«Die Oper ist in erster Linie für die da, die sie bezahlen»
tachles: Sie waren lange Jahre Direktor der Wiener Staatsoper, erfolgreicher Opernagent und Sportler. Ihre Autobiografie liest sich wie ein Krimi der Operngeschichte. Gibt es auch Dinge, die Sie nicht erwähnen konnten?
Ioan Holender: Mein erstes Buch habe ich geschrieben, als ich noch in Amt und Würden war – da musste ich schon einiges weglassen. Aber jetzt, im zweiten, konnte ich nahezu alles schreiben, was ich wollte (lacht).
Haben Sie die vielen politischen Rangeleien nicht zu viel Energie gekostet?
Ich habe viele politische Aussagen gemacht, und die haben mir entsprechend viele Antworten eingebracht. Ich hätte ja den Mund halten können. Aber wenn man in Österreich eines der wenigen international bedeutenden Institute leitet, soll man sich dafür einsetzen, dass die Vergangenheit – so, wie sie tatsächlich war – bekannt wird. Das ist in diesem Haus nie geschehen; vor allem die Jahre von 1938 bis 1945 wurden totgeschwiegen. In dieser Hinsicht habe ich wohl mehr getan als meine Vorgänger.
Die Wiener Staatsoper wurde einst von Richard Strauss, Gustav Mahler und anderen sehr Prominenten geleitet. War dies eine grosse Herausforderung für Sie?
Diese Zeiten waren ja ganz anders als die heutigen. Heute sollte so ein Haus nicht von einem ausübenden Künstler geleitet werden, denn es ist ein Vollzeitjob. Vergleiche sind aber sowieso müssig. Ich hätte den Posten wohl nicht übernommen, wenn ich mir solche Überlegungen gemacht hätte.
Was haben Sie an der – gerade in Wien wichtigen – Tradition verändert?
Das Haus erfuhr mit Sicherheit eine Öffnung in jede Richtung: im Repertoire, in der Modernität, in der an heute angepassten Sicht der Ästhetik der Inszenierungen. Auch der äussere Auftritt der Oper hat sich geändert, etwa dass vier Monate lang die Vorstellungen auf einem der wichtigsten Plätze Wiens öffentlich übertragen werden. Für die Kinder habe ich ein eigenes Zelt auf der Terrasse des Hauses bauen lassen. Entscheidend ist aber immer nur, was mit wem gespielt wird. Und ich habe dem Haus durch das Ensemble, das es hat, wieder eine Identität und durch das besondere Angebot eine Eigenart gegeben. Dadurch, dass ich lange Zeit in dieser Position war, konnte ich wohl mehr verändern als andere.
1996 wollten Sie Wagners «Tristan und Isolde» mit Daniel Barenboim und Placido Domingo herausbringen, was dann aber nicht zustande kam.
Ja, das war ein Vorhaben, und wenn es – zumal mit dem vorgesehenen Regisseur Louis Malle – geklappt hätte, wäre es eine Weltsensation geworden.
Ist es an einer Banalität oder etwas Tieferem gescheitert?
Placido Domingo hätte den Tristan zum ersten Mal auf der Bühne singen sollen. Letztlich hat er sich entschieden, sich dieser Herausforderung doch nicht zu stellen. Das lag in der Rolle selbst begründet, die sowohl die längste, schwierigste wie auch dramatischste der gesamten Literatur ist. Wir sind dann auf die «Walküre» umgestiegen, um nicht alle zu verlieren, die engagiert waren, vor allem Daniel Barenboim.
Mit «Carmen» hatten Sie unlängst einen Riesenerfolg.
Ja, obwohl auch hier einiges schief lief. Die Oper sollte eigentlich von Mariss Jansons dirigiert werden, dem derzeit für mich wichtigsten Dirigenten. Er musste absagen, weil er sich einer unaufschiebbaren Herzoperation unterziehen musste. Ebenso sagte Elina Garanca, die die Carmen singen sollte, ab. Aber im Leben führt oft das Besiegtsein zu mehr Erfolg als das Siegen.
«Der Ring der Nibelungen», den Sie auch sehr erfolgreich herausbrachten, beschreiben Sie in Ihrem Buch als ein Herzensanliegen.
Eine Herzensangelegenheit ist es nicht, aber das Opus maximum der gesamten Opernliteratur. Das Einmalige ist, dass in meinen 19 Jahren am Opernhaus gleich zwei neue Inszenierungen des Werks herauskamen, jene von Adolf Dresen 1992/1993 und die zweite von Sven-Eric Bechtolf 2008/2009.
Sie haben sich – was sicher mutig und neu war – als Intendant in Gesprächen dem Publikum gestellt. Was war Ihre Motivation und welche Erfahrungen haben Sie damit?
Ich wollte, dass die Leute mal Dampf ablassen konnten. Das war interessant und für mich lehrreich. Ich konnte in meinen Antworten meinen Standpunkt verständlich machen, den Leuten erklären, weshalb ich etwas so oder so gemacht habe.
Kann man dies als Demokratisierung der Machtposition, die Sie als Intendant ja innehatten, verstehen?
Die Demokratisierung hatte natürlich ihre Grenzen, denn man muss in so einer Institution Entscheidungen treffen, die nicht immer für alle angenehm sind. Man hat mir denn auch eher vorgeworfen, dass ich zu autokratisch geführt habe.
Sie bewiesen aber ein hohes Bewusstsein für die Öffentlichkeit.
Ja, denn die Oper ist doch in erster Linie für jene da, die sie bezahlen. Und das sind die Steuerzahler. Für sie haben wir etwas zu produzieren, das sie annehmen und wofür sie dann noch einmal bezahlen, wenn sie Eintrittskarten kaufen. Wir agieren mit fremdem Geld, und dieses Bewusstsein zu haben ist enorm wichtig. Die erste Verpflichtung für den Leiter eines Opernhauses ist es, dafür zu sorgen, dass das Publikum zufrieden ist. Man macht ja nicht Theater für die Angestellten, sondern für das Publikum.
Und wie viele Konzessionen ist man diesbezüglich bereit, für die Kunst zu machen?
Der Kunst dient man – in jeder Weise. Die Qualität der Vorstellung ist der einzige Parameter, nach dem man sich zu richten hat. Dafür muss man alles einsetzen. Das ist nach meiner Meinung auch der einzige Weg zur besten Realisierung.
Gehen da die Einschätzungen des Intendanten und des Publikums nicht manchmal auseinander?
Über längere Zeit nicht. Im Gegensatz zu den Fernsehmachern glaube ich nicht, dass die Leute dumm sind und deshalb die dümmste Unterhaltung die erfolgreichste ist. Man darf das Publikum weder unter- noch überfordern, die Mischung muss stimmen und man macht auch Konzessionen. Man inszeniert nicht nur für Kenner. Die Leute, die zum ersten Mal kommen, sind nicht unwichtiger, im Gegenteil.
Wurden Sie in der hohen Position des Intendanten auch zuweilen mit ihrer jüdischen Abstammung konfrontiert?
Ich wurde im doppelten Sinne immer wieder mit meiner Abstammung konfrontiert. Denn dass ich aus Rumänien komme gilt in Wien auch nicht eben als sympathische Empfehlung. Ich erhielt Schmähungen, nahm diese aber nie sehr ernst. Im Gegenteil: Dass ich trotz alledem der längste amtierende Leiter in der 145-jährigen Geschichte des Hauses gewesen bin, ist doch ein positives Signal für dieses Land.
Aber die Frage, ob Sie in diese Position gekommen sind, weil oder obwohl Sie Jude sind, stellt sich schon.
(lacht) Fragen darf man alles ... Ich kann darauf allerdings nur mit «weder – noch» antworten. Wenn Sie allerdings insistieren, muss ich zugeben, dass das «Obwohl» schwerer wiegt als das «Weil».
Hat es historisch und nicht persönlich eingeordnet eine gewisse Bedeutung, dass gerade diese für Wien wichtige Position so lange von einem Juden betreut werden konnte?
Wenn Sie noch hinzufügen: «… trotz allem, was Sie gesagt und getan haben», dann entspricht es der Realität. Denn mit gewissen Themen bin ich ja offensiv umgegangen.
Was diesbezüglich hinter den Kulissen gelaufen ist, kann man in Ihrem zweiten Buch nachlesen. Darin beschreiben Sie auch sehr eindrücklich den Verlust Ihrer Mutter, zu der Sie eine sehr enge Bindung hatten.
Ja, ich hatte Zeit meines Lebens eine besonders nahe Beziehung zu ihr. Sie hat immer an alles geglaubt und Verständnis für das gehabt, was ich gemacht habe. Wir hatten eine grosse Liebe und intellektuelle Nähe zueinander. Wenn Sie mich fragen, weshalb wir eine ausserordentliche Beziehung zueinander hatten, ist die beste Antwort wohl: Weil sie eine ausserordentliche Persönlichkeit, ein ausserordentlicher Mensch war.
In Ihrem Buch gibt sehr viele bekannte Namen, auch jüdische wie etwa Bruno Kreisky. Bestand da einen besondere Affinität – oder allenfalls das Gegenteil?
Zu Bruno Kreisky habe ich in jeder Beziehung eine sehr differenzierte Haltung und bin nicht nur ein grosser Bewunderer dieses Mannes – auch politisch nicht.
Hat dies mit Ihrer Biografie zu tun?
Nein, eher mit seiner. Und mit dem, was er tat. Ich habe mit ihm Tennis gespielt, kannte ihn aber nicht wirklich sehr gut.
Haben Sie ihn geschlagen?
Ja, er hat miserabel gespielt. Die Frage ist schon fast eine Beleidigung (lacht).


