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Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 6, 2010

Die Geschichte einer Weltmarke

Von Eva Burke, December 6, 2010
Die Erfolgsgeschichte des englischen Warenhauses Marks & Spencer nahm Anfang des neuen Jahrtausends beinahe ein jähes Ende. Heute schreibt das Kaufhaus wieder schwarze Zahlen.
MARKS & SPENCER Jeder Quadratmeter soll einen Umsatz erzielen

Selten gab es eine Firma, die über Jahrzehnte hinweg die wirtschaftliche Situation eines Landes so akkurat zu widerspiegeln vermochte wie Marks & Spencer. Ging es Grossbritannien schlecht, so etwa im Jahr 2001, dann sank der Gewinn von Marks & Spencer von über einer (damals bahnbrechenden) Milliarde Pfund auf ein Achtel davon. Ging es dem Land wieder etwas besser, erholten sich auch die Aktien von Marks & Spencer. Mit einem diesjährigen Umsatz von rund zehn Milliarden Pfund zählt das Warenhaus zu den erfolgreichsten Handelsunternehmen der Welt. Das Unternehmen besitzt weltweit 895 Läden und beschäftigt über 75 000 Angestellte. Auf Londons Oxford Street ist die Tasche von Marks & Spencer genauso allgegenwärtig wie in der Schweiz der Sprüngli-Sack. Obwohl seit einiger Zeit der Vorstand nicht mehr aus jüdischen Mitgliedern besteht, gilt Marks & Spencer im britischen Volksmund noch immer als «the Jewish firm», die sich entschlossen dem Wirtschaftsboykott gegen Israel entgegensetzte, nicht nur, weil sie als erste Firma England mit Avocados aus Israel beschenkte, nebst Orangen, Unterwäsche und Gewürzen. Waren die beiden jüdischen Gründerfamilien, die Marks und die Sieffs, seinerzeit Chaim Weizmann massgeblich behilflich, die Balfour-Deklaration durchzukämpfen, so hält sich Marks & Spencer heute aus der Politik heraus. Streng gehorcht die Firma der Ethical Trading Policy der EU, die jede Firma ermahnt, «keine Staaten und religiöse Institutionen zu unterstützen». Somit herrscht an den Kassen von Marks & Spencer Eintracht: Scharenweise reihen sich, dicht aneinander gedrängt, jüdische und muslimische Frauen, um dieselben Blusen, Hemden und Make-ups für ihre Familien einzukaufen. 



In Kürze zum Grosserfolg

Michael Marks begann sein Geschäft – man zählte das Jahr 1886 – mit einer fahrenden Karre. Täglich mühte er sich mit dem englischen Wetter ab, zog von einem Dorf zum anderen und führte eine komplizierte Buchhaltung. Als ihm die schwere Last und das langwierige Reisen zusetzten, kam ihm die glänzende Idee, die Fuhre abzuschaffen, eine Marktbude aufzubauen und einfach alles für einen Penny zu verkaufen. «Don’t ask for the price – everything costs a penny». Eine revolutionäre Preispolitik war in England geboren.
Wind und Regen führten jedoch zu häufigen und letztlich kostspieligen Erkältungen bei den Angestellten, und so verlegte Marks seine Verkaufsbude vom offenen Marktplatz in überdachte Einkaufsarkaden und liess seine Mitarbeiter von hölzernen Stehbrettern aus die Kundschaft bedienen. 1907 vermachte der erschöpfte Marks das Geschäft seinem tüchtigen und damals erst 19-jährigen Sohn Simon. In kurzer Zeit gelang es diesem, Vaters Marks & Spencer zu einer Weltmarke und einer gesunden Position an der Börse zu verhelfen.
Simon war nicht nur ein engagierter Geschäftsmann. Er widmete sich mit ebenso grosser Hingabe jüdischen Zwecken, Eretz Israel und wohltätigen Vereinen. Die Familie besuchte viele jüdische Veranstaltungen und verweigerte keinem eine Spende. Dies tat dem geschäftlichen Erfolg keinen Abbruch. Simons Motto, dass jeder Quadratmeter einen Umsatz zu erzielen hat, sollte sich auszahlen. Simon, der das Geschäft fast 60 Jahre führte, und sein Nachfolger Israel Sieff setzten aber auch auf Qualität und auf ausschliesslich britische Verarbeitung. So wollten die Damen der englischen Middle Class, zum Beispiel Premierministerin Margaret Thatcher, in Kostümen von Marks & Spencer gesehen werden. Auch Samantha Cameron, die Gemahlin des jetzigen britischen Premiers, wurde schon in einem Pullover dieser Firma fotografiert.
Simon Marks ging es auch darum, den «jüdischen Laden» nach «jüdischen Prinzipien» zu führen: Die Arbeitsmoral war hoch, Angestellten wurden eine gründliche Lehre, Aufstiegsmöglichkeiten, angemessene Löhne, Krankenversicherung und Arbeitsplatzgarantie geboten. In Universitätskursen, die ethisches Management und moralisches Personalwesen lehren, gilt Marks & Spencer als Vorbild. Vertreter des Firmanmanagements dozieren über zukunftsgerechte Lösungen im Arbeitsmarkt und in der Umweltpolitik. Ausserdem herrscht immer noch der Slogan von Marks & Spencer, dass der Kunde «immer vollkommen Recht hat».

Seifenblase platzte

So ging es zügig bis ins 21. Jahrhundert, als die Seifenblase plötzlich platzte. Fast gleichzeitig zogen sich die noch im Vorstand sitzenden jüdischen Mitglieder der Familien Marks und Sieff vom Geschäft zurück. (Die Urenkelin des Gründers steht heute einem privaten Shopping Club vor, der seinen Mitgliedern Luxusmarken zu reduzierten Preisen anbietet.) Der Umsatz schrumpfte, Expansionspläne wurden zurückgestellt, Angestellten, die sich bei Marks & Spencer in ewiger Sicherheit wähnten, wurde gekündigt. Der einstige Familienbetrieb, immer den Modetrends einen Schritt voraus, war ins Hintertreffen geraten.
Neues Interesse an der Firma erwachte 2004 mit einem schliesslich versandeten Übernahmeantrag des jüdischen Warenhaus-Giganten Philip Green (Arcadia Group, vgl. Artikel in dieser Ausgabe). Offensichtlich brauchte es dieses Kaufinteresse, um Marks & Spencer aus seinem geschäftlichen Dornröschenschlaf herauszureissen. In den letzten fünf Jahren haben sich die Gewinnzahlen erholt, die Modekollektion ist segmentiert worden und die Lebensmittelabteilung verkauft vermehrt internationale Produkte. Nicht umsonst wurden die Marks und die Sieffs ob ihrer Verdienste für das Königreich in den britischen Adelstand erhoben.    ●


Eva Burke ist Journalistin und lebt in London.



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