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14. Januar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » January 14, 2011

Paranoide Teufelskreise

Carlo Strenger zur Lage in Israel, January 14, 2011

Seit Wochen ist das Aufkommen von Rassismus und Fremdenhass in Israel ein beliebtes Thema am runden Tisch. Das hat seinen guten Grund, ist das Phänomen doch beunruhigend. Die Ursachen wurden bestens analysiert: die Fragmentierung der israelischen Gesellschaft, das Fehlen einer gemeinsamen Kultur und eines allen gemeinen Ethos, und natürlich auch die wachsende internationale Isolierung Israels.



In solchen Situationen blühen rechtsgerichtete Bewegungen auf: Sie nehmen die durch komplexe Faktoren geschaffene Verwirrung und lösen das Problem, indem sie eine alles erklärende Verschwörungstheorie kreieren. Wenn sie vor einem hartnäckigen Problem stehen, isolieren rechtsgerichtete Politiker eine leicht identifizierbare Gruppe, die zum Sündenbock erklärt wird. Darauf beruht im Wesentlichen das, was der Psychoanalyst Wilfred Bion die «paranoide Führung» nannte.

Das gilt für alle Gesellschaften, und wir Juden sollten das ganz besonders gut wissen. Im 13. Jahrhundert nahm der Antisemitismus im Zusammenhang mit der Beulenpest drastisch zu. Damals begriffen die Menschen den wirklichen Grund für das Sterben nicht: die wachsende Urbanisierung. So entwickelten sie Konspirationstheorien wie jene von der Brunnenvergiftung durch die Juden.

Auf eine ähnliche Weise fühlten sich die Deutschen in den 1920er-Jahren durch den Versailler Vertrag gedemütigt und ihre ohnehin schon
geschwächte Wirtschaft konnte der Grossen Depression nicht standhalten. In der Folge wurde die Theorie, wonach eine jüdische Verschwörung Deutschland auf die Bretter geschickt habe, noch viel populärer.

In Israel existieren derzeit hauptsächlich zwei Variationen zum Thema Verschwörung. Binyamin Netanyahus Art, zu regieren, läuft darauf hinaus, dass Israel delegitimiert und seine pure Existenz in Frage gestellt wird. Er wiederholt immer aufs Neue, die weltweite Kritik an Israel habe weder mit den Siedlungen noch mit dem stagnierenden Friedensprozess etwas zu tun. Da die Welt die Existenz Israels nicht akzeptiere, spielt es keine Rolle, was Israel mache – Israel wird isoliert und der Kritik ausgesetzt sein.

Aussenminister Avigdor Lieberman und Innenminister Eli Yishai haben sich auf die Araber als Fünfte Kolonne eingeschossen. Auf seine Weise behauptet jeder von ihnen, Israel sei von innen und von aussen bedroht. Da man sich mit der Bedrohung von aussen nicht direkt befassen kann, konzentrieren sie sich auf die israelischen Araber, die, so argumentieren beide, Israels Existenz bedrohen.

Für unsere Zwecke ist es irrelevant ob Netanyahu, Lieberman und Yishai ihre eigenen Geschichten glauben und welche genauen Interessen sie mit deren Propagierung verfolgen. Uns interessiert der Effekt der rechtslastigen Taktiken. Der Mechanismus, der alles mit einer Verschwörung erklärt, hat einen unmittelbaren psychologischen Effekt. Er kanalisiert eine vage Angst in Hass, der sich auf einen wirklichen oder imaginären Feind konzentriert. Er schafft vorübergehend das Bild von mehr Einheit durch seine Mythologie: «Unsere Gesellschaft ist in Gefahr, es gibt einen externen Feind, weshalb wir jetzt zusammenhalten und den Feind bekämpfen müssen.»

Langfristig verschärft diese Art von Mythos die wirklichen Probleme: Netanyahus Ansicht, wonach die Palästinenser und Iraner die Hindernisse auf dem Weg zum Frieden seien, überzeugt ausserhalb Israels nur wenige. Es hilft auch nicht, dass Netanyahu einen Aussenminister hat, den die meisten Kommentatoren und Diplomaten (natürlich nie offiziell) als einen israelischen Slobodan Milosevic sehen.

Als Folge betrachtet die internationale Völkergemeinschaft Israel nicht mehr als Partner für Friedensgespräche, während die Palästinenser im Ruf stehen, konstruktiv zu sein. Aus diesem Grund gewinnt die Meinung an Boden, Israel müsse in ein Friedensabkommen gedrängt werden.

Das wiederum benutzt Netanyahu in seinem Szenario für das Argument, die Welt delegitimiere Israels Existenz. Auch intern verschärft sich die Lage. Die israelischen Araber fühlen sich zusehends entfremdet durch den von Säkularen wie Lieberman und die antiarabischen Rabbiner verbreiteten Hass.

Das schliesst den Teufelskreis der Paranoia: Angst wird in Hass und Misstrauen übersetzt, was wiederum die Kommunikation mit der Aussenwelt und den als Feinden gebrandmarkten internen Gruppen unterbricht. Das führt zu weiterer Isolierung, was seinerseits die Angst noch weiter steigert.

Die Rechte sieht selbstredend keinen Anlass, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Je grösser die Angst, umso mehr Stimmen wird sie generieren können.

Wo wird dieser Teufelskreis enden? Im Moment lässt sich nur schwer beurteilen, welche Kräfte in Israel diese paranoide, isolationistische Stimmung ändern können. Politiker werden gedrängt, mit den Forderungen der Rechten konform zu gehen und angesichts des bevorstehenden Untergangs im Gleichschritt zu marschieren. Sie befürchten, als Verräter angesehen zu werden, wenn sie  auf die Möglichkeit hinweisen, dass es auch kooperativere Verhaltensmuster gibt.

Historisch gesehen führt die Eskalation von rechts zur Implosion, bevor der gesunde Menschenverstand wieder die Oberhand gewinnt. Das galt für Deutschland und Italien ebenso wie für Serbien. In diesen Fällen wurde der Weckruf zur Vernunft von einem verlorenen Krieg eingeläutet. Im Falle von Südafrika generierte die internationale Gemeinschaft einen noch stärkeren Druck, bis das Regime begriff, dass es sich nicht länger halten konnte.

Vor noch nicht allzu langer Zeit mutete eine von aussen aufgezwungene Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts wie eine Katastrophe an. Angesichts der Alternative ist es traurig-ironisch, dass internationaler Druck auf eine Veränderung hin heute als das geringere Übel erscheint.   



Carlo Strenger wurde in Basel geboren, unterrichtet heute an der psychologischen Fakultät der Universität Tel Aviv und ist Mitglied des Permanent Monitoring Panel über Terrorismus der Weltföderation der Wissenschaftler.



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