Was bedeutet der Holocaust heute?
Die Schauspielerin Elena Pintarelli kommentiert ihren Auftritt mit den Worten: «Mir ist total schlecht… Ich stand in der eben gespielten Szene plötzlich neben meiner Rolle …». In ihrer Rolle als jüdische Mutter eines Buben (Philip Reich), von dem sie in der Szene mit Gewalt getrennt worden war, hatte Pintarelli gespürt, dass dieser Abschied endgültig sein würde. Im Zuschauerraum war es ganz still geworden. Regisseur Franz Dängeli ist zufrieden mit der eben geprobten Szene, «präzise und unsentimental» sei das gewesen. Das Unausgesprochene habe eine schmerzhafte Präsenz entwickelt. Genau um solche Mechanismen gehe es, wenn das Forumtheater act-back das Publikum in eine Auseinandersetzung verwickeln wolle. So werde es gelingen, die Jugendlichen anzusprechen, zu sensibilisieren und am Geschehen zu beteiligen. Es sei diese Kraft der stimmigen Improvisation, die die Jugendlichen zum Mitdenken, Fragen und Mitreden anrege.
Intensive Reflexionen
Die Darsteller der Forumtheatergruppe beschäftigen sich bereits das vierte Wochenende mit dem Holocaust. Auch zwischen den Proben haben sie sich ausführlich in die komplexe Materie vertieft, mittels Lektüre von Sachtexten und historischen Quellen, von autobiografischen Aufzeichnungen von Opfern wie Tätern. Initiiert wurde ihr Projekt vom Historiker Stefan Mächler, der sich seit Langem mit diesem Themenfeld befasst (unter anderem in einer Studie über den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund während der NS-Zeit). Zusammen mit Franz Dängeli hat er die Veranstaltung für die Schulen konzipiert und gemeinsam mit den Spielern vorbereitet. Zusammen mit Dängeli wird er sie auch moderieren. Den Anstoss gegeben hat eine Empfehlung der Eidgenössischen Konferenz der Erziehungsdirektoren, den Holocaust-Gedenktag an den Schulen aufzugreifen.
Alle Beteiligten sind sich der enormen Herausforderung bewusst, die das Thema an jede Darstellung stellt. Wie kann man etwas auf die Bühne bringen, das sich in seiner Monstrosität jedem Verständnis entzieht? Gibt es Grenzen der Darstellung, gar ein Bilderverbot, wie es von verschiedenen Denkrichtungen postuliert wird? Wie eignen wir uns das notwendige historische Wissen an, ohne uns dadurch bei den Improvisationen zu blockieren? Solche und weitere Fragen setzten intensive Reflexionen und Diskussionen in Gang. Von Anfang an klar war, dass kein historischer Realismus angestrebt werden soll. Vielmehr geht es darum, mit einfachen theatralen Mitteln, ohne Schminke und Kostüme, der zentralen Frage nachzugehen: «Was bedeutet uns der Holocaust heute?» Proben hiess denn auch nicht Szenen einüben, sondern sich ungeschützt einlassen auf das aufwühlende Thema, Kenntnisse erwerben, Undenkbares szenisch erforschen.
Mahnen zur Vorsicht
Aldo de Nadai, einer der Schauspieler, meint: «Die Erkenntnis, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann, hat sich bei mir inzwischen verstärkt. In jedem schlummert das Böse.» Historiker Mächler mahnt zur Vorsicht: Es sei nicht eine allgemeine böse Natur des Menschen, die der Holocaust zum Vorschein gebracht habe. Entscheidend seien die spezifischen historischen Umstände, die konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, die gewöhnliche Menschen in Mörder verwandeln können – damals wie heute.
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