Die Bohémiens ziehen weiter
Das Café Little Prince in Tel Aviv schliesst vorübergehend seine Tore und bedankt sich auf seiner Facebook-Seite: «Danke an alle, die hier lasen, tranken, assen, schrieben, übersetzten, kaufen, liebten, dachten, rauchten, sangen, spielten …». Die Danksagung beschreibt treffend das Flair dieses einzigartigen Büchercafés, das die vergangenen viereinhalb Jahre die Bohémiens der Stadt anzog. Dichter, Literaten, Musiker, Lebenskünstler, Studenten sassen hier so manchen Tag auf den durchgewetzten Sofas zwischen den Bücherregalen, sinnierten über die Welt und tranken ihren Milchkaffee. Einzigartig war hier vor allem auch das kleine Gärtchen im Hinterhof mit den Flohmarktmöbeln und den romantischen Lichtern abends.
Doch nun ist Schluss, die Betreiber müssen das baufällige und unter Denkmalschutz stehende Gebäude räumen, es gab Probleme mit den Nachbarn und die Stadt Tel Aviv möchte das Haus, in einer ruhigen Seitenstrasse neben der belebten King-George-Strasse gelegen, anders nutzen. Ein Café wird es hier wohl nicht mehr geben. Doch Wirt Zachi Samir und sein Team machen weiter; ab nächstem Mai soll das legendäre Little Prince auf der belebten Nachalat-Binjamin-Strasse neben dem Carmel-Markt weitergeführt werden – mit einer grossen Sonnenterrasse und viel Platz. Das Antiquariat an der King-George-Strasse, von denselben Leuten wie das Café betrieben, wird weitergeführt.
Vor sieben Jahren eröffnete Naim Cohen erst eine Secondhandbuchhandlung, ein paar Jahre später stiess Samir mit dem Café dazu. Das Little Prince erinnert die Tel Aviver an das einstige legendäre Café Kassit an der Dizengoff-Strasse, wo in den sechziger und siebziger Jahren Journalisten, Publizisten und Schauspieler sassen und wo Schriftsteller wie Nathan Alterman oder Avraham Shlonsky Lieder- und Literaturabende durchführten. Später gab es in Tel Aviv viele Jahre nichts Vergleichbares, bis eben das Little Prince eröffnet wurde.
Dieser Tage feierten Betreiber und Freunde den (vorübergehenden) Abschied ausgiebig, es gab zahlreiche Partys, darunter solche mit Live-Bands, Tanz und Gesang. An die 500 Gäste erwiesen dem Café die letzte Ehre. Dies zeigt, wie beliebt das Little Prince ist und wie schwer auch der Abschied von dieser kleinen Hinterhof-Oase fällt. Die Tel Aviver Bohémiens sind jetzt erst einmal heimatlos, doch die Betreiber versprechen: Nächsten Mai geht’s weiter.
Ab Mai 2011: Little Prince, Nahlat Binjamin 18, Tel Aviv.


