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10. Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 49 Ausgabe: Nr. 49 » December 10, 2010

Ein jüdischer Suprematist aus Witebsk

Von Walter Labhart, December 10, 2010
Dem bislang wenig bekannten Maler, Zeichner und Architekten Lazar Markovich Khidekel, der von 1904 bis 1986 lebte, widmet das Haus Konstruktiv in Zürich erstmals eine umfassende Einzelausstellung in Europa.
GRUPPENBILD AUS WITEBSK Lazar Khidekel (4.v.l., sitzend) im Kreis weiterer Künstlerinnen und Künstler

Als die Kunstwissenschaftlerin Dorothea Strauss, Direktorin des Museums Haus Konstruktiv in Zürich, von Ausstellungsbesuchern aus Übersee in ein Gespräch verwickelt wurde, war sie nicht wenig erstaunt, Nachkommen von Lazar Markovich Khidekel vor sich zu haben. Diese erklärten sich binnen weniger Minuten bereit, ihr Einblick in die bisher nur sehr selten gezeigten Schätze des vielseitig begabten Künstlers und Architekten zu gewähren. Kurz entschlossen flog Dorothea Strauss nach New York, wo sie sich, von der künstlerischen Qualität auch der architektonischen Entwürfe hell begeistert, sofort für eine Einzelausstellung entschied. Knappe vier Monate später konnte sie nun die erste grosse Werkpräsentation in einem europäischen Museum eröffnen, die höchst spannende Übersicht «Lazar Markovich Khidekel – Der wiederentdeckte Suprematist» im Haus Konstruktiv.



Spät und wenig beachtet

In seiner Bedeutung für den von Kasimir Malewitsch, seinem Lehrer, begründeten Suprematismus und für die moderne Städteplanung in der UdSSR wurde Khidekel  trotz hervorragender Arbeiten erstaunlich spät wiederentdeckt. Fehlte er noch in der wichtigen Ausstellung «Von der Fläche zum Raum. Russland 1916–24» der Galerie Gmurzynska in Köln (1974), so war er in der Monsterschau «Die grosse Utopie. Die russische Avantgarde 1915–1932» in Frankfurt a. M. (1992) zwar mit dem Ölbild «Gelbes Kreuz» und mit grafischen Blättern vertreten, ging aber in der Fülle des Ausstellungsmaterials unter.
In enger Zusammenarbeit mit den Nachkommen entstand die über 150 Exponate zählende Schau in Zürich. Den weiten Weg, den der künstlerisch Frühreife von flächig-expressiven Landschaften über kubofuturistische Arbeiten voll jugendlicher Dynamik zu formal ausgewogenen Beiträgen zum Suprematismus und schliesslich bis zu visionären Farbentwürfen zu einer utopischen «grünen Stadt» durchmessen hat, zeichnet die mit zahlreichen Fotos und weiteren Dokumenten angereicherte Ausstellung mit Gemälden, Aquarellen, Gouachen, Zeichnungen und originalen Plänen chronologisch nach.

Chagall-Schüler in Witebsk

Auf einem Gruppenbild von 1918 ist Khidekel als Schüler von Marc Chagall in dessen Witebsker Kunstschule zu erkennen. Nachdem zwei Jahre später Malewitsch als Lehrer in jene Staatliche freie Kunstwerkstätte eingetreten war, setzte Khidekel die künstlerische Ausbildung bei ihm bis zum Studienabschluss 1922 fort. Unter den jüdischen Studienkollegen befanden sich Chaja Kagan, Efim Rojak, Ilja Tschaschnik und Michail Wechsler, lauter talentierte Nachwuchskünstler, welche die Gruppe UNOWIS («Betätigung des Neuen in der Kunst») mitbegründeten.
Khidekel war erst 16 Jahre alt, als er die Idee einer «grünen Stadt» zu entwickeln und im Manifest «Aero» vorzustellen begann. Am ersten UNOWIS-Flugblatt, das mit der Aufforderung eröffnet wurde, «Tragt das schwarze Quadrat zum Zeichen der Weltökonomie! Zeichnet in euren Ateliers das rote Quadrat zum Zeichen der Weltrevolution der Künste!», beteiligte sich Lazar Khidekel 1920 mit einem ebenso progressiven Text, in dem er proklamierte: «Wir kopieren jetzt nicht Rubens und ahmen nicht Picasso nach, sondern wir studieren Kubismus, Futurismus und Suprematismus – diejenigen Etappen der Malerei, die  sämtliche Errungenschaften der Leinwand, die zum Schöpfertum der Errichtung der neuen Welt führen, in sich begreifen, was unser Beitrag zur Vervollkommnung der Gegenwart sein soll.»

Suprematist und Utopist

Der im weissrussischen Witebsk geborene und dort ausgebildete Künstler wirkte von 1935 bis 1985 als Professor für Architektur an der Ingenieurschule in Leningrad, wo er als einer der angesehensten Architekten des Suprematismus und zugleich als vergessener Maler starb. Unter dem von Malewitsch um 1915 geprägten Begriff Suprematismus versteht man eine aus reinen Farbflächen bestehende, ungegenständliche Kunst, deren elementarste Form das Quadrat ist. Dieser revolutionären Kunst verpflichtet, die er von Malewitsch und El Lissitzky übernahm, hatte Khidekel nach 1920 in seinem suprematistischen Schaffen sowohl Berührungspunkte mit diesen beiden Lehrern als auch mit dem Mitschüler Tschaschnik.
Eine individuelle Gestaltung der Raumprobleme macht sich in der Zürcher Ausstellung erst in der Collage «Entwurf für einen kosmischen Lebensraum» mit ihrer harmonisch proportionierten Verteilung von farbigen Balken (um 1920) und im Gemälde «Gelbes Kreuz» (1923) mit seinen angeschnittenen Rechtecken deutlich bemerkbar. Unter den Architekturentwürfen ragen eine auf Pfeilern stehende Stadt, futuristische Hochhäuser, rundturmartig volumetrische Kompositionen und als kühnste Utopien die «grünen Städte» mit ihrer Integration der Natur sowie eine auf dem Wasser schwimmende Stadt hervor.    


«Lazar Markovich Khidekel – Der wiederentdeckte Suprematist» bis 30. Januar 2011 im Haus Konstruktiv, Selnaustrasse 25, Zürich. Vortrag von Regina Khidekel «Über die visionäre Kraft des russischen Suprematismus» in Kooperation mit Omanut am 24. Januar 2011, 18.30 Uhr. www.hauskonstruktiv.ch



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