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21. Januar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » January 21, 2011

Zurück auf die hinteren Ränge

Von Andreas Schneitter, January 21, 2011
Das Weltwirtschaftsforum 2011 in Davos wartet erneut mit einer prominenten Besucherschar auf. Marginal vertreten sind im Vergleich zu früheren Jahren jedoch die religiösen Themen und deren Fürsprecher.
WIE WEITER NACH DER KRISE? In Davos debattiert die Prominenz aus Wirtschaft und Politik über die Zukunft der Welt

Die Atempause ist vorbei, und nun geht’s um den Wiederaufbau: Das 41. Welt­wirtschaftsforum (WEF) in Davos, das am 26. Januar beginnt, steht noch unter dem Eindruck der Finanzkrise. «Shared Norms for The New Reality» lautet das Leitthema, und wie ein gemeinsamer Werte- und Normenkonses nach den wirtschaftlichen Schockerfahrungen, die ausgehend von den USA längst die Euro-Zone erreicht haben, aussehen könnte, soll an den vier Forumstagen unter der Bündner Sonne diskutiert werden. An der Pressekonferenz zur Programmvorstellung vergangenen Mittwoch in Genf wies WEF-Vorsitzender Klaus Schwab auf die Verschiebung der politischen und wirtschaftlichen Potenz von West nach Ost und Norden nach Süden hin und betonte, dass «global ausgerichtete Modelle kaum noch der Komplexität dieser Veränderungen gerecht werden können». So richtet sich auch der Fokus der Veranstaltungen zunehmend weg vom Westen. Afrika ist ein regelmässiges Thema in den politischen Veranstaltungen, mehr noch aber China und Indien. So soll, sagte Schwab, die Agenda der G-20 grösseres Gewicht erhalten.
Konstant prominent bleibt die Besucherliste: Die Eröffnungsrede wird der russische Präsident Dmitri Medwedew halten, angemeldet sind der frühere US-Präsident Bill Clinton, der französische Staatschef Nicolas Sarkozy, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, EU-Präsident Herman Van Rompuy, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon, der britische Regierungschef James Cameron sowie weitere Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt – darunter, wie jedes Jahr, auch der israelische Präsident Shimon Peres. Bereits vor einem Jahr, als das Verhältnis zwischen der Schweiz und Israel aufgrund des Iran-Besuchs der Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und dem gemeinsamen Fotoauftritt des damaligen Bundesrats Hans-Rudolf Merz mit dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad merklich angespannt war, spekulierte man auf ein klärendes Treffen zwischen Calmy-Rey und Peres, das jedoch nicht zustande kam. Calmy-Rey wird – mit den Bundesratskollegen und -kolleginnen Doris Leuthard, Eveline Widmer-Schlumpf und Johann Schneider-Ammann – auch 2011 wieder nach Davos reisen. Erneute Chance für ein Treffen? Beim Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) wiegelt man ab: Mögliche Treffen gebe man keine bekannt, weil diese nicht planbar seien, am WEF laufe man sich einfach über den Weg und rede spontan miteinander. Allerdings haben sich, so ein EDA-Sprecher, die Beziehungen zwischen der Schweiz und Israel durch die Besuche von Verteidigungsminister Ueli Maurer und EDA-Staatssekretär Peter Maurer in Israel im vergangenen Jahr, wo ein politischer Dialog auf konstruktivem Niveau fortgeführt worden sein soll, sowieso deutlich entspannt.



Nahost ohne Israel

Weitere Details über Gespräche betreffend die Nahost-Politik, der durch die Unruhen an der nordafrikanischen Peripherie neuer Stoff zugeführt wurde, erfährt man nicht. Dass der Nahe Osten aber ein Thema sein wird, ist schon aus dem Sitzungsprogramm ersichtlich: Das Panel «The Innovative Middle East» beschäftigt sich mit den sozialökonomischen Zukunftsaussichten der Region, unter Beteiligung von Vertretern aus Jordanien, Katar, Ägypten und Grossbritannien – jedoch ohne Vertretung aus Israel. Der einzige offiziell angekündigte Begleiter von Shimon Peres ist Stanley Fischer, der frühere Vizepräsident der Weltbank und aktueller Gouverneur der israelischen Zentralbank. Er wird an einer Veranstaltung über nationale Steuerstrategien reden.

Christliche Mehrheit

Ebenso bescheiden ist auf religiöser Seite die jüdische Vertretung: Angemeldet sind der Rabbiner und Gründer der amerikanischen Orthodoxenorganisation Uri L’Tzedek Shmuly Yanklowitz sowie Eric Yoffie, Präsident der Union for Reform Judaism, aus den USA. Überhaupt stammt die Mehrheit der 19 religiösen Führer, die ihren Besuch in Davos angekündigt haben, aus dem anglophonen Raum. Besonders stark präsent sind dabei Vertreter protestantischer und evangelikaler Kirchen, mit Muhammad Tahir-ul-Qadri von der sunnitischen Weltorganisation Minhaj-ul-Quran International findet sich sogar nur eine muslimische Stimme. So stehen, anders als in früheren Jahren, religiöse Themen nicht mehr prominent im Hauptprogramm. Als einzige Veranstaltung ist im öffentlichen Open Forum das Podiumsgespräch «Braucht Glaube religiöse Institutionen?» angekündigt. Dass die Frage vor allem die mitteleuropäischen Glaubenstransformationen im Blick hat, zeigt sich anhand der Teilnehmerliste: Die Teilnehmer stammen ausschliesslich aus Deutschland und der Schweiz und repräsentieren die Landeskirchen. Solange noch die Schockwellen der Finanzkrise spürbar sind, so lässt es das WEF 2011 vermuten, ist die Religion in der Weltpolitik wieder auf die hinteren Ränge verdrängt worden.   





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