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Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 2 Ausgabe: Nr. 2 » February 3, 2011

Wandern auf der Kunstmeile

Von Wolf Jahn, February 3, 2011
Von einem Holzmodell des salomonischen Tempels aus dem 17. Jahrhundert bis zur grössten Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst in Europa bietet Hamburg als Museumsstadt ein reiches Angebot.
Internationales Maritimes Museum Einblick in die 3000-jährige Geschichte der Schifffahrt

In Hamburg lässt sich seit Kurzem ein Gipfel stürmen. Nun existieren hier zwar schon Berge oder was der Hanseat dafür hält – die Harburger Berge etwa südlich der Elbe oder das romantisch hügelige Blankenese. Aber der neue Berg ragt mitten im Zentrum empor, dort wo Hauptbahnhof und Alster, Jungfernstieg und Speicherstadt allenfalls wenige Meter an Höhenunterschied trennen. Trotzdem zeigt sich der Gipfel schneebedeckt, zumindest seiner Form nach als Logo der kürzlich gegründeten Museumsinitiative «Hamburger Kunstmeile». Fünf namhafte Kunstinstitutionen, unter ihnen die Hamburger Kunsthalle und das Museum für Kunst und Gewerbe, haben sich zwecks gemeinsamer Aktionen und gemeinsamen Werbens unter diesem Namen zusammengeschlossen. Und weil sie ihrem Publikum Aufstiege in ungekannte Höhen versprechen, nahm man sich den Alpengipfel zum Logo. Wer sich unter diesem Branding eine Jahreskarte anschafft, erhält zudem eine Wanderkarte, pardon Orientierungskarte, Anstecknadeln und Infos über die zu erklimmenden «Höhen». Fast wie beim richtigen Bergwandern mit Stock und Stocknagel. Auf der dazu entsprechenden Website lässt sich sogar ein «Reisetagebuch» anlegen.
Hoch hinaus. In Hamburg ist diese Devise keine unbekannte. Die Hansestadt lebt von ambitionierten Projekten. Als in den neunziger Jahren mit der Galerie der Gegenwart die Hamburger Kunsthalle ein Haus für die Moderne erhielt, wählte man mit dem Quader-Entwurf von Oswald Mathias Ungers die teuerste von insgesamt drei Lösungen. Eine solche wurde zwar mit dem noch im Bau befindlichen Leuchtturmprojekt der Elbphilharmonie nicht anvisiert. Doch wachsen die Kosten des künftigen Konzertzentrums mittlerweile in solch schwindelerregende Höhen, dass dagegen selbst der zackige Gipfel im Kunstmeilenlogo zum bescheidenen Maulwurfshügel mutiert.



Geldprobleme und Sparzwang

Wer hoch hinaus will, riskiert bekanntlich tief zu fallen. 2010 war solch ein Sturzjahr mit behördlich-politisch ominösen Vorgängen, die auf Schliessungen von Kunstinstitutionen drängten. Sparzwänge, wie es hiess. Zuerst sollte die Galerie der Gegenwart temporär geschlossen, später mit dem Altonaer Museum ein traditionelles Haus für immer seine Tore schliessen. So viel kulturellen Schwachsinn liessen sich die Hamburger allerdings nicht gefallen. Die Schliessungen konnten dank massiven Protests verhindert werden. Kernproblem dieses chronischen Geldmangels ist die vor gut einem Jahrzehnt erfolgte Umwandlung der damals sieben Hamburger staatlichen Museen in Stiftungen öffentlichen Rechts, eine notwendige, zukunftsweisende und durchaus zu begrüssende Massnahme. Sie gab den Museen weitaus mehr an Selbständigkeit. Schlicht unter den Teppich gekehrt wurde jedoch die langfristige Finanzierung des Vorhabens, da die Stiftung selbst über kein eigenes Kapital verfügt. Heute muss deshalb gespart und gehofft werden, auf die kommenden Bürgerschaftswahlen im Februar und auf eine dann wünschenswert einvernehmliche wie dauerhafte Lösung für Hamburgs Museumslandschaft.
Nun gibt es in einer Kaufmanns- und Bürgerstadt, die keine feudalen Sammlungen zu verwalten hat, durchaus bemerkenswerte Kultur. Mäzene, Gönner, unternehmerische Initiativen und privates Engagement haben das kulturelle Bild der Hansestadt entscheidend mitgeprägt. Stolz blickt man hier auf die weltweit grössten Sammlungen mit Werken der beiden Lieblingssöhne der Stadt, die Romantiker Caspar David Friedrich sowie Philipp Otto Runge. An Letzteren wird zurzeit mit einer grossen Retrospektive in der Kunsthalle anlässlich seines 200. Todestages erinnert. In farbig gestaltenen Räumen konzentriert sich alles auf sein Werk, seine Gemälde von Lebens- und Weltzyklen, seine Lehrstücke, Porträts und Kinderbilder sowie die dreidimensionale Farblehre. Gefeiert wird der Romantiker als Vorreiter der Moderne, weshalb «Kosmos Runge. Der Morgen der Romantik» (bis 13. März) auch in der Galerie der Gegenwart stattfindet. Im gleichen Haus erinnert darüber hinaus auch «Cut» (bis 6. Februar), eine Schau mit modernen Scherenschnitten, an Runge als Vorläufer dieser papiernen Schneidekunst.

Kunst für zwischendurch

Bald kann das am Rathaus gelegene Bucerius Kunst-Forum sein zehntes Jubiläum feiern. Es wird von von der Zeit-Stiftung finanziert und wurde als eine Art «Zwischendurch-Museum» konzipiert. Mit dem Slogan «Kunst passt immer dazwischen» warb man lange für den schnellen Kunstgenuss während der Arbeitspause oder zum feierabendlichen Chill-out an sieben Tagen in der Woche. Im Angebot steht hochkarätige Kunst aus allen Zeiten und Kulturen – eben endete eine Chagall-Schau – sowie ein unfassendes Rahmenprogramm. Demnächst wird Ex-Kunsthallenchef Uwe M. Schneede hier als Kurator aktiv werden, wenn das Bucerius Kunst-Forum den Jubiläumsreigen zu Gerhard Richters 80. Geburtstag einleitet (5. Februar bis
15. Mai). Auch die Kunsthalle wird sich zeitgleich und thematisch mit der Ausstellung «Unscharf» an die Richter-Schau anlehnen.
Zurzeit arg gebeutelt ist vor allem das 1874 gegründete Museum für Kunst und Gewerbe, eines der kulturellen Schmuckstücke der Stadt, das mit seinen rund 700 000 Objekten in der Tradition der grossen europäischen Museen für Kunst, Kunsthandwerk und Design steht. Bedingt durch aufwändige Restaurationsarbeiten ist der Zugang zu seinen vielfältigen Sammlungen, die von der Antike bis zum zeitgenössischen Design, von Inneneinrichtungen, Musikinstrumenten, Mode bis zur Fotografie reichen, eingeschränkt. Immerhin bemüht man sich mit Sonderausstellungen ein attraktives Angebot aufrechtzuerhalten. So wird im Sommer «Das Design von Jonathan Ive» ausgestellt, eine Schau über jenen Chefdesigner, dem Computerhersteller Apple einen beträchtlichen Teil seines Erfolgs verdankt (26. August bis 15. Januar 2012). Und für diesen Herbst ist die Wiedereröffnung der Sammlung der Moderne geplant. Über die drei Stockwerke des Hauses sollen die Besucher dann Designgeschichte hautnah miterleben, mit insgesamt 16 Themenräumen, die sich zeitlich vom Louis-seize-Kabinett des Hamburger Kaufmanns und Senators Nicolaus Gottlieb Lütkens aus dem 18. Jahrhundert bis zur mittlerweile zur Kult gewordenen Kantine des dänischen Architekten und Designers Verner Panton erstrecken. Panton hatte 1969 etliche Räume des Hamburger Spiegel-Verlagshauses gestaltet, von denen einzig die Kantine weitestgehend im Originalzustand erhalten ist. Ein psychedelisches Feuerwerk mit braun-orange gemusterten Teppichboden und poppigen Wandverkleidungen.

Fotografie und bildende Kunst

Südwestlich des Museums haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten weitere Häuser angesiedelt. Gleich um die Ecke liegt der Hamburger Kunstverein, der erste Kunstverein Deutschlands. Hier wirbt man selbstbewusst mit dem Slogan «Der Kunstverein, seit 1817». Gleich daneben zieht sich mit der nördlichen Deichtorhalle Europas grösste Ausstellungshalle für aktuelle Kunst weit in die Länge. Die zweite und südliche Deichtorhalle, das Haus der Fotografie, bietet hingegen Wechselausstellungen mit überwiegend zeitgenössischer Fotografie. Zudem ist es Zentrum der Hamburger Foto-Triennale, die in diesem Jahr zum fünften Mal unter dem Motto «Wechselspiel. Foto–Film–Foto» Anfang April ausgerichtet wird. Daran werden zahlreiche öffentliche wie private Aussteller beteiligt sein. Das Haus selbst konzentriert sich dabei mit Ausstellungen über Wahrhol-Star Joe Dallesandro und die Zwillingsschwestern Jutta Winkelmann und Gisela Getty ganz auf den Zeitgeist der siebziger Jahre.
Mehr als diesen erwartet die Besucher in der grösseren, der zeitgenössischen Kunst vorbehaltenen Halle mit den «Jack Freak Pictures» des englischen Künstlerduos Gilbert & George (25. Februar bis 22. Mai). Die weit über 100 Bilder aus dem Jahr 2008 führen in eine pandämonische Welt, in der sich die Künstler in Monstren oder Zyklopen verwandeln. Einen bemerkenswerten Deal konnten die Deichtorhallen kurz vor Weihnachten besiegeln und sich die umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst des Hamburger Sammlers Harald Falckenberg als Dauerleihgabe sichern. In der Sammlung finden sich Namen wie Martin Kippenberger, Jonathan Meese und Daniel Richter. Bislang waren die Kunstwerke in der Harburger Phoenix-Halle, die Falckenberg mit wenigen Mitteln in ein sehenswertes, transparentes und mehrstöckiges Ausstellungsgebäude verwandelt hat. Zukünftig soll es auch von den Deichtorhallen genutzt und als Dependance betrieben werden.
Für eine Anzahl kleinerer, privater oder privat betriebener Museen wie das beliebte afghanische Museum, Spicy’s Gewürzmuseum oder das Speicherstadtmuseum bietet die historische Speicherstadt an der nördlichen Grenze zur Hafen City ausreichend Platz. Ein ambitioniertes Projekt markiert dort nicht nur optisch das Internationale Maritime Museum. In dem ehemaligen denkmalgeschützten Kaispeicher B breitet sich auf zehn Etagen, die hier Decks genannt werden, und einer Ausstellungsfläche von 12 000 Quadratmetern die maritime Sammlung des ehemaligen Springer-Vorstands Peter Tamm aus. Zu sehen sind Schiffsmodelle, Konstruktionspläne, Gemälde, historische Marineuniformen und Waffen. Zusammen zählt die Sammlung über 40 000 Einzelstücke. Bis heute umstritten ist das privat geführte Museum vor allem aufgrund beträchtlicher Zuwendungen, die es von der Stadt erhielt.
30 Millionen Euro wurden für Renovierung und Erschliessung gewährt, ein Kapital, von dem andere Museen mit maritimen Sammlungen wie das Museum für Hamburgische Geschichte und das Altonaer Museum nicht einmal zu träumen wagen. Wer der Schiffe wegen nach Hamburg kommt, sollte zudem nicht vergessen, die historischen Häfen in der Hafen City sowie in Övelgönne aufzusuchen. Auch das Museum der Arbeit verfügt über eine Aussenstelle im Hafen.
Weiter im Süden, im auf drei Elbinseln gelegenen Stadtteil Veddel, findet sich mit der sogenannten Ballin-Stadt das 2007 eröffnete Auswanderungsmuseum. 1901 errichtete hier die Hapag unter Federführung von Albert Ballin neue «Auswandererhallen», nachdem die «Auswandererbaracken» im Hafen den Ansturm der Emigranten nicht mehr auffangen konnten. Die Auswandererhallen waren wie eine kleine Stadt, in der es unter anderem ein Lazarett, Kirchen, eine Synagoge und einen Musikpavillon gab. Für das Museum wurden jetzt drei Hallen wiedererrichtet, durch die heute ein Rundgang thematisch von der Auswanderung in Hamburg über die Schiffsreise bis zur Ankunft in Amerika führt. In einem der Häuser ist zudem ein Forschungszentrum untergebracht, in dem man sich via Internet kostenlos auf Ahnensuche begeben kann. Auch wurde für die Ballin-Stadt ein Anleger gebaut, sodass eine Anfahrt über die Landungsbrücken in Hamburg Mitte mit einer Barkasse möglich ist.
Hamburger Stadtgeschichte
Wer sich noch weiter in den Süden und damit über die Elbe wagt, durchquert zunächst den Stadtteil Wilhelmsburg, zurzeit Terrain für städtebauliche Grossaktivitäten. 2013 wird hier die Internationale Bauausstellung zusammen mit der Internationalen Gartenschau ausgerichtet. Kurz danach landet man im Stadtteil Harburg, Standort der archäologischen Sammlungen der Hansestadt. Das Landesmuseum für Archäologie der Freien und Hansestadt Hamburg, kurz Helms-Museum nach seinem Gründer, dem Kaufmann August Helms, benannt, besitzt eine der umfangreichsten archäologischen Sammlungen Norddeutschlands. Darüber hinaus dient es als Heimatmuseum und der Präsentation der Stadtgeschichte Harburgs. Für die Stadtgeschichte ganz Hamburgs ist jedoch das Museum für Hamburgische Geschichte erste Anlaufstelle. In unmittelbarer Nähe zu Reeperbahn und St. Pauli bietet das von Fritz Schumacher errichtete Gebäude eine Fülle an historischem Material aus mehr als 1200 Jahren Stadtgeschichte. Unter den Exponaten finden sich auch wahre Preziosen wie das im 17. Jahrhundert in Auftrag gegebene Modell des salomonischen Tempels.
Das auf einer Fläche von 3,5 mal 3,5 Metern errichtete und nach biblischen Angaben gefertigte Holzmodell ist nicht nur aussen, sondern auch innen minutiös ausgearbeiet. Nicht immer stand es in Hamburg, zeitweilig kam es in die Sammlung des sächsischen Kurfürsten August des Starken nach Dresden. Dort war es zusammen mit einer Nachbildung der Stiftshütte, jüdischen Ritualgegenständen und der Rekonstruktion einer Synagoge Teil des «Juden-Cabinetts», vermutlich des ersten, einer breiten Öffentlichkeit zugänglichen jüdischen Museums der Welt.
Auch ein Teil des Museums für Hamburgische Geschichte ist heute ausschliesslich der jüdischen Kultur gewidmet. Die Dauerausstellung «Juden in Hamburg» basiert auf vorangegangenen Sonderausstellungen, vor allem auf «Vierhundert Jahre Juden in Hamburg» zu Beginn der neunziger Jahre. Heute führt die Dauerausstellung durch alle Bereiche des jüdischen Lebens in der Hansestadt, von seinem Beginn mit der Einwanderung im
16. Jahrhundert bis hin zur Verfolgung und Vernichtung unter der NS-Herrschaft. Begleitet mit regelmässigen Veranstaltungen wird sie durch die Reihe «Begegnungen mit der jüdischen Kultur und Geschichte». Wer ein beeindruckendes und weiteres Kapitel jüdischer Geschichte in Hamburg sehen will, muss das Museum jedoch verlassen. Westlich davon liegt der Jüdische Friedhof Altona, eines der weltweit bedeutendsten jüdischen Gräberfelder. Von 1616 bis 1877 wurden hier Mitglieder der sephardischen und der aschkenasischen Gemeinden in Hamburg bestattet. Von den vermutlich 8000 Grabsteinen sind heute noch mehr als 6000 erhalten. Vor einigen Jahren wurde in der Hansestadt zudem die Gründung eines jüdischen Museums diskutiert, möglicherweise in der Hafen City. Dafür wurde auch ein Förderverein gegründet. Aber dieser ist derzeit nicht aktiv.    ●

Wolf Jahn lebt und arbeitet als Kunsthistoriker und Journalist in Hamburg. Er hat unter anderem die grundlegende Studie «The Art of Gilbert & George» über das britische Künstler-Duo veröffentlicht.



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