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17. Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 50 Ausgabe: Nr. 50 » December 17, 2010

Holbrookes letzte Worte

Editorial von Andreas Mink, December 17, 2010

Gegen den Krieg. Bevor er in die Betäubung vor seiner Aorta-Operation versank, aus der er nie mehr erwachen sollte, hat Richard Holbrooke anscheinend gesagt: «Stoppt diesen Krieg in Afghanistan!» Womöglich waren die letzten Worte des 69-jährigen Diplomaten humorvolles Geplänkel mit dem aus Pakistan stammenden Chirurgen. Aber in der amerikanischen Öffentlichkeit wird der Ausruf ernst genommen. Immerhin hat sich Holbrooke unzweifelhaft an der letzten Aufgabe seiner glanzvollen Karriere aufgerieben: Selbst der Vater des Dayton-Friedensabkommens für den Balkan hat es nicht vermocht, als Barack Obamas «AfPak-Zar» die chaotische Lage in Afghanistan und Pakistan zu ordnen. Als der Sonderbeauftragte am letzten Freitag im Büro von Aussenministerin Hillary Clinton zusammenbrach, diskutierte die Regierung den nun vorgestellten Zwischenbericht zur Lage am Hindukusch. Schon vorab wurde bekannt, dass Obama nicht ernsthaft über einen Kurswechsel nachdenkt, obwohl der Bericht kaum Fortschritte in den Kernproblemen sieht: Pakistan ist weiterhin nicht ernsthaft gewillt, gegen von seinem Territorium aus operierende Taliban-Gruppen vorzugehen, und auch der afghanische Präsident Hamid Karzai hat bislang keine wundersame Wandlung durchlaufen und erscheint Washington weiterhin als unsicherer Kantonist.



Letzte Mission. Dabei hat sich Holbrooke ganz offensichtlich mit all den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auf seine letzte Mission geworfen. War er 2006 beim Interview mit unserer Schwesterzeitschrift aufbau mürrisch und gelangweilt zu erleben – Holbrooke war damals Seniorpartner einer Investment- und Beratungsfirma in Manhattan –, so kam der Sohn einer deutsch-jüdischen Immigrantin erst im Staatsdienst wirklich zu sich: Trotz all seiner Eitelkeit und Kratzbürstigkeit hat sich Holbrooke in erster Linie dem öffentlichen Wohl verschrieben und die neue Heimat seiner Eltern als Journalist, Diplomat, Unternehmer und Publizist mitgeprägt. Der lebensfrohe Hüne war ein Mann mit Weitblick, der die Effektivität von Institutionen verstand und deshalb etwa mit der Gründung der American Academy in Berlin massgeblich zur Vertiefung der deutsch-amerikanischen Freundschaft beigetragen hat: für einen Nachkommen von ­Naziverfolgten keine Selbstverständlichkeit.

Vergebliches Ringen. Aber an «AfPak» ist Holbrooke gescheitert. Dabei ist ein Vergleich zu Dayton instruktiv: Obwohl das auseinanderbrechende Jugoslawien in Blut und Hass versank, konnte Holbrooke dort doch mit einer überschaubaren Zahl kampfesmüder Repräsentanten verhandeln, die klare Interessen vertraten und über die Macht verfügten, Abmachungen bei ihrer Klientel durchzusetzen. Zudem waren die USA zwar Konfliktpartei, standen aber doch ausserhalb der Kämpfe am Boden. Ganz anders in Afghanistan: Hier haben sich westliche Truppen über neun Jahre zur wesentlichen Zielscheibe tribal-religiöser Kämpfer entwickelt, die ihre Heimat gegen «Ungläubige» verteidigen wollen. Gleichzeitig pumpt die Nato unglaubliche Summen in das Land, die sowohl Kabul in Korruption ertrinken lassen als auch über Schutzgelder etwa für Militärkonvois den Taliban zugute kommen. Die westliche Präsenz ist damit zum Motor des Krieges geworden, den sie eigentlich beenden soll. Zudem fehlen am Hindukusch Verhandlungspartner wie Slobodan Milosewitch, die landesweit greifende Abmachungen treffen und für deren Einhaltung sorgen können. Holbrookes letzte Mission war daher ein Ringen mit Schatten oder der Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln. Auch Amerikas grösster Diplomat musste an dieser Aufgabe zerbrechen.   



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