Gemeinde zwischen Kontinuität und Aufbruch
Seit 1968 betreut Rabbiner Hermann Schmelzer die traditionsreiche Jüdische Gemeinde St. Gallen (JGSG), die 1863 gegründet wurde. Sie ist ein fester Bezugspunkt der Stadt, nicht zuletzt wegen ihrer prächtigen, mit viel Respekt renovierten Synagoge an zentaler Lage. Und auch wegen ihrer intellektuell und menschlich geschätzten Rabbiner; einst war dies Lothar Rothschild, seit 42 Jahren ist es Rabbiner Hermann Schmelzer.
In den Jahrzehnten seines Wirkens hat sich Rabbiner Schmelzer in der Gemeinde und auch ausserhalb viel Hochachtung erworben. Von diesem geistigen, religiösen und gesellschaftlichen Kapital wird die JGSG weiterhin profitieren können. Aber sie will ihrem Rabbiner einen Kultusbeamten zur Seite stellen, der ihm einige Arbeiten abnehmen und auch die seit Herbst 2010 nur interimistisch besetzte Stelle des Religionslehrers einnehmen soll.
Erster positiver Eindruck
Der Gemeindevorstand ging in den Wochen und Monaten vor der ausserordentlichen Gemeindeversammlung sehr behutsam vor, um dem Rabbiner den Übergang zm Wirken mit einem Assistenten an der Seite so einfach wie möglich zu gestalten. «Rabbiner Schmelzer wird der Jüdischen Gemeinde St. Gallen selbstverständlich mit all seinen Kräften und seinem grossen Wissen weiterhin zur Verfügung stehen», sagt Vorstandsmitglied und Kassier Rolf Blumenfeld. Als ein Nachfolger für den Religionslehrer gesucht wurde, fand der Vorstand in der Person des jungen Zürchers Noam Hertig nicht nur einen Lehrer: «Wir bekamen die unverhoffte Chance, in Noam Hertig dank guter Vorbildung und breiter Erfahrung mit Jugendlichen und Familien jemanden zu finden, der zusätzlich neue Aufgaben übernehmen und teilzeitlich für eine Entlastung im Rabbinat sorgen kann», heisst es in einer Mitteilung des Vorstands.
Hertig, gegenwärtig auf Hochzeitsreise, stellte sich an einem gemeinsam mit Rabbiner Schmelzer gestalteten Schabbatwochenende mit seiner Frau dem Vorstand und den interessierten Gemeindemitgliedern vor. Der Eindruck, so ist zu hören, war durchaus positiv. Die Wahl gilt bei vielen St. Gallern als reine Formsache. Gibt die Gemeinde dem neuen Kultusbeamten am 6. Februar ihren Segen, «so sehen der Rabbiner und der Vorstand einer Zusammenarbeit zuversichtlich entgegen», lässt der Vorstand verlauten, der mit dieser Wahl eine wichtige Weichenstellung für die Gemeinde vornehmen und ihrem bald 79-jährigen Rabbiner eine Assistenz anbieten möchte.
Mit Freude und Einsatz
Rabbiner Schmelzer gibt gerne zu, dass für ihn der Gedanke nicht ganz einfach war, dass er nach 42 Jahren, in denen er die Jüdische Gemeinde St. Gallen ganz allein betreute, einige seiner Aufgaben an einen Kultusbeamten abtreten soll. «Ich bin gegenüber Menschen sehr offen», sagt er zu tachles. «Es wird sich zeigen, für die Gemeinde, für Herrn Hertig und für mich, wie unsere Zusammenarbeit klappt.» Schmelzer ist der dienstälteste Rabbiner der Schweiz. «Ich habe in St. Gallen drei Bischöfe erlebt!», lacht er. Die Beziehungen zu den christlichen Amtsbrüdern sind sehr harmonisch und von gegenseitigem Respekt getragen. Auch die Muslime sind ihm nicht fremd: Über den Islam sprach Rabbiner Schmelzer bereits 1973 im Rahmen seines festen Lehrauftrags an der Universität St. Gallen, «schliesslich habe ich auch Arabisch studiert». Den Lehrauftrag über die verschiedensten Aspekte der Religionsgeschichte gab er erst vor drei Jahren zurück. Er diente der Universität zudem im Team der Studentenseelsorger.
Seine Tätigkeit für die JGSG will Rabbiner Schmelzer weiterhin mit Freude und Einsatz ausüben, sagt er. Der in der Schweiz eingebürgerte Ungar schätzt an den jüdischen Gemeinden der Schweiz, dass sie autonome Religionsgemeinschaften sind, «kulturell, religiös, wirtschaftlich autonom, mit guter Kommunikation, einfach ideal».


