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21. Januar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 03 Ausgabe: Nr. 3 » January 21, 2011

Kriegsverbrecher und Agent

Harald Neuber, January 21, 2011
Neue Aktenfunde belegen: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete Klaus Barbie für US-Geheimdienste und den westdeutschen Bundesnachrichtendienst.
KRIEGSVERBRECHER UND AGENT Klaus Barbie wurde auch der «Schlächter von Lyon» genannt

Nach und nach kommt die Wahrheit über die Nachkriegsbiografie ehemaliger NS-Kriegsverbrecher als Tageslicht. Nach Recherchen des deutschen Historikers Peter Hammerschmidt von der Universität Mainz setzte Klaus Barbie, der sogenannte «Schlächter von Lyon», nach 1945 seine Karriere im Dienste westlicher Militärgeheimdienste ungehindert fort. Dies konnte Hammerschmidt nun erstmals anhand von Akten des ehemals westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) als auch von Beständen des US-Nationalarchivs nachweisen. Die Freigabe der BND-Akten hatte die deutsch-argentinische Journalistin Gaby Weber erst im April 2010 gerichtlich gegen den Willen der Berliner Bundesregierung durchgesetzt.



Mörderischer Werdegang

Hammerschmidt widerlegt in seiner ersten Auswertung auf gut 160 Seiten die Mär von der Unkenntnis westlicher Behörden über Barbies mörderischen Werdegang. Das gilt sowohl für die USA wie auch für die Bundesrepublik. Barbie war für die Deportation von 41 Kindern am 6. April 1944 aus dem jüdischen Waisenhaus von Izieu in das Sammellager Drancy und später nach Auschwitz verantwortlich. Von den Transporten zeugt bis heute ein Telegramm Barbies über die «Aushebung» der «Colonie Enfant». Von den Deportierten überlebte nur eine Erzieherin, Laja Feldblum.
Hinweise auf die Anwerbung Barbies durch den US-Militärgeheimdienst CIC im Jahr 1947 gab es immer wieder. Im April 1961 machte eine Verwandte Barbies auf einem Polizeirevier in Kassel detaillierte Angaben zu seiner Flucht nach Südamerika. Dorthin hatte der CIC seinen Agenten 1951 gebracht. Auch in den USA fanden sich Belege. Eine Botschaftsnotiz vom Februar 1967 bestätigte Barbies Aufenthalt in der bolivianischen Hauptstadt La Paz.

Agent des Westens

Damit ist klar: Barbie war ungeachtet seiner Verbrechen einer der ersten Agenten des Westens gegen die Sowjetunion. «Dem Fraternisierungstrend zwischen den US-Militärs und Nazis lag die Absicht zugrunde, von vermeintlichen Kommunismus-Experten des NS-Regimes Informationen über den neuen Feind im Osten zu bekommen», resümiert Hammerschmidt. Barbie wurde von US-Diensten eine «ausgeprägte antikommunistische Haltung» attestiert. Aus dem gleichen Grund warb der BND den Kriegsverbrecher Mitte der sechziger Jahre an. Hammerschmidt fand die dreiseitige Rekrutierungsakte vom 18. Mai 1966. Darin heisst es zum neuen Agenten: «1930 Eintritt in die HJ (Hitlerjugend, Anm. d. Red.), rechtsstehend und antikommunistisch». Allerdings beendete der BND die offizielle Zusammenarbeit nach nur sieben Monaten. Barbie wurde wegen seiner Vergangenheit zu gefährlich. Nach bisheriger Auswertung der Archivalien ist klar, dass Barbie in Südamerika für US- und westdeutsche Geheimdienste seinen antikommunistischen Kreuzzug ungebrochen fortsetzte. In enger Kooperation mit der CIA, dem westdeutschen BND und der ihm nahestehenden westdeutschen Rüstungsfirma Merex versorgte der ehemalige Nazimilitär rechtsgerichtete Regimes in Südamerika mit Waffen und bildete in Verhörmethoden, Folter und Aufstandsbekämpfung aus. Erst 1983 wurde Barbie nach Französisch-Guayana verschleppt. Dort nahmen ihn französische Sicherheitsbeamte fest und flogen ihn nach Frankreich. Barbie starb 1991 in Haft in Lyon.    



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