Flucht und Verwandlung
Es ist – weit über Zürich hinaus – wohl eines der bekanntesten Gedichte von Paul Celan, welches er anlässlich einer Begegnung in Zürich am Auffahrtstag 1960 der deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs gewidmet hat. Dem Leben und dem Werk von Nelly Sachs ist noch bis Ende Februar eine unbedingt sehenswerte Ausstellung im Museum Strauhof in Zürich gewidmet. Hier erfahren die Begegnung mit Paul Celan einerseits, aber auch die Bedeutung des Einsatzes des Zürcher Literaturkritikers und späteren Professor Werner Weber für die Dichterin Nelly Sachs anderseits eine besondere Würdigung. Ergänzend zur Ausstellung erschien mit einem Katalogbuch von Aris Fioretos die erste umfassende Bildbiografie zu Leben und Werk von Nelly Sachs. Ursprünglich für das Jüdische Museum in Berlin entstanden, wird die Ausstellung nach Station in Stockholm nun in Zürich gezeigt, bevor sie im Oktober in Dortmund und später möglicherweise in Israel und Amerika gezeigt werden soll.
Dies mag zumindest ein wenig die Bedeutung der Schriftstellerin Nelly Sachs unterstreichen, die in den vergangenen Jahren, trotz zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen, von welchen der (zusammen mit Samuel Josef Agnon) 1966 erhaltene Nobelpreis gegen Ende ihres Lebens den «öffentlichen» Höhepunkt darstellt. Ihr Leben – nach einer behüteten Kindheit und Jugend in Berlin, wo Nelly Sachs als Tochter des Ingenieurs, Gummi- und Kautschukfabrikanten Georg William Sachs und seiner Frau Margarete, geborene Karger, aufgewachsen war – war von ihrem elften Lebensjahr an durch unterschiedliche Krankheiten gezeichnet. Dies hat sich auf die Dichtung von Nelly Sachs entscheidend ausgewirkt. Ihr Vater starb 1930 in Berlin, Nelly Sachs und ihrer Mutter gelang im Jahr 1940 dank der Fürsprache von Selma Lagerlöf und Prinz Eugen Bernadotte die späte Flucht aus Deutschland; die Erfahrungen während des Holocaust prägten die Dichterin stark. «Flucht und Verwandlung» lassen sich in der überaus schön gestalteten – und der filigranen Person der Nelly Sachs durchaus angemessenen kleinräumigen – über die Zimmer des Museum Strauhof verteilten Ausstellung auf eindrückliche Weise nachvollziehen. Die Höhen und Tiefen dieser schwierigen Existenz, die sich – am Rande des Zusammenbruchs – ein Werk abgerungen hat, das wohl als eines der bedeutendsten in der deutschen Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen werden darf, werden deutlich. 50 Jahre nach dem Tod von Nelly Sachs wird der Autorin angemessen gedacht, und auch ihre Beziehung zu Zürich kommt zur Geltung. Führungen durch die Ausstellung finden am Montag, 24. Januar (Anmeldung erforderlich beim Zürcher Lehrhaus, www.lehrhaus.ch), und am Mittwoch, 2. Februar (Anmeldung erwünscht bei Omanut, www.omanut.ch), statt.
Bis 27. Februar, Museum Strauhof, Augustinergasse 9, Zürich. www.strauhof.ch


