Nach der Katastrophe
Schwer zu fassende Zahlen. Rund fünf Millionen Bäume auf 50 Quadratkilometern gingen am Carmelberg bei Haifa in Flammen auf, fast die Hälfte aller Bäume im Touristenparadies des «Little Switzerland». 250 Häuser verbrannten, die direkten Schäden werden auf 270 Millionen Schekel geschätzt. Über allem stehen die Namen der 42 Menschen, die lebendigen Leibes in oder neben ihren Fahrzeugen verbrannten. Die Kompensations- und Rehabilitierungskosten belaufen sich auf mindestens zwei Milliarden Schekel, und die gleiche Summe kommt hinzu, soll das nun allseits geforderte, mit Flugzeugen ausgerüstete Brand-Einsatzteam Wirklichkeit werden.
Zeichen an der Wand. Die monströse, fast jenseits menschlicher Begriffskategorien liegende Brandkatastrophe wird vollends unfassbar, wenn wir uns vergewärtigen, dass die Zeichen seit Jahren, teilweise seit Jahrzehnten schon grell an der Wand gestanden haben. Nicht weniger als 28 Mal haben Knessetkommissionen sich schon mit den schlecht ausgerüsteten und personell unterdotierten Feuerwehrteams in Israel befasst. Begriffe wie «Zusammenbruch», «Skandal» oder «Katastrophe» schwirrten in Sitzungszimmern und in den Medien herum, und sie wurden immer dann zu schreierischen Schlagzeilen, wenn irgendwelche Wahlen näherrückten. Konkret ist aber nichts geschehen, während das Niveau der Einsatzbereitschaft der Truppen und die Qualität ihrer Ausrüstung abnahmen. In Israel arbeiten rund 1300 Feuerwehrleute oder ein Mann pro etwa 6000 Einwohner. Im Westen dagegen liegt der Durchschnitt bei einem Feuerwehrmann pro 1000 Einwohner.
Nur noch ein Bericht? Staatskontrolleur Micha Lindenstrauss hat am Mittwoch einen schwerwiegenden Sonderbericht über das israelische Feuerwehr- und Rettungswesen veröffentlicht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt, was die Verantwortlichen und Fehlbaren betrifft. Ob der Bericht zu mehr als einer weiteren staatlichen Untersuchungskommission und erneuten gegenseitigen Beschuldigungen führt, bleibt abzuwarten. Vielleicht war die Carmel-Katastrophe nichts anderes als eine Hauptprobe für Israels nächsten Konflikt mit der Hizbollah oder mit Iran. Spätestens dann wird klar, dass die Bürger ungeahnt Schlimmeres erwartet, wenn sie meinen, das Geschehen der letzten Tage mit der Entlassung von Innenminister Eli Yishai verarbeiten oder verdrängen zu können. Vielleicht muss Yishai tatsächlich gehen, doch dann gehören gleichzeitig viele seiner Vorgänger und Vorgesetzten retroaktiv, oft posthum, für ihre Trägheit in einer derart sensitiven Angelegenheit vor Gericht.
Licht am Ende des Tunnels? Dutzende ausländischer Löschflugzeuge, angefangen beim weltweit grössten Lösch-Jumbo aus den USA über türkische, russische und französische Maschinen sowie drei Helikopter aus der Schweiz, drei palästinensische Löschfahrzeuge und Hilfe aus Jordanien und Bulgarien vermochten zwar den türkisch-israelischen Gaza-Knatsch noch nicht zu bereinigen, doch das Treffen in Genf zwischen Offiziellen aus Jerusalem und Ankara gab ebenso Grund zu leiser Hoffnung wie Telefongespräche zwischen Binyamin Netanyahu und Shimon Peres und dem Türken Recep Tayyip Erdogan respektive dem Palästinenser Mahmoud Abbas. «Nicht immer ist die Welt gegen uns», meinte ein israelischer Reporter. «Oft sind wir vielmehr selber gegen uns.»


