Erneute Debatte über Antisemitismus entfacht
Einerseits nannte «Der Spiegel» Budapest unlängst die «europäische Kapitale des Antisemitismus», wo Juden «offen eingeschüchtert» würden und ihre Pläne zum Verlassen des Landes vorantrieben. Andererseits blüht in Ungarn zweifelsohne ein vielschichtiges jüdisches Leben, das öffentlich und intensiv in den verschiedensten religiösen, kulturellen und sogar kulinarischen Wegen zutage tritt.
Komplexe Realität
Zwar bleibt der Antisemitismus ein ernstes Problem in diesem mitteleuropäischen Land, doch der in Budapest ansässige jüdische Schriftsteller Adam LeBor kritisierte im «Economist» den «Spiegel»-Artikel als einseitige Geschichte, welche das jüdische Erlebnis in Ungarn einzig durch das «verzerrte Prisma des Antisemitismus» darstelle, anstatt in seiner «viel komplexeren und gesunden Realität». Ein wichtiges neues Buch, «The Stranger at Hand: Antisemitic Prejudices in Post-Communist Hungary», setzt den zeitgenössischen ungarischen Antisemitismus in die richtige Perspektive. Es handelt sich um die bisher umfassendste Analyse des Ausmasses und des Einflusses des Phänomens. Mit einem Preis von umgerechnet 131 Dollar dürfte das Buch allerdings für viele potenzielle Leser ausser Reichweite liegen. Der Autor András Kovács, ein Soziologe an der Zentral-europäischen Universität von Budapest, hat während Jahrzehnten sowohl die Entwicklung des Antisemitismus als auch des jüdischen Lebens und seiner Identität in Ungarn verfolgt. Das Buch liefert ein höchst komplexes und manchmal widersprüchliches Bild.
Ein grosser Teil der jüdischen wie der nicht jüdischen Gesellschaft in Ungarn ist, wie Kovács schreibt, überzeugt, dass der Antisemitismus in ihrem Land seit dem Fall des Kommunismus zugenommen hat. «Was auf der Strasse gesagt, in Zeitungen geschrieben und am Radio gehört wird», meint er, «gibt Anlass zur Besorgnis.» Sind die Ängste berechtigt? Die Antwort sei, wie Kovács in einem Interview erklärte, eine Mischung von ja, nein und vielleicht.
Drei Typen von Antisemitismus
Die Jobbik-Partei mit ihren antisemitischen Parolen und einer virulent gegen die Roma gerichteten politischen Plattform gewann bei den Wahlen im letzten April fast 17 Prozent der Stimmen und zog als drittgrösste Partei des Landes ins Parlament ein. Infolge interner Streitigkeiten verliert Jobbik aber an Unterstützung, und neue gesetzliche Massnahmen schränken den einst gefürchteten paramilitärischen Flügel, die Ungarische Wache, wesentlich ein.
Die Partei ist aber nicht vom Himmel gefallen, und Kovács’ Buch verfolgt die Entwicklung verschiedener antisemitischer Trends vor dem Hintergrund politischer und sozialer Veränderungen. Er identifiziert drei zentrale Arten des Antisemitismus in Ungarn: erstens das «klassische» antijüdische Vorurteil basierend auf sozialen und religiösen, Jahrhunderte zurückreichende Stereotypen, die am Leben erhalten worden sind, während des Kommunismus allerdings unterdrückt waren; der zweite Typ tritt dann auf, wenn der Antisemitismus zu einer Art «Sprache und Kultur» wird, und somit eine allgemeine antisemitische Weltanschauung gefördert wird; drittens der politische Antisemitismus, bei dem laut Kovács «politische Aktivisten entdecken, dass sie gewisse soziale Gruppen mobilisieren können, indem sie zur Erreichung ihrer eigenen Ziele antisemitische Slogans verwenden».
Die Forschung des Autors zeigt, dass die jüngste Zunahme des Antisemitismus eher qualitativer als quantitativer Natur ist. Umfragen ergeben, dass 10 bis 15 Prozent der Ungaren als hartgesottene Antisemiten anzusehen sind, während weitere 25 Prozent bis zu einem gewissen Grad antijüdische Vorurteile fördern. Im Gegensatz zur herrschenden Ansicht haben laut Kovács diese Zahlen in den letzten 17 Jahren ein wenig, aber nicht dramatisch zugenommen.
Gefährliche Dynamik
Viel eher Besorgnis erregend ist laut Kovács, wie sich Art und Ausdruckweise des Antisemitismus verändern. Einmal hat der Prozentsatz des politischen Antisemitismus zugenommen. Laut Kovács sind die politischen Antisemiten «städtischer, besser gebildet und relativ jünger» als in der Vergangenheit. So sind die Führungskräfte von Jobbik jugendlich, mit sauberem Haarschnitt und den Medien und dem Internet wohlgesonnen. Letztere Faktoren haben ihre Position im Vorfeld der letzten Wahlen klar gestärkt. Sodann spricht Kovács von einer «gefährlichen Dynamik», wenn er den offenen Gebrauch antisemitischer Sprache durch rechtsextreme Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens untersucht. Oft übersehen Eltern, Lehrer und andere Figuren des öffentlichen Lebens die Benutzung von antijüdischen Äusserungen durch junge Leute, die ihre Hemmungen in dieser Hinsicht offenbar zusehends aufgeben. «Wir wissen», sagt Kovács, «dass die Menschen viel vorsichtiger mit der Formulierung ihrer Vorurteile sind, wenn sie glauben, es sei ungesetzlich. Sobald sie aber feststellen, dass sogenannt wichtige Leute diese Sprache ganz offen benutzen, dann verhalten sie sich ebenso. Dies beobachten wir heute in Budapest.»
Die Zukunft ist ungewiss. Bisher scheint laut Kovács die antijüdische Rhetorik von Jobbik eher darauf abzuzielen, eine Gruppe von Gleichgesinnten zu schaffen, und weniger darauf, konkrete politische Ak-tionen gegen Juden zu fordern. Auszuschliessen ist allerdings nicht, dass die extreme Rechte versuchen wird, dem
politischen Antisemitismus auch in Parteien der Mitte zum Durchbruch zu verhelfen. Kovács hält dies einerseits für unwahrscheinlich, schreibt in seinem Buch aber, dass alles letztlich davon abhängen wird, wie die kulturellen und politischen Führer der Mitte in Ungarn auf die Versuche reagieren werden, «das Vorurteil, das einst die Peripherie der ungarischen Gesellschaft betroffen hat, in eine Kultur und Ideologie mit einer dementsprechenden Sprache zu transformieren».


