«Gelt» oder Geschenke?
Alle Jahre wieder stellt sich vielen jüdischen Familien zum Chanukah-Fest die Frage, ob die Geschenke dabei wirklich zur Tradition gehören oder eine Reaktion auf das christliche Weihnachten darstellen. Professor Jonathan Sarna von der Brandeis University erklärt dazu, dass Juden einander bis Ende des 19. Jahrhunderts nur an Purim Geschenke gemacht haben. Erst danach wurden dem Historiker zufolge Gaben an Chanukah gemacht. Dies stellt für Sarna tatsächlich eine Reaktion auf die damals einsetzende Erhöhung von Weihnachten zu einem amerikanischen Nationalfeiertag dar. Damit einhergehend entwickelte sich eine Konsumkultur, die ihrerseits eine jüdische Reaktion hervorrief, so Sarna. Er unterscheidet dabei zwischen Geschenken und der alten, in Europa gebräuchlichen Sitte des «Chanukah gelt». Dessen Ursprünge sind nicht genau bekannt. Vermutlich waren die Münzen ein Symbol des Feiertages, da die Juden in der Antike durch die Siege, die sie im Krieg errungen hatten, die Freiheit zu eigene Prägungen erkämpft hatten. Das Lichterfest verewigt diese Siege.
Der Historiker Eliezer Segal führt dagegen an, dass Chanukah in historischen Quellen erstmals im Zusammenhang mit Studenten in Europa erwähnt wird, die ihren Lehrern Geld geben. Dabei kann laut Segal auch die Verwandschaft der hebräischen Worte Chanukah (Hingabe) und Hinnukh (Erziehung) eine Rolle gespielt haben.
Audruck jüdischer Tradition
Heute geben manche Familen lieber Chanukah Gelt als Geschenke, um damit eine grössere Treue zur jüdischen Tradition auszudrücken. So überreicht Minka Goldstein in Brooklyn ihren sechs Kindern je einen Dollar pro Kerze, den Schamasch ausgenommen. So bekommen die Kinder zunächst einen, dann zwei, dann drei Dollar und so fort. Über die acht Nächte addiert sich das auch je 36 Dollar. Goldstein erklärt, ihr Nachwuchs sei von der Sitte begeistert. Sie hat das «Gelt» auch dazu benutzt, ihren Kindern kluges Wirtschaften nahezubringen. Die Soziologen Dianne Ashton datiert das Schenken an Chanukah auf die 1950er Jahre. Damals haben sich jüdische Kinderpsychologen und Rabbiner für die Imitation des Weihnachtsfestes eingesetzt, um jüdischen Kindern statt Trauer über versäumte Gaben Stolz auf ihre Eigenheit einzuflössen, so Ashton. Doch der Neid auf Weihnachten ist damit nicht aus der Welt. Gerade Kinder in gemischten Familien können kaum verstehen, warum ihre christlichen Kousins und Kousinen Geschenke bekommen und sie nicht.
Heute gibt es in den meisten jüdischen Familien Geschenke zu Chanukah. Dabei achten Viele jedoch besonders auf den erzieherischen Wert ihrer Gaben. So rät Rabbinerin Sandy Rubenstein von der Jewish Social Service Agency in Rockville, Maryland, Eltern beim Anzünden der Kerzen über Werte wie Frieden und Gerechtigkeit oder die Notwendigkeit zu sprechen, Licht in dunkle Ecken der eigenen Existenz oder der Welt zu tragen. Geschenke müssen dem sozialen Bewusstsein einer Familie ja nicht abträglich sein, so Rubenstein. So hält es die zweifache Mutter Jill Myers. Sie hat als Heranwachsende jede Nacht an Chanukah ein Geschenk bekommen. Aber ihr aus Südafrika stammender Ehemann fand diese Sitte völlig absurd. Heute bittet Myers ihre Kinder vor Chanukah, durch ihre Spielsachen zu gehen und diejenigen auszusortieren, die sie nicht mehr gebrauchen. Diese spenden sie dann wohltätigen Organisationen. Ausserdem entscheiden die Kinder jedes Jahr um diese Zeit über die Verwendung der in ihrem Tzedakah-Kästchen gesammelten Mittel. Myers erklärt: «Die Kinder bekommen dann Geschenke, aber nicht nur von uns, sondern auch von ihren Grosseltern, anderen Verwandten und Freunden.»
Freunde und Verwandte teilhaben lassen
Myers ist ein gutes Vorbild. Es bietet sich für Eltern an, nicht alle Geschenke alleine zu machen, sondern daran Freunde und Verwandte teilhaben zu lassen. Die Gaben müssen nicht sehr aufwendig sein. Oft macht ein gut überlegtes Geschenk mehr Freude, als ein teures. Dieses Jahr haben die Kinder von Myers Brettspiele ausgesucht, an denen dann die ganze Familie ihr Vergnügen haben kann. Lärmende Elektronik stellt für Myers keine geeignete Gabe zu Chanukah dar. Ihre aus Kolumbien eingewanderte Freundin Beatriz Yanovich wundert sich dagegen über die amerikanischen Chanukah-Gebräuche. Sie lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Richmond, Virginia. Yanovich erinnert sich: «Für uns und unsere Kinder war Chanukah die Zeit für Latkes, Sufganiyot, Gelt und das Entzünden von Kerzen. Wir werden nie vergessen, wie eines der Kinder in einem Jahr jede Nacht ein Geschenk erwartet hat. Ich habe ihm dann an einem Abend eine Socke gegeben und die andere dazu in der folgenden Nacht. Wir haben darüber den ganzen Tag lang gelacht.» ●
Natasha Rosenstock ist Journalistin. Sie lebt und arbeitet in Washington und blogt unter www.natasharosenstock.com.


