logo
4. Februar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » February 4, 2011

Grössen der Vergangenheit

Gideon Levy zur Lage in Israel, February 4, 2011

Vor wenigen Tagen noch war Ägypten sicher in unserer Hand. Die Armee von Fachleuten wie auch unsere Kairo-Experten und Ex-Minister Binyamin Ben-Eliezer meinten, alles sei «unter Kontrolle». Kairo sei nicht Tunis und Mubarak sei stark. Ben-Eliezer habe, wie er selber sagte, am Telefon mit einem hohen ägyptischen Offiziellen gesprochen, der ihm versichert habe, es bestehe kein Grund zur Sorge. Ben-Eliezer und Mubarak sind aber unausweichlich auf dem besten Wege, zu Grössen der Vergangenheit zu werden.



Am vergangenen Freitagabend änderte sich alles. Einmal mehr haben sich die Einschätzungen des israelischen Geheimdienstes nicht als Inbegriff der Genauigkeit erwiesen. Das ägyptische Volk hatte das Sagen, und es behielt die Nerven, nicht mit den Wünschen Israels gleichzuziehen. Kurz bevor Mubaraks Schicksal endgültig besiegelt wird, ist es an der Zeit, die israelischen Schlussfolgerungen zu ziehen.

Die Zeichen für das Ende eines durch Bajonette gehaltenen Regimes stehen an der Wand. Manchmal dauert es Jahre, und der Fall kommt oft dann, wenn er am wenigsten erwartet wird, doch letzten Endes trifft er ein. Nicht nur Damaskus und Amman, Tripolis und Rabat,
Teheran und Pjöngjang – auch für Ramallah und Gaza steht das
Barometer auf Veränderung.

Die heuchlerische und frömmlerische Aufteilung von Ländern durch die USA und den Westen in die «Achse des Bösen» einerseits und die «Gemässigten» andererseits ist zusammengebrochen. Wenn es eine Achse des Bösen gibt, dann gehören zu ihr alle nicht demokratischen Regimes, einschliesslich der «gemässigten», «stabilen» und «prowestlichen». Heute Ägypten, morgen Palästina. Gestern Tunesien, morgen Gaza.

Nicht nur das Fatah-Regime in Ramallah und das Hamas-Regime in Gaza sind dem Untergang geweiht, sondern eines Tages vielleicht auch die israelische Besatzung, die sicherlich alle Kriterien für eine kriminelle Tyrannei und ein böses Regime erfüllt. Auch die Besatzung verlässt sich ausschliesslich auf Gewehre, und auch sie ist bei allen Schichten des beherrschten Volkes verhasst, auch wenn dieses hilflos, unorganisiert und nicht ausgerüstet einer grossen Armee gegenübersteht. Die erste Schlussfolgerung: Besser, die Sache gut zu beenden, mit Abkommen, die auf Gerechtigkeit basieren und nicht auf Macht. Einen Augenblick bevor die Massen das Sagen haben werden.

Eine zweite, nicht weniger wichtige Schlussfolgerung: Allianzen mit unpopulären Regimes können sich über Nacht in Luft auflösen. Solange die Massen in Ägypten und der ganzen arabischen Welt weiterhin Bilder von Tyrannei und Gewalt aus den besetzten Gebieten zu sehen bekommen, wird Israel nicht akzeptiert zu werden.

Das ägyptische Regime ist zu einem Alliierten der israelischen Besatzung geworden. Ein unumstösslicher Beweis dafür ist die gemeinsame Belagerung des Gazastreifens. Den Ägyptern gefällt das nicht. Das Friedensabkommen mit Israel, in dem Israel sich verpflichtet, die «legitimen Rechte des palästinensischen Volkes zu respektieren», war den Ägyptern noch nie sympathisch, hat Israel doch nie sein Wort gehalten.

Es reicht nicht, in der Region ein paar Botschaften zu haben, um in der Region akzeptiert zu werden. Es müssen auch Botschaften des guten Willens vorhanden sein sowie ein gerechtes Image und ein Staat, der kein Besetzer ist. Israel muss sich seinen Weg in die Herzen der Araber erarbeiten, die auch dann nie einer fortgesetzten Unterdrückung ihrer Brüder zustimmen werden, wenn ihr Geheimdienst-Minister weiter mit Israel kooperiert.

Wenn es etwas gibt, das die ägyptische Opposition vereint, dann ist es ihr unbändiger Hass auf Israel. Nun werden ihre Vertreter an die Macht gelangen, und Israel wird sich in einer schwierigen Position  befinden. Es wird nichts übrigbleiben von dem Erfolg, mit dem Binyamin Netanyahu sich so gerne brüstet, der Allianz mit den «gemäs-
sigten» arabischen Regimes gegen Iran. Eine wirkliche Allianz mit Ägypten kann nur auf dem Ende der Besatzung basieren, wie es das ägyptische Volk wünscht, und nicht auf einem gemeinsamen Feind.

Das ägyptische Volk hat sein Schicksal in die eigene Hand genommen. Das hat etwas Beeindruckendes und Erfrischendes: Keine Macht, nicht einmal der von Ben-Eliezer so geschätzte Mubarak, kann diese Massen bodigen. Washington hat sich, die Bedeutung des Moments erkennend, rasch von Mubarak losgesagt und versucht nun, die Gunst seines Volks zu finden. Irgendwann einmal muss sich dies auch in Jerusalem ereignen.    


Gideon Levy ist Journalist bei «Haaretz».



» zurück zur Auswahl