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7. Januar 2011, 11. Jahrgang, Ausgabe 52 Ausgabe: Nr. 52 » January 7, 2011

Ein böser Wind

Ari Shavit, January 7, 2011
Ein böser Wind weht im Lande Israel. Den Anfang machten die Rabbiner, die das Vermieten von Wohnungen an Araber verhinderten. Dann attackierten jüdische Jugendliche arabische Passanten, dann demonstrierten jüdische Bewohner von Bat Yam für ein jüdisches Bat Yam, und dann gingen jüdische Einwohner des Tel Aviver Wohnviertels Schchunat Hatikwa gegen Nichtjuden auf die Barrikaden.

Eine Reihe von Zwischenfällen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben und die sich auch gar nicht gleichen, hat eine neue Atmosphäre der Xenophobie geschaffen. Sie haben Israel zu einem Land gemacht, das einen xenophoben Eindruck hinterlässt. Was ist geschehen mit uns? Warum haben sich dunkle Kräfte, die stets schon unter der Oberfläche gebrodelt haben, plötzlich auf den Hauptplatz der Stadt ergossen? Warum erhebt der Rassismus sein Haupt?
Die erste Erklärung ist politischer Natur. Der israelische Journalist
Nahum Barnea etwa hält die Debatte über die Gebiete für beendet. Wenn die Anführer der Rechten von zwei Staaten für zwei Völker sprechen, dann steckt in dieser Debatte kein Streit mehr. Anstatt sich über Hebron und Nablus in den Haaren zu liegen, drehen sich die Diskussionen daher um die israelisch-arabische Stadt Umm el-Fahm und um die von illegalen Fremdarbeitern überflutete alte zentrale Busstation von Tel Aviv. Anstatt über die Ausländer um uns herum zu debattieren, streiten wir uns wegen der in unserer Mitte lebenden Ausländer.
Aussenminister Avigdor Lieberman war der Pionier, doch Innenminister Eli Yishai erkannte schon bald das Potenzial dieses neuen Schlachtfeldes. Sowohl die nationalistische als auch die religiöse Rechte fachen vorsätzlich die Flammen des Ausländerhasses an. Sie verschmutzen die öffentliche Debatte mit Konzepten, wie wir sie nicht mehr gekannt haben, seit Rabbiner Meir Kahane auf unseren Feldern graste.
Die zweite Erklärung ist gesellschaftlich. In den letzten Jahrzehnten sind die israelischen Grenzgebiete vernachlässigt worden. Die Entwicklungsstädte und die benachteiligten Wohngebiete sind von der Landkarte unseres Bewusstseins ausradiert worden. Städte wie Zfat, Tiberias, Lod oder Arad werden ihrem Schicksal überlassen. Der wohlhabende «Staat» Tel Aviv hat sich losgesagt von der Not und dem Leiden des Staates Israel.
Als Folge brechen weite Teile der Peripherie zusammen. In vielen Orten der Grenzgebiete bröckelt das soziale Gefüge. Mit dem Verlust des lokalen Stolzes und der Solidarität in den Gemeinden nahmen Verbitterung und Verzweiflung zu. Unter solchen Bedingungen ist es ein Leichtes, gegen die Ausländer zu hetzen, welche in die Städte und Wohnviertel kommen. Ohne Probleme lassen sich rassistische Mikroben in dem kränkelnden gesellschaftlichen Gewebe verbreiten. Jene Israeli, die fernab vom Wohlstand von Nord-Tel-Aviv leben, entfernen sich auch von dem dort herrschenden liberalen Geist. Viele dieser Menschen orientieren sich an alternativen, dunklen und gefährlichen Werten.
Die dritte Erklärung bezieht sich auf den Staat. Israel im 21. Jahrhundert unterscheidet sich vom Israel des 20. Jahrhunderts. Die ultraorthodoxe Minderheit hat drastisch zugenommen und verlässt die Quartiere, in denen sie sich selbst abgeschottet hat. Auch die arabische Minderheit wird stärker und besteht auf ihre Rechte. Die russische Einwanderung ist nicht verdampft und die Einwanderer bewahren im Wesentlichen die Eigenschaften einer konsolidierten Gemeinschaft. Ebensowenig sind die ausländischen Arbeitskräfte ein marginales und vorübergehendes Phänomen. Sie sind vielmehr ein fester Bestandteil der neuen menschlichen Landschaft.
Als Ergebnis all dieser Veränderungen wird die israelische Gesellschaft definitiv zu einer multikulturellen und multikommunalen Gesellschaft. Sie versteht nicht, wie Beziehungen zwischen den diversen Minoritäten herzustellen sind, oder zwischen den Minoritäten und dem Staat. Die Resultate sind zwangsweise Friktionen, Drohungen und Angst. All dies mündet in widerwärtige Hassausbrüche.
Sowohl Premier Binyamin Netanyahu als auch Oppositionschefin Tzippi Livni sind der Idee eines demokratischen und jüdischen Staates verpflichtet. Sie wollen sowohl das Überleben als auch die Legitimität Israels als demokratischen jüdischen Staat sichern. Doch der Virus des Hasses in den Strassen korrumpiert den jüdischen, demokratischen Staat. Der Virus des Hasses lässt Israel wie ein hirnrissiges rassistisches Land aussehen und klingen.
Wegen der Abwesenheit eines starken aufgeklärten politischen Zentrums ist aus dem Prozess der sozialen Desintegration ein Prozess des moralischen Zusammenbruchs geworden. Lieberman, Shas und die grössenwahnsinnigen Rabbiner der Rechten drohen damit, all das zu zerstören, woran Theodor Herzl, Zeev Jabotinsky und David Ben Gurion geglaubt haben. Sie ziehen dem jüdischen Staat, der doch all seinen Bürgern Gleichberechtigung gewähren und all seine Minderheiten respektieren sollte, den Boden unter den Füssen weg. Es ist
an der Zeit, dass sowohl Netanyahu als auch Livni zur Vernunft
gelangen. Nur ihr gemeinsames entschiedenes Vorgehen wird den fremdenfeindlichen Wahnsinn unter Kontrolle bringen und Israel sein aufgeklärtes Wesen wiedergeben, das korrumpiert worden ist.



Ari Shavit ist politischer Kommentator bei «Haaretz».



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