Kathedralen des Kommerzes
Berliner Wittenbergplatz viele Menschen an
Die weite Welt auf ein paar tausend Quadratmetern: Wie in London und Paris kündeten die prächtigen Warenhäuser auch in Berlin um 1900 vom Beginn einer neuen Epoche. Für die Dame von Welt war in der aufstrebenden Kaiserstadt alles zu bekommen, von der Delikatesse aus den Kolonialländern über den eleganten Fächer aus Paris bis zum handgeschnitzten Spazierstock für die Promenade über den Prachtboulevard Kurfürstendamm. Einige der grössten Einkaufstempel jener Ära gehen auf jüdische Gründer zurück. Namen wie Wertheim stehen für einige der bemerkenswertesten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten der Jahrhundertwende – bis die Nationalsozialisten 1938 das Schicksal des Hauses und
eine rasante Gründerkarriere besiegelten. «Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!» Parolen wie diese begleiteten am 1. April 1933 den reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte als Ausdruck einer seit Langem schwelenden antisemitischen Kampagne.
Tempel der Kauflust
Begonnen hatte die Ära der Kaufhäuser in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Industrialisierung, Urbanisierung und Massenproduktion veränderten die Konsumgewohnheiten und erforderten neue Einrichtungen für die Versorgung der Bevölkerung sowie für die Verteilung der Waren. Geballtes Angebot auf engem Raum – die Warenhauspaläste machten das Einkaufen zu einem völlig neuen Erlebnis. Das von dem Architekten Alfred Messel am Leipziger Platz in Berlin entworfene und 1894 eröffnete Warenhaus Wertheim war das grösste Europas. Ausserdem entstanden in Berlin 1904 das ebenfalls prachtvoll gestaltete Warenhaus Tietz am Alexanderplatz, 1907 das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) am Kurfürstendamm und 1929 das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz. Als Massenumschlagplätze strukturierten diese Publikumsmagneten mit ihren attraktiven Standorten die Verkehrsflüsse und waren gleichermassen Versorgungseinrichtung wie Sehenswürdigkeit.
Nach dem Ersten Weltkrieg vollzog sich eine «Demokratisierung des Konsums». Neben den grossen Warenpalästen, die sich durch repräsentative Fassaden und Treppenhäuser, grosszügige Lichthöfe, Glaskuppeln, Dachgärten und eine luxuriöse Ausstattung auszeichneten, entstanden auch immer mehr kleinere Kaufhäuser. Sie boten eine Vielfalt von Gebrauchsartikeln und sogar seltene Importgüter an – zu Preisen, die auch für weniger begüterte Käuferschichten erschwinglich waren. Viele dieser Häuser wurden von Juden betrieben. In den zwanziger Jahren vergrösserte sich mit zunehmender Rationalisierung und Automatisierung in Produktion und Distribution der Preisvorteil der Warenhausprodukte noch mehr. Gegen die Konzentration der Grossen und der Filialisten konnten sich die kleinen Läden, oft Familienbetriebe, nur mit einem begrenzten und spezialisierten Angebot halten. Zumal sich unter den neuen Herstellungs- und Vertriebsbedingungen auch neue Verkaufsprinzipien durchsetzten: Warenhäuser boten professionelles Verkaufspersonal, mehr Kulanz, Umtausch- oder Rückgaberecht und lockten die Kundschaft mit Werbemassnahmen wie Lichtreklame, Zeitungsanzeigen oder Sonderverkäufen. Auf diese Marketinginstrumente setzten Branchenführer wie Wertheim mit wachsendem Erfolg.
Antisemitische Anfeindungen
Bis heute ist der Name Wertheim nahezu ein Synonym für eine erfolgreiche Kaufhausdynastie. Wertheim stand für Flair, Luxus, Geschmack und Glanz, berühmt für Sortiment, Gestaltung und Warenpräsentation. Die Kundin machte Schaufensterbummel oder blätterte im Wertheim-Katalog. In der Wintersaison 1903/04 etwa wählte sie daraus Korsett- und Beinkleider, Tändel- und Wirtschaftsschürzen, Diener-Garderobe und Putzartikel für den täglichen Bedarf, Flitterroben, garnierte Hüte, Capes und Paletots, wenn es etwas Besonderes sein sollte. Auch das Serviceverständnis des Hauses war etwas Besonderes in der Kaiserstadt Berlin: Ob Arbeiterfrau oder vornehme Dame – die Philosophie des Unternehmens Wertheim sah vor, alle Kundinnen und Kunden gleich zuvorkommend zu behandeln und dabei Einkaufen zu einem Erlebnis in einer Warenwunderwelt zu machen. Ausser den von renommierten Architekten gestalteten Berliner Häusern am Leipziger Platz, am Moritzplatz, in der Rosenthaler und der Königsstrasse gab es Filialen in Rostock, Breslau, Stralsund. Dort hatte alles begonnen, als die Brüder Abraham und Theodor Wertheim 1851 ihr erstes «Manufactur- und Modewarengeschäft» eröffnet hatten. Der rasante Aufstieg der jüdischen Kaufmannsfamilie begann, als Abrahams Sohn Georg 1884 den Sprung nach Berlin wagte. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das dortige Warenhaus Wertheim zum grössten und prachtvollsten des Kontinents. Wertheim erwuchs jedoch heftige Konkurrenz: Hertie. Dessen Gründer Hermann Tietz (aus den ersten Buchstaben seines Vor- und seines Nachnamens ist das Kunstwort Hertie abgeleitet) liess sich ebenfalls in Berlin nieder. Oscar Tietz, der aus einer deutsch-jüdischen Kaufmannsfamilie stammte, hatte mit Unterstützung seines Onkels Hermann Tietz 1882 in Gera eines der ersten deutschen Warenhäuser gegründet und damit den Grundstein für einen der grossen deutschen Kaufhauskonzerne, die spätere Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, gelegt. Oscars Bruder Leonhard hatte bereits 1879 in Stralsund ein Geschäft eröffnet und damit den späteren Kaufhofkonzern begründet.
Breites Sortiment, offene Präsentation der Waren statt unter Verschluss in Vitrinen, partielle Selbstbedienung des Kunden statt Verkäuferservice sowie Warenfixpreise statt Verhandlungsbasis zwischen Käufer und Verkäufer – das moderne Konzept der Warenhausriesen ging auf. Der grosse Erfolg der Häuser erregte bald Neid und Missgunst, nicht nur unter Mitbewerbern. Der zunehmende Konkurrenzdruck nach der Weltwirtschaftskrise verstärkte die Bestrebung vieler, sich unliebsamer Konkurrenz zu entledigen. Boykottiert und schikaniert, gaben sich bereits in den zwanziger Jahren viele mittelständische jüdische Betriebe und vor allem Kleinunternehmer ob der Anfeindungen geschlagen: In den jüdischen Kaufhäusern Berlins, schrieb die rechtsnationale Presse, würde mit falschen Massen gearbeitet, es würden Lockwaren eingesetzt, um letztlich minderwertige Waren anzubieten, es herrschten schlechte Arbeitsbedingungen und das grosse Angebot stelle eine sittliche Gefährdung der Kunden dar. Die glitzernden Konsumtempel waren eines der Hauptangriffsziele der Nazis. Bald darauf waren die schönsten Kaufhäuser Berlins nicht nur jüdischen Mitarbeitern verschlossen, sondern auch jüdischen Kunden.
Trotz fortwährender antisemitischer Anfeindungen konnte der zum Christentum übergetretene Patriarch Georg Wertheim das Unternehmen erfolgreich durch den Ersten Weltkrieg und die zwanziger Jahre führen. Als die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, glaubte der getaufte Unternehmer, sich mit den neuen Machthabern arrangieren zu können. Doch das gelang nicht. Das Unternehmen Wertheim wurde schrittweise «arisiert» und 1938 für «deutsch» erklärt. Nach Georg Wertheims Tod 1939 heiratete seine Witwe den Justitiar der Firma. Diesem gelang es nach dem Krieg, wie Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters in ihrem Buch «Die Wertheims» beschreiben, weitere Erben um ihren Besitz zu bringen und alles an Hertie zu verkaufen. Rund 50 Jahre später begann eines der spektakulärsten Entschädigungsverfahren der Nachkriegszeit, als Nachfahren der Warenhausdynastie gegen den nunmehrigen Eigentümer, den Konzern Karstadt-Quelle, vor Gericht zogen.
Zukunft des Kaufhauses
Das Kaufhaus des Westens KaDeWe hingegen existiert bis heute. Im Jahre 1905 beauftragte der jüdische Kommerzienrat Adolf Jandorf den Architekten Johann Emil Schaudt mit dem Bau eines Warenhauses. 1907 öffnete das KaDeWe seine Tore. Jandorf präsentierte ein Sortiment der Superlative und lockte Besucher aus ganz Berlin und dem Umland an. In den Strassen ringsherum liessen sich bis 1910 viele weitere Einzelhandelsgeschäfte nieder und profitieren von der Kaufkraft, die das Flaggschiff anzog. 1927 übernahm Hermann Tietz das KaDeWe, gliederte es in seinen Hertie-Warenhauskonzern ein und liess das Haus bis 1930 baulich erweitern. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte dieser Erfolgsstory ein Ende. Während der NS-Zeit zwang eine Bankengruppe über zurückgehaltene Kredite die jüdischen Eigentümer zum Verkauf der Hertie-Kette und setzte einen «arischen» Geschäftsführer ein.
Während des Krieges, 1943, stürzte ein amerikanisches Flugzeug in das KaDeWe. Das Gebäude brannte fast völlig aus. Im Jahre 1950 wurde das wieder aufgebaute Kaufhaus des Westens im Westteil der nun geteilten Stadt Berlin zum Symbol des deutschen Neuanfangs nach dem Krieg – und zum Symbol der folgenden Wirtschaftswunderzeit in der jungen Bundesrepublik. Die 1956 eröffnete Feinschmeckeretage entwickelte sich, rund zehn Jahre nach den Entbehrungen des Krieges, zum Anlaufpunkt für Geniesser und zum Magneten des Hauses für Einheimische und Besucher. Doch den grössten Andrang erlebte das Haus nach der Wende und dem Fall der Berliner Mauer im November 1989. Im wiedervereinigten Deutschland übernahm dann 1994 die Karstadt AG (später Arcandor AG) den Hertie-Konzern und damit das KaDeWe.
Seit Ende des 20. Jahrhunderts verlieren die Einkaufshäuser kontinuierlich an Kundschaft – an Spezialgeschäfte, an Einkaufspassagen und zuletzt an das Internet. Rezession und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise verschärften die Probleme vieler Einzelhandelsketten. Warenhäuser sind für viele Experten ein Auslaufmodell. Hohe Unterhaltskosten verringern die ohnehin knappen Renditen, die Kunden gehen lieber zu Discountern und Fachhändlern oder bestellen online. Manchen Unternehmen gelang es, sich veränderten Kundenbedürfnissen anzupassen, indem sie in eine zeitgemäße Architektur investieren, Eigenmarken produzieren und zugkräftige Fremdmarken inszenieren. Sie setzen auf Unterhaltung, sinnliches Einkaufsvergnügen, auf Service und glamouröse Events, auf stilvolles Ambiente und Wohlfühlerlebnisse. So verfügen viele Häuser nicht nur über ein Café, Restaurant oder eine Bar, um nach einer Shopping-Session neue Energie zu tanken. Sie bieten, wie das KaDeWe, auch die Möglichkeit, sich in einem luxuriösen Wellness-Bereich oder bei einer Schönheitsbehandlung in der Beauty-Lounge zu entspannen. Heute ist das KaDeWe eines der Premium-Häuser der Karstadt Warenhaus GmbH, deren Rettung sich der Investor Nicolas Berggruen vorgenommen hat. Kaufhäuser müssen in einem sich wandelnden Marktumfeld um ihren Fortbestand kämpfen. Wenn diese Anpassung gelingt, haben sie als Tempel der Konsumlust weiterhin
eine Zukunft. ●
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


