Bibis Sancho Panza
Wenn ein politischer Schritt als eine Operation der Sondereinheit des Generalstabs definiert wird, wirft dies viele Fragen auf. Hat sich Ehud Barak wie damals, während jenem Kommando 1973 in Libanon als Frau verkleidet, um Mitternacht in Binyamin Netanyahus Haus geschlichen? Oder hatte er sich etwa als für Treibstoff zuständiger Flughafenarbeiter verkleidet, wie er es 1972 beim Angriff auf die entführte Sabena-Maschine getan hatte? Oder seilte er sich möglicherweise von einem Helikopter ab, wie die Marinesoldaten es im letzten Mai beim Sturm auf das Schiff Mavi Marmara getan hatten? Letzten Endes ist all dies aber nicht wichtig.
Barak, geübter Wiederkehrer und politisches Stehaufmännchen, war der Meinung, ein göttliches Recht auf den Posten des Verteidigungsministers zu haben. Am Tag, an dem Itzhak Rabin ermordet wurde, befand sich Barak in New York. In jenen Stunden, in denen die ganze Nation trauerte, beschäftigte ihn vor allem die Frage, ob er vom Innenministerium ins Verteidigungsministerium transferiert werden könnte – sein Lebenstraum. Zu seiner grossen Enttäuschung war die Antwort negativ. Shimon Peres folgte auf Rabin und übernahm das Verteidigungsportefeuille.
Später als Premierminister erwies sich Barak als Mann des Disputs und des Zanks. Alle, die ihm einigermassen nahestanden, verliessen ihn, und schliesslich wurde er von Ariel Sharon mit einem Erdrutsch-Resultat besiegt. Von Baraks Versprechen eines «Anbruchs eines neuen Tages», wie er es mit brüchiger Stimme formulierte, blieb einzig seine unermüdliche Liebe für das Verteidigungsressort.
Was sieht er heute, wenn er in den Spiegel schaut? Dass er zum Beschützer von Netanyahus Hintern geworden ist? Egal, was sie unterschrieben haben, Barak und seine vier Fraktionskollegen sind eine winzige Minderheit in einer rechtsgerichteten Regierung, in der Avigdor Lieberman, Shas und die Extremisten des Likud das letzte Wort haben. Barak wird das Alibi für alles sein, was Netanyahu entscheidet oder eben nicht entscheidet.
Was sieht Barak sonst noch im Spiegel? Dass für das Volk Israel und dessen Zukunft nichts wichtiger ist als sein Verbleiben im Verteidigungsministerium? Er kann nun das entsetzliche Durcheinander seines politischen Verhaltens fortsetzen. Er floh, als er den Regierungsvorsitz verlor. Was ist übrig ausser dem Geld, das er gemacht, und der Luxuswohnung, die er gekauft hat? Als Kommandant, der seine Truppe auffordert, ihm zu folgen, findet er sich in einer dürren Knessetfraktion. Früher nannte man das Kalanterismus, in Anspielung an den Knessetabgeordneten Rahamim Kalanter, der von einer Partei zur anderen wechselte, um sich Vorteile zu ergattern.
Baraks ehemalige Freunde und Gefolgschaft sind aber weniger pingelig. Der Gewerkschaftsboss Ofer Eini nannte ihn einen «Idioten». Der ehemalige Finanzminister Avraham Shochat sprach von einem «gefährlichen Mann mit einem Verteidigungsportefeuille». Hätte Rabin noch gelebt, so hätte er Baraks Zusammengehen mit Bibi einen dreckigen Trick geschimpft. Moshe Shachal, dem Barak einst während einer Tagung der Arbeitspartei das Mikrofon entrissen hatte, nannte die Union mit Bibi ein hinterhältiges Geschäft.
«Barak denkt nur an sich selbst», sagte Uzi Baram über den Mann auf dem Höhepunkt von dessen Erbärmlichkeit, obwohl er sich seinerzeit als erster für Baraks Integration in die Arbeitspartei eingesetzt hatte. «Er ist schon einmal geflohen, und jetzt flieht er wieder.» Laut dem Tel Aviver Bürgermeister Ron Huldai, einst eng mit Barak befreundet, hat der Verteidigungsminister das israelische Volk
vergessen und ist einzig an seinem Ministersessel interessiert, und Oppositionschefin Tzippi Livni meinte, Barak habe seine Seele dem Teufel verkauft.
Die Art, wie Bibi und Barak einen politischen Schritt in eine militärische Operation umfunktionieren, lässt einen erschaudern. Was ist denn das? Ein Militärputsch? Auch wenn wir hier keinen Militärputsch im eigentlichen Sinn vor uns haben, hat Netanyahu mit 66 von 120 Mandaten klar das letzte Wort im Parlament. Baraks Bemerkungen über eine stabile Regierung, die Israel nun haben werde, sind schwer zu glauben. Liebermans Stärke allein übertrifft jene von Barak um das Dreifache.
Als Anführer der Arbeitspartei versagte Barak in jeder Hinsicht. Er übernahm eine Partei mit 19 Sitzen. In den nächsten Wahlen krebste die Partei unter seiner Leitung auf 13 Mandate zurück. Wäre Barak zu Livni gestossen, wie diese es vorgeschlagen hatte, gäbe es heute eine grosse Friedenspartei, und die Dinge würden um einiges besser aussehen. Jetzt aber steht Barak einer «Bewegung» mit fünf Abgeordneten vor. Lieberman und Eli Yishai (Shas) werden diese zum Frühstück verspeisen.
Als Moshe Dayan sich mit Menachem Begin zusammentat, wollte er Busse tun für die Verfehlungen im Jom-Kippur-Krieg. Tatsächlich führte er Begin zum Friedensabkommen. Es sieht aber nicht so aus, als ob dies Baraks Mission in der Regierung Netanyahu sein würde. Immer mehr Nationen anerkennen einen Palästinenserstaat ohne Grenzen, und es besteht die Gefahr, dass schon in naher Zukunft diese Welle auch über Europa hinwegfegen wird, bis am Ende auch die Uno einen Palästinenserstaat anerkennenen wird.
Dieser Film könnte so enden wie die Charlie-Chaplin-Streifen, in denen er in den Horizont hineinspaziert und immer kleiner wird. Es gibt da aber einen Unterschied: Dieses Mal wird es nicht lustig sein.
Yoel Marcus ist Redaktor bei «Haaretz».


