Seite, kritisch denkende Israeli, Araber, die an den Frieden glauben, Idealisten, die auf beiden Seiten des Konflikts stehen. Dies sind kleine Details, die nur am Rande des Buches erwähnt werden, aber die die Authentizität des Werkes ausmachen.
Beeindruckende Neutralität
Am Ende des Comics ist Sarah Glidden verwirrter als zuvor. Ihre festen Meinungen über Schuld und Sühne sind ebenso aus den Wogen geraten, wie ihre negative Einstellung zu Religion und Zionismus. «Sarahs Erfahrungen sind keineswegs ungewöhnlich», weiss auch Wayne Hoffman, Herausgeber der bei Nextbook erschienenen Anthologie «What We Brought Back: Jewish Life after Birthright». «Leute kommen mit allen möglichen Ideen nach Israel, und wenn sie dort sind, merken sie, dass nicht alles so ist, wie sie gedacht haben. Israel ist kompliziert.» Der Titel «How to Understand Israel in 60 Days or Less» ist ironisch gemeint. Der Zeitraum beschreibt ihre Vorbereitungsphase, die eigentliche Reise und die Verarbeitung ihrer Eindrücke nach ihrer Rückkehr in die USA. Gleichzeitig ist die Zahl 60 auch symbolisch zu verstehen, da Israel ja im darauf folgenden Jahr das 60. Jahr seiner Existenz feierte. Es ist ein sehr ehrliches Buch, das stets darum bemüht ist, neutral zu bleiben, und dabei oft die Naivität der Autorin anprangert. «Ich beschreibe darin die Gefühle, die ich während der Reise hatte. Das war vor dem Regierungswechsel und dem erneuten Angriff auf Gaza. Ich wollte, dass dies nicht meine Darstellung beeinflusst», so Glidden. Diese Neutralität beeindruckte auch die Organisatoren von Birthright, die ihr anboten, sie als Rednerin für andere Gruppe zu engagieren. Glidden lehnte ab. «Ich denke, ich bin irgendwie genau die Zielgruppe, die sie erreichen wollen. Aber ich sehe darin einen Interessenkonflikt.»
Trotz ihrer guten Erfahrungen auf der Reise bleibt sie Birthright gegenüber skeptisch. «Das Programm ist nicht für jeden das Richtige. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es empfehlen würde. Ich bin normalerweise immer dafür, dass man reist und andere Kulturen kennenlernt. Und es ist ja eine geschenkte Reise. Aber man muss sich immer bewusst machen, wer einem welche Dinge erzählt.» Wie sie von anderen Teilnehmern gehört hat, kann Birthright wesentlich konservativer in der Darstellung der Realitäten sein, als sie es erlebt hat. «Was unsere Reise prägte, war, dass verschiedene Meinungen zu Wort kamen und man sich darauf einigte, sich nicht auf alles einigen zu können.»
Dies ist auch genau das, was ihr damaliger Freund zu ihr sagte. Im Buch wird er an verschiedenen Stellen erwähnt. Wie kleine Puzzleteile setzt sich das gesamte Bild zusammen und wir lernen, dass er pakistanisch-muslimischer Abstammung ist und dass sein Vater sehr antiisraelisch eingestellt ist und sogar Vorurteile gegenüber amerikanischen Juden hegt. Die Protagonistin des Buches ist daher immer im Konflikt mit sich selbst, wenn sie ihre eigenen Vorurteile in Frage stellt und sieht, dass Israel nicht immer im Unrecht ist. Sie ist besorgt, ihr Freund würde denken, sie sei auf die Propaganda hereingefallen.
Ein neues Projekt
Während der Reise habe immer eine «Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Atmosphäre» geherrscht: «Man denkt immer, andere, Nichtjuden, könnten nicht verstehen, was wir hier vor Ort erleben.» Doch der Kulturschock blieb aus. «Als ich zurückkam, war das absolut nicht der Fall. Jamil (ihr Freund, Anm. d. Red.) half mir nicht nur, meine Gedanken zu verarbeiten, er unterstützte mich sogar beim Verfassen des Buches.» Gliddens Comic «How to Understand Israel in 60 Days or Less» wird momentan ins Französische, ins Spanische und ins Italienische übersetzt. Eine deutsche Ausgabe wird im Panini-Verlag erscheinen. Für den Sommer ist daher schon eine Autorentour durch Europa geplant. Aber Sarah Glidden ruht sich nicht auf den Lorbeeren aus, sondern arbeitet bereits an ihrem nächsten Projekt, für das sie wieder den Nahen Osten bereist: eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Golfkriegs. Mit Sicherheit wird man noch einiges von Sarah Glidden lesen.


