Skifahren mit Damaskus in Sichtweite
Das Hermonmassiv im Dreiländer-eck Syrien-Israel-Libanon ist an seiner höchsten Stelle 2814 Meter hoch. In der wechselvollen Militärgeschichte des Nahen Ostens haben sich rund um dieses Massiv schon zahlreiche, für ganze Kriege entscheidende Schlachten zugetragen. Im Sechstagekrieg von 1967 eroberte Israel weite Flächen des Hermon, von denen es in der Anfangsphase des Jom-Kippur-Krieges von 1973 rund 100 Quadratkilometern den Syrern wieder abtreten musste. Im weiteren Verlauf der Auseinandersetzungen konnten diese Gebiete aber grösstenteils erneut zurückgewonnen werden.
Israelisches Winterparadies
Heute befindet sich der IDF-Beobachtungs- und Abhörpunkt Mitzpe Schlagim (wörtlich «Schnee-Ausguck») auf einer Höhe von 2224 m ü. M. Von dort aus sollen die israelischen Soldaten das Radioprogramm, das die Hausfrau in Damaskus gerade eingeschaltet hat, ebenso mitverfolgen, wie sie ihren Vorgesetzten mitteilen können, welche Gewürze dieselbe Hausfrau auf die Spiegeleier streut. Der allerhöchste Punkt, den die Israeli auf dem Hermon kontrollieren, liegt auf 2236 Metern Höhe. Im Übrigen beherrscht Israel viel weniger von dem Massiv, als gemeinhin angenommen wird – weniger als ein Fünftel des ganzen Berges.
Das hat die Israeli aber nicht daran gehindert, im Laufe der Jahre den Hermon zu einem eigentlichen Ausflugs- und Skigebiet auszubauen. Für die Massstäbe europäischer Skihasen sind die insgesamt etwa 25 Kilometer langen Pisten allerdings eher bescheiden und oft kaum mehr als gut ausgebaute «Idiotenhügel», doch in der im Idealfall rund drei Monate langen Skisaison, die der Hermon jedes Jahr zu bieten hat, geniessen Israeli diese Zeit dennoch zu Zehntausenden und verursachen dabei auf den meist engen und kurvenreichen Zufahrtsstrassen auf den Golanhöhen vor allem an Wochenenden verheerende Verstopfungen.
Die Pisten des Hermon werden von den rund 40 im Feriendorf Neve Ativ wohnenden Familien verwaltet. Das 1972 erbaute und einem Dorf in den Schweizer oder den französischen Alpen ähnelnde Neve Ativ wurde nach vier IDF-Soldaten einer Eliteeinheit benannt, die bei einem Einsatz auf dem Golan ums Leben gekommen waren. Viele israelische Skifreunde nutzen die Nähe von Neve Ativ zum Hermonberg und verlängern ihren Aufenthalt im Winterparadies, indem sie sich im Dorf ein (allerdings nicht unbedingt billiges) Zimmer mieten.
Hügel der Schreie
Neve Ativ, an der Stätte des zerstörten syrischen Dorfes Jubata ez-Zeit errichtet, liegt in unmittelbarer Nähe von Majdal Shams, der mit zehntausend Einwohnern vor Buq’ata, Masada und Ein Kinya grössten von Drusen bewohnten Ortschaft. Während Jahrzehnten hatte Majdal Shams vor allem durch den «Hügel der Schreie» auch international von sich reden gemacht. Auf diesem Hügel pflegten sich Drusen von beiden Seiten der Waffenstillstandslinie die letzten Familienneuigkeiten hin und her zu rufen. Heute, im Zeitalter von Internet und E-Mail, hat der Hügel kaum mehr als nostalgischen Wert. In der Praxis wird er nur noch an wenigen Tagen im Jahr benutzt. Majdal Shams lebt vor allem von Apfelplantagen und von Kirschenzucht. Seit einigen Jahren finden mit Hilfe des Roten Kreuzes alljährlich einige tausend Tonnen dieser Produkte ihren Weg über den Übergang Kuneitra nach Syrien und in andere arabische Staaten.
Wenn man bedenkt, dass die syrische Hauptstadt Damaskus nur gerade 35 Kilometer vom Hermon entfernt liegt, kann man sich vorstellen, welch grossartiges Ausflugs-, Ferien- und Sportparadies hier würde entstehen können, wenn der ruhige, aber angespannte Waffenstillstand einmal durch einen soliden Frieden abgelöst worden wäre. Das sind vorerst aber nur Träumereien. Im Jom-Kippur-Krieg ist das Skigebiet übrigens weitgehend zerstört worden, war ein Jahr später aber schon wieder benutzbar. Die «Los Angeles Times» meinte einst, der Hermon sei ein Berg und ein Erlebnis, das jeder Skifahrer mindestens einmal in seinem Leben geniessen sollte.


