Grosses Sesselrücken im Wahljahr 2011
Die ausserordentliche Generalversammlung dauerte nicht mal eine Stunde. Doch die Punkte, über die am Montagabend vor den 81 Mitgliedern gesprochen wurde, werden die Gemeinde länger beschäftigen. So werden zum Sommer sieben der heute zehn Vorstandsmitglieder ihre Arbeit niederlegen. Ferner gab es Positives über das Budget zu hören, das von Herbert Wohlmann von der Budget- und Rechnungsprüfungskommission das erste Mal seit Jahren gelobt wurde. Er verwies darauf, dass die Gemeinde mit ihren Sparmassnahmen auf dem richtigen Weg sei. Obgleich auf die jährliche Spende vom Verein La Charmille von diesem Jahr an verzichtet werden muss, kann das Defizit um 65 000 Franken auf nunmehr 284 000 Franken reduziert werden. Gespart wird vor allem bei den Gehältern und bei Subventionen. Wohlmann dankte dem verantwortlichen Vorstandsmitglied Ursula Rhein ausdrücklich für ihre vorausschauende und nachhaltige Arbeit. Das Budget 2011 wurde einstimmig von allen Anwesenden angenommen.
Rücktrittsgründe
Trotz der Früchte, die ihre Arbeit trägt, ist Ursula Rhein eines der Vorstandsmitglieder, das im Sommer den Hut nehmen wird. Gegenüber tachles begründet sie ihren Entschluss: «Ich bin nun seit 15 Jahren im Vorstand der IGB und habe die Arbeit sehr, sehr gerne gemacht, finde aber, dass es jetzt Zeit ist, aufzuhören und etwas kürzer zu treten.» Sie betont, dass es sicher nicht leicht werden würde, neue Mitglieder für den Vorstand zu gewinnen, meint aber: «Ich kann nur jedem empfehlen, aktiv etwas für unsere Gemeinde zu tun. Wir haben eine tolle Gemeinde und es ist eine schöne Aufgabe, im Vorstand mitzuarbeiten». Persönliche Gründe wie bei der Kassiererin sind bei den meisten der scheidenden Vorstandsmitglieder ausschlaggebend. Sarah Mendelowitsch hat nach mehreren Jahren Gemeindearbeit in verschiedenen Funktionen das Gefühl, «einen Kreis schliessen und mich auf neue berufliche Herausforderungen konzentrieren zu können». Adam Herzfeld möchte mit seiner Frau ab Herbst oder Winter für mindestens ein Jahr nach Israel ziehen. Auch bei Peter Bollag, der noch bis zu den Neuwahlen am 19. Juni verantwortlich für die Bildung und Aussenbeziehungen der IGB ist, seien die Gründe für den Rücktritt vor allem persönlicher Art, antwortet er auf Nachfrage. «Ausserdem bin ich der Meinung, dass neun Jahre oder drei volle Amtsperioden in der schnelllebigen Zeit, in der wir uns befinden, eine lange Periode sind», so Bollag.
Die meisten der aktuellen Vorstandsmitglieder haben nun eine lange Amtszeit hinter sich, so auch Jossi Hess, der nach zwölf Jahren Arbeit im Vorstand der IGB beschlossen hat, «das Feld jüngeren und unverbrauchten Mitgliedern unserer Gemeinde zu überlassen». Auch David Jacobs und Philippe Nordmann sind bereits lange im IGB-Vorstand. Nordmann betont: «Ich war jetzt während 15 Jahren mit Freude für den Vorstand tätig und finde es ist nun Zeit, für andere Platz zu machen. Ich bin überzeugt, dass es möglich sein wird, neue Mitglieder für die Vorstandsarbeit zu motivieren.»
Grosser Spielraum
Dieser Ansicht ist auch IGB-Präsident Guy Rueff, der in der personellen Veränderung innerhalb der Gemeinde auch Chancen sieht. Er sagt: «Wir haben rund 20 Leute im Sinn, die wir ermuntern möchten, im Vorstand mitzuwirken. Teilweise haben wir dies auch schon getan, und die ersten Reaktionen waren recht positiv.» Er hofft auf frischen Wind in der Gemeine und verweist darauf, dass der Spielraum für neue Vorstandsmitglieder zurzeit besonders gross sein, da diese sich aufgrund der vielen vakanten Stellen ein Ressort ihrer Wahl aussuchen könnten. «Die Chance, sich innerhalb der Gemeinde einzubringen und etwas zu bewegen, ist sehr gross», so Rueff. Sollten wider Erwarten keine sieben Kandidaten für den neuen Vorstand gefunden werden, so müsse man darüber nachdenken, den Vorstand zu verkleinern und Ressort zusammenzufassen. Eine Idee, die nicht neu ist, die aber einer Statutenänderung bedürfte und «auch ihre Vorteile hätte, da ein kleiner Kreis an Leuten oftmals auch effektiver arbeiten kann», meint Rueff. Noch aber sei er optimistisch und glaube daran, genügend Gemeindemitglieder motivieren zu können.
Wege in die Zukunft
Ebenso offen wie die Zukunft des IGB-Vorstands – allein der Präsident Guy Rueff sowie Iris Sobol, Carine Eltbogen-Winter und Joel Weill bleiben – ist das Schicksal der Jüdischen Primarschule Leo Adler (JPS) (vgl. tachles 1 und 2/11). Die Institution kam zur Sprache, zumal die Subvention seitens der Gemeinde laut Budget 2011 um zehn Prozent gekürzt werden soll. Herbert Wohlmann kam auf die JPS zu sprechen und ermahnte: «Es muss finanziell irgendwie stimmen.» Zudem könne man eine Institution, so sympathisch sie auch sei, nicht einseitig mit hohen Subventionen bevorzugen. Für den Erhalt der Schule sprach sich René Salzberg aus. Er betonte, dass die Schule nicht Sache des Vorstands, sondern eine Angelegenheit der Gemeinde sei, über die man transparent informieren und offen kommunizieren solle. Auch aus Egon Meyers Sicht ist die Frage um die Schule eine Frage der IGB: «Wenn wir die Schule verlieren, so können wir uns auf lange Zeit auch verlieren», gab er zu bedenken. Über die Zukunft der JPS soll die Gemeinde im Frühling informiert werden, wenn die zuständige Task Force zu Ergebnissen gekommen sein wird. Wer in Zukunft die Geschicke der Gemeinde im Vorstand lenken wird, wird erst im Sommer nach den Wahlen bekannt werden.


