Das Tragische und Komische
Manch jüdischer Witz beginnt wie folgt: «Zwei Juden treffen sich auf der Strasse und beginnen über dies und jenes zu plaudern bis sich etwas später ein dritter Mann hinzugesellt, ein Nichtjude …» Ähnlich geht es im neuen Buch von Howard Jacobson «The Finkler Question» zu. Es brachte dem 64-jährigen prophetisch anmutenden Schriftsteller und Journalisten den von ihm seit Jahren erhofften – und bis anhin von keinem jüdischen Autor je gewonnenen – Man-Booker-Preis ein. Kurz zusammengefasst geht es um drei Männer, die miteinander durch Freundschaft und Trauer verbunden sind. Sam Finkler, ein Philosoph, und Libor Sevic, ein aus Tschechien stammender Lehrer, trauern um ihre verstorbenen Gattinnen. Julian Treslove, ein nicht jüdischer BBC-Produzent, trauert um seine verlorene Liebe.
Selbstverleugnung und -verwirklichung
Melancholie, das Sehnen nach der Vergangenheit, nach Unerreichtem und Verpasstem machen Jacobsons Buch zu einem «typischen» modernen jüdischen Roman, ähnlich Philip Roths’ Werken, die das Tragische und das Komische miteinander verbinden. Jacobson schreibt in diesem, seinem elften, Roman aus Sicht des nicht jüdischen Protagonisten Treslove und lässt auch die nicht jüdische (verstorbene) Gattin von Finkler, die zum Judentum bekehrte Tyler, zu Wort kommen. Dies bringt natürlich Schwierigkeiten mit sich, die zu bewältigen Jacobson sich aber nicht scheut. Es gelingt ihm, dank seiner literarischen Fertigkeit, seinem angeborenen Zynismus und seiner eigenen soliden jüdischen Identität, das «Jude-Sein» in seiner Vielfalt zu erforschen, und den Leser nicht mit stereotypen Vorurteilen zu versorgen.
Der jüdische Protagonist Finkler verdrängt sein eigenes Judentum, um als populärer Philosoph und Schriftsteller erfolgreich zu werden. Um aber ganz sicher zu gehen, reiht sich Finkler auch in das Lager scharfzüngiger Israel-Kritiker ein. Er vermag sich nicht einmal dazu zu bringen, das Land anders denn als Palästina zu nennen. Er sei ein «Schandjude», so bezeichnet ihn seine eigene Frau verächtlich, sie, die sich so gerne und fleissig dem Studium des Judentums hingegeben hatte.
Auch Jacobson hat wenig Nachsicht mit Finkler. Somit bringt diese mühsame Selbstverleugnung dem Protagonisten nicht viel mehr als des Lesers Verachtung ein. Es bleibt höchstens ein wenig Mitleid mit einem, der sich gezwungen sieht, sich selbst zu verleugnen, um sich selbst zu verwirklichen. Für den Nichtjuden Treslove hingegen sind die Finklers dieser Welt beneidenswert: Jude sein bedeutet Humor, Zugehörigkeit, Familie – auch wenn all dies von einem Finkler schnöde beiseite geschoben wird. Eine Rolle spielt auch das Thema Antisemitismus, den wir hier ebenfalls durch den nicht jüdischen Treslove erforschen. Treslove, der sich als Ehrenjude sieht, als Philosemit mit echter Wärme und Zuneigung zu Juden – seinen Freunden und Lebensgefährten – darf im Roman ganz ungestraft den modernen Antisemitismus anprangern.
Existenzielle Fragen
Das Buch «The Finkler Question», in modernen Stil geschrieben und von subtilen ironischen Dialogen durchsetzt, spielt natürlich schon im Titel an das ewige jüdische Thema an – die existenziellen Fragen, die sich Juden stellen: Was ist der Sinn des Lebens, existiert Gott, wer sind wir, was ist unsere Identität? Sind wir «drinnen», Teil der Gesellschaft, oder sind wir Aussenseiter? Spenden Erinnerungen Trost, oder geben sie Anstoss zu verzweifeltem Handeln? Sind Neurosen und Angstzustände wirklich das stereotype Privileg von Juden? Antworten bietet uns Jacobson nur insofern, als seine eigene positive Identifikation mit dem Judentum durchscheint, ironischerweise durch die nicht jüdischen Protagonisten. Nicht zufällig beendet Jacobson sein Buch mit dem Kaddisch-Gebet. Obwohl Finkler um so viel Verlorenes trauert, konnte er sich nie mit den Worten des Gebets identifizieren. Der unendliche Reichtum des Judentums war ihm verschlossen geblieben.
Jacobson steht nicht nur zu seinem eigenen «Jude-Sein» und verpasst weder Fernseh-, Radio-, Podiumsgespräche noch Zeitungsartikel, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, sondern er stellt sich auch kompromisslos gegen den heutigen Antisemitismus. Israel, meint Jacobson, ist bedauerlicherweise für europäische Israel-Kritiker gleichbedeutend mit Judentum. Folglich sei antiisraelische Kritik gleich Antisemitismus. Und obwohl deutlich links eingestellt, äussert sich Jacobson eindeutig zur heute weltweit zirkulierenden antiisraelischen Medienkritik. Zwar sei jeder getötete Palästinenser in Gaza ganz gewiss ein Todesopfer zu viel, doch bestehe zwischen Gaza und Warschau nicht die entfernteste Ähnlichkeit – weder in Absicht noch in Tat, nicht einmal dann, wenn diese Tat von den Medien aufs Abscheulichste verzerrt werde.
Ein verdienter Preis
Jacobson darf mit der Preissumme von 50 000 britischen Pfund zufrieden sein. Offen gesteht er, dass er den Man-Booker-Preis – als dieser jahraus, jahrein unerfüllte Hoffnung blieb – belächelt habe. Nach so vielen Enttäuschungen habe er sich als «Aussenseiter» bereits ganz wohl gefühlt, sagt er. Seine Mutter soll ihn sorgenvoll gewarnt haben, dass er den Preis auch dieses Jahr nicht gewinnen würde, denn das Buch sei doch «viel zu jüdisch». Ja, das Buch ist von jüdischen Themen durchzogen, doch ist Jacobson, obwohl gewissermassen ein «Outsider», nun «Insider» geworden. «Für einen Autor gibt es kaum etwas Schlimmeres als ein Buchgeschäft zu betreten, in dem seine Bücher nicht stapelweise aufliegen», gesteht Jacobson offenherzig. Mit solchen Enttäuschungen ist es für den Schriftsteller nun endgültig zu Ende.


