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14. Januar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 02 Ausgabe: Nr. 2 » January 14, 2011

Flucht vor Australiens Fluten

Von Dan Goldberg, January 14, 2011
Katastrophale Überschwemmungen im Nordosten des fünften Kontinents zwingen auch australische Juden zum Verlassen ihrer Wohnorte.

Im nordöstlichen Australien hat mindestens ein Dutzend jüdischer Familien ihre Wohnsitze verlassen, um der gewaltigen Überschwemmung in der Provinz Queensland zu entkommen. Diese hat bereits 12 Menschenleben gefordert. Zudem werden über 40 Personen vermisst, darunter ein jüdischer Australier in der ländlichen Kommune Toowoomba, die am Montag letzter Woche von den Wassermassen hinweggefegt wurde. Die Polizei in Queensland spricht von einem «Instant-Tsunami im Landesinneren».



Die Mehrheit der etwa 6000 Juden in Queensland lebt in der Provinzhauptstadt Brisbane. Der dortige Brisbane River hat am letzten Wochenende seinen Höchststand erreicht. Bereits zuvor sind allein in Brisbane enorme Flutschäden entstanden. Die Stadt ist die drittgrösste Australiens. Queensland umfasst das 40-fache Territorium der Schweiz und zählt 4.4 Millionen Bewohner. Dreiviertel des Gliedstaates wurden zu einem Katastrophengebiet erklärt. Die lokale Regierungschefin Anna Bligh sprach von dem «schlimmsten natürlichen Desaster in unserer Geschichte». Australiens Premierministerin hat bereits das Militär in Marsch gesetzt, um bei den Rettungsmassnahmen mitzuwirken.

Jason Steinberg, Präsident des jüdischen Gemeindeverbandes in Queensland, erklärte: «Zahlreiche jüdische Familien sind betroffen. Wir hören von vielen Problemen und bemühen uns, zusätzliche Informationen über die Lage herauszufinden. Aus zahlreichen Städten wurden jüdische Bürger evakuiert. Wir sind dabei, ihre Bedürfnisse zu evaluieren.» Steinberg amtet in Brisbane. Er beschreibt die dortige Situation: «Häuser werden als vorbeugende Massnahme evakuiert. Es sieht unglaublich aus hier. Wo einmal grosse Strassen waren, breiten sich heute stürmische Gewässer aus. In Brisbane sind sämtliche Hauptverkehrsstrassen unterbrochen.» Der Geeindepräsident zeigt sich allerdings erleichtert darüber, dass die jüdischen Gemeindeeinrichtungen der Hauptstadt bislang nicht von der Flutkatastrophe betroffen sind.

Dennoch hat Rabbiner Levi Jaffe von der Brisbane Hebrew Congregation vorsorglich vier Thora-Rollen in sein höher gelegenes Privathaus gebracht. Der Angehörige der Chabad-Bewegung erklärte: «Das ist nur eine Vorsichtsmassnahme. In der schlimmen Flut von 1974 hat das Wasser den Tempel nicht erreicht. Hoffentlich wird das auch heuer so sein.» Rabbiner Jaffe hat die Gottesdienste abgesagt, wird aber in seinem Haus mit Angehörigen seiner 200 Familien starken Gemeinde beten: «Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Wir haben hier noch nie eine vergleichbare Katastrophe erlebt. In den Supermärkten sind die Regale leer und allmählich machen sich hier Ängste und eine Belagerungsmentalität breit.»

Der Rabbiner und seine Söhne haben bei der Evakuierung eines jüdischen Ehepaares aus einem der Hochhäuser in der Innenstadt Brisbanes geholfen, da die Elektrizitäsversorgung vor dem Zusammenbruch steht und die an den Rollstuhl gebundene Frau ihre Wohnung nur über den Fahrstuhl verlassen kann. Laut Jaffe dürften die Fluten das Hochhaus bald erreichen: «Darum haben uns die Verwandten des Paares in Melbourne dringend gebeten, die Beiden aus ihrer Wohnung zu holen.»

Laut Ari Heber vom Krisenstab der jüdischen Gemeinden in Queensland steht mindestens ein Dutzend jüdischer Wohnsitze in Brisbane vor der Überflutung: «Dazu kommt, dass wir mit vielen Gemeindemitgliedern bereits den Kontakt verloren haben und nicht wissen, wo sie sich momentan aufhalten. Alle hier haben Angst. Angesichts der unglaublichen Wassermassen, die mit enormer Wucht durch das Stadtgebiet toben, ist das nur zu berechtigt. Die Lage hier hat surreale Züge und viele Leute warten gebannt auf das Eintreffen der Fluten.»

Dr. Danny Lamm, der Präsident des Dachverbandes jüdischer Gemeinden in Australien, hat seine Mitglieder zu grosszügigen Spenden für die von der Flut Betroffenen aufgerufen: «Unsere Gedanken sind mit den Opfern und ihren Angehörigen – wir sollten für sie tief in unsere Taschen greifen.» In Sydney hat eine vom Chabad betriebene Küche mit der Verschickung von Lebensmitteln für jüdische Familien in Queensland begonnen. Derweil hat Rabbiner Moshe Loebenstein vom Chabad für das Hinterland und die Provinzen Australiens angekündigt, dass er Familien in Melbourne und Sydney anspricht, um Betroffene aufzunehmen. Zudem schickt der Verband Kleidung, Nahrungsmittel und Handtücher in das Katastrophengebiet.



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