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Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 2 Ausgabe: Nr. 2 » February 3, 2011

Vertrieben und verbannt

Von Wilfried Weinke, February 3, 2011
Bis heute wird die Erinnerung der aus Hamburg vertriebenen und von den Nazis ermordetenJuden allzu oft privater Initiative überlassen. Dabei war unter den vertriebenen HamburgerJuden eine Vielzahl wichtiger Bürger der Stadt.
Prominenter Hamburger Flüchtling Kinderbuchautor H. A. Rey und seine Frau Margret

Eine eher unauffällige Gedenktafel an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen erinnert an eine tragische Episode der Auswanderung aus der Hansestadt. Das im Pegelturm von Brücke 3 im November 2000 angebrachte Mahnmal bewahrt die Erinnerung an die 906 jüdischen Passagiere des Hapag-Schiffes «St. Louis», das im Mai 1939 den Hamburger Hafen mit Ziel Kuba verliess, um die Reisenden vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu retten. Alles Weitere ist traurige Geschichte: Gezielte antisemitische Propaganda deutscher Stellen führte dazu, dass die kubanische Regierung die Einreisererlaubnis zurückzog. Die Odyssee der «St. Louis» begann. Da auch die USA die Aufnahme der Passagiere ablehnten, musste das Schiff die Rückfahrt nach Europa antreten. Nur dank des couragierten Kapitäns Gustav Schröder gelang es, die verzweifelten Passagiere in Antwerpen von Bord gehen zu lassen. Ein Teil konnte nach England weiterreisen, doch Hunderte anderer Flüchtlinge gerieten nach der deutschen Okkupation der Niederlande, Belgiens und Frankreichs wieder in die Gewalt der Nationalsozialisten.



Tor zur Welt?

Hamburg als bedeutender Industrie- und Handelsstandort zählt heute zu den wichtigsten Metropolregionen Europas, und das verdankt die Stadt, trotz aller Krisen, ihrem Hafen.
Neben Bremen als grösstem europäischen Auswandererhafen war der Hamburger Hafen seit den dreissiger Jahren des 19. Jahrhunderts für Hunderttausende das Tor zur Welt geworden. Aus wirtschaftlichen wie politischen Gründen nutzten allein zwischen 1838 und 1914 mehr als 3,6 Millionen Menschen Hamburg als Transithafen für die Auswanderung in die USA, unter ihnen vor allem osteuropäische Juden. Auf der Veddel im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort errichtete die Hapag (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft) unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin 1901 eigene Auswandererhallen, die zu ihrer Zeit als vorbildliche Einrichtungen galten und etwa 5000 Menschen vorübergehend beherbergen konnten.
Spätestens seit der Eröffnung des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven 2005 gab es auch für Hamburg Anlass genug, für eine ähnliche Attraktion zu sorgen. Sie entstand in Form der sogenannten Ballin-Stadt am Ort der einstigen Auswandererhallen. Doch während die Bremerhavener sowohl bei den Baukosten wie auch bei der Ausstellung nach der Devise «Klotzen, nicht kleckern!» vorgingen und man dort tatsächlich, wie in der Eigenwerbung versprochen, «Auswanderung erleben, Spuren finden, Migration verstehen» kann, wurde die Ballin-Stadt als «Disneyland der Migration» kritisiert. Da der Darstellungszeitraum wegen der nur bis 1934 erhaltenen Auswanderungslisten beschränkt wurde, blendet die neu kreierte Ausstellung damit die durch politischen Druck erzwungene Vertreibung und Auswanderung Tausender deutscher Juden schlicht aus. Ein Armutszeugnis für einen Gedächtnisort, an dem sich das historische und kulturelle Selbstverständnis Hamburgs manifestieren sollte.

Vertriebene, Verbannte

Es war der Schriftsteller Bertolt Brecht, selbst zur Flucht aus Deutschland gezwungen, der sich in seinem 1937 verfassten Gedicht «Über die Bezeichnung Emigranten» gegen jede Schönfärberei verwahrte. Er reklamierte sprachliche Präzision: «Emigranten / Dass heisst doch Auswanderer. / Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss / Wählend ein anderes Land / Wanderten wir doch auch nicht / Ein in ein Land, dort zu blieben, womöglich für immer. / Sondern wir flohen. Vertrieben sind wir, Verbannte.»
Auch aus Hamburg wurden die jüdischen Bürger vertrieben und verbannt. Ihre Flucht vollzog sich in drei unterscheidbaren Phasen. Unmittelbar nach der Machtergreifung flohen jene, die die von den regierenden Nationalsozialisten ausgehende Gefahr früh erkannten und ihre Schlüsse daraus zogen. Politische Flüchtlinge, die den ersten Verhaftungswellen nicht zum Opfer gefallen waren, entkamen in das benachbarte Ausland (Dänemark, Frankreich, Holland, Tschechoslowakei). Insbesondere für zionistisch geprägte jüngere Leute wurde Palästina zu einem wichtigen Zufluchtsort. Eine zweite Phase der Emigration setzte nach der Verabschiedung der «Nürnberger Gesetze» im September 1935 ein, die Juden zu Bürgern zweiter Klasse herabsetzten. Einen dramatischen Anstieg erfuhr die Auswanderung nach der Pogromnacht vom November 1938, in der Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bürger der Hansestadt ihren Höhepunkt erlebten.
Die Flüchtlinge stammten aus allen Berufszweigen. Zu ihnen zählten Schriftsteller wie die Geschwister Max und Grete Berges, Iwan Heilbut, Heinz Liepman und Justin Steinfeld. Später folgten der Verleger Kurt Enoch, der in den USA zum Pionier im Taschenbuch-Verlagswesen wurde, sowie der Illustrator Hans Augusto Reyersbach, der später als Kinderbuchautor H. A. Rey weltweite Berühmtheit erlangte. Auch für Architekten wie Fritz Block, Robert Friedmann, Oskar Gerson und Ernst Hochfeld, für Künstlerinnen und Künstler wie Lore Feldberg-Eber, Kurt Löwengard, und Gretchen Wohlwill, für die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, Fotografen wie Emil Bieber, Max Halberstadt, Erich Kastan und Kurt Schallenberg, die Opernsängerin Sabine Kalter und den Komponisten Berthold Goldschmidt gab es in Deutschland keinerlei berufliche Perspektiven mehr. Sie alle mussten ihr Heil in der Flucht und in einer ungewissen Zukunft suchen. 
Das «Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» vom April 1933 schuf die Möglichkeit, Wissenschaftler jüdischer Herkunft aus der Hamburger Universität zu verdrängen und zu entlassen. Die Hansestadt verliessen Ernst Cassirer (der 1929 in Hamburg als erster Jude zum Rektor einer deutschen Universität gewählt worden war), Erwin Panofsky, Otto Stern und William Stern. Zu den zwangsentlassenen Professoren gehörte auch der Germanist Walter A. Berendsohn, der zuerst nach Dänemark, 1943 in letzter Minute nach Schweden fliehen konnte. Es bleibt ein betrübliches Kapitel hamburgischer Universitätsgeschichte, dass Berendsohn, dem Nestor der internationalen Exilforschung, bis zu seinem Lebensende (er lebte bis 1984) die Rückkehr auf einen Lehrstuhl in seiner Heimatstadt verwehrt wurde.
Auch aus anderen Bereichen des öffentlichen Lebens wurden Hamburger Juden ausgegrenzt und vertrieben. So floh der ehemalige sozialdemokratische Bürgerschaftsabgeordnete Herbert Pardo im August 1933 nach Palästina. Sein Rechtsanwaltskollege Bernhard David, bis Dezember 1938 Vorsitzender des Vorstands der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, konnte ihm nach seiner Entlassung aus KZ-Haft im Januar 1939 folgen. Den Pädagogen Ernst Loewenberg, Sohn des Dichters Jakob Loewenberg, sowie Arthur Spier, dem ehemaligen Direktor der Talmud-Tora-Realschule, gelang die Flucht in die USA. Der Rabbiner Paul Holzer konnte nach seiner Freilassung aus KZ-Haft nach England emigrieren, Bruno Italiener, Rabbiner des Israelitischen Tempelverbands, gelangte 1939 über Belgien nach England. Aus dem Bereich der Wirtschaft flohen die Reeder Arnold Bernstein und Lucy Borchard. Der Bankier und Politiker Max M. Warburg, mehrere Jahre Vorsitzender des Hilfsvereins der deutschen Juden sowie Ratsmitglied in der Reichsvertretung der deutschen Juden, konnte noch im August 1938 in die USA ausreisen. Vor einer Rückkehr nach dem Novemberpogrom wurde Warburg gewarnt.
Insgesamt emigrierten zwischen 1933 und 1941 zwischen 10 000 und 12 000 Juden aus Hamburg. Die, denen die rechtzeitige Flucht aus der Hansestadt nicht gelang, die, die angesichts der Deportationsbefehle nicht den Selbstmord wählten, wurden in den Tod geschickt. Das 1995 veröffentlichte Gedenkbuch «Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus» listet die Namen von 8877 Opfern deutscher Judenverfolgung auf.

Heimatgefühl

Gewiss, nach 1945 kehrten Emigranten – ganz oder zeitweilig – nach Hamburg zurück, doch sie blieben Ausnahmen, wie der Politikwissenschaftler Siegfried Landshut oder die nach Südamerika geflohene Tänzerin Erika Milee. Der von Max Brauer, selbst Emigrant, aus den USA zurückgerufene Herbert Weichmann, ab 1965 Bürgermeister Hamburgs, initiierte zwar ein «Besuchsprogramm für verfolgte ehemalige Bürgerinnen und Bürger Hamburgs». Doch es waren einmalige und zeitlich begrenzte Besuche. Ob eine dauerhafte Rückkehr ehemaliger jüdischer Bürger erwünscht gewesen wäre, muss unbeantwortet bleiben. Eine offizielle Aufforderung, in die Heimatstadt zurückzukehren, hat es nie gegeben.
Dass viele ehemalige Bürger Hamburgs ambivalente Gefühle gegenüber ihrer Heimatstadt hegten, kann nicht verwundern. So schrieb der in Hamburg geborene und in London gestorbene Dramaturg und Publizist Robert Muller (1925–1998): «Es gibt Menschen, die dieses richtige Heimatgefühl nie haben können, weil sie vertrieben worden sind. Ich bin aus dieser Stadt 1938 vertrieben worden. Meine Eltern sind vertrieben worden. Meine Grossmutter ist ermordet worden. Wie kann ich ein ungestörtes Gefühl haben zu dieser Stadt, die ich liebe? Wenn dieses Gefühl einmal gestört ist, dann müssen sie das ihr Leben lang in ihrem Herzen tragen. Für mich ist es sehr schwer, ein ungestörtes Heimatgefühl zu haben.»    ●
Ursula Wamser/Wilfried Weinke: «Jüdisches Leben am Grindel», Verlag Zu Klampen (Neuauflage 2006).
Wilfried Weinke ist Journalist und lebt in Hamburg.



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