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Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 12 Ausgabe: Nr. 12 » December 6, 2010

Aufbruch und Dynamik

Von Katja Behling, December 6, 2010
Von Paris aus startete der Siegeszug des Warenhauses – eine der einflussreichsten wirtschaftlichen, sozialen und architektonischen Innovationen des 19. Jahrhunderts. Jüdische Unternehmer gehören zu den erfolgreichsten Konzerngründern.
GALERIES LAFAYETTE IN PARIS Das weltberühmte Kaufhaus mit der Glaskuppel

In seinem auf dem Vorbild des ersten Pariser Warenhauses Le Bon Marché basierenden und 1930 verfilmten Roman «Au Bonheur des Dames» («Paradies der Damen») schilderte der französische Schriftsteller Émile Zola 1883 die revolutionären Organisationsprinzipien des Warenhauses. Zola beleuchtet das schwierige Schicksal der jungen Angestellten Denise und die Verdrängung der kleinen Ladenbesitzer, die mit den Grosskaufhäusern nicht mehr Schritt zu halten vermochten. Demgegenüber sieht Robert D. Tamilia, Professor für Marketing an der Universität Montreal, im Aufkommen der Institution Warenhaus rückblickend eines der «demokratischsten» gesellschaftlichen Phänomene überhaupt, ein Movens für Gleichstellung und Teilhabe: Im Kaufhaus war der Kunde, auch der sozial oder finanziell weniger gut gestellte, König. Und Frauen fanden dort nicht nur moderne Haushaltsgeräte zu einem erschwinglichen Preis. Ihnen eröffnete sich mit dem Kaufhaus eine boomende Branche, die Erwerbsmöglichkeiten im Einzelhandel bot – und ein öffentlicher Ort, an dem ohne Begleitung sich zu zeigen auch für eine Dame schicklich war.
Begonnen hatte der Aufstieg der Warenhäuser 1852, als der Einzelhändler Aristide-Jacques Boucicaut mit Le Bon Marché ein Konzept begründete, das weit über ein Jahrhundert lang beispiellos erfolgreich sein sollte. Le Bon Marché, Mitte des 19. Jahrhunderts das weltweit erste Warenhaus seiner Klasse, stand am Anfang einer Entwicklung, die Paris zur Hauptstadt der eleganten Kaufhäuser machte. Rasch folgten weitere wie die architektonischen Ikonen Galeries Lafayette oder das Printemps mit der gigantischen Art-Déco-Glaskuppel. Das 1904 eröffnete Art-Nouveau-Juwel La Samaritaine und eben Le Bon Marché wurden zu Wahrzeichen von Paris. Sie beeinflussten das tägliche Leben von Millionen von Menschen.



Boulevards und Magasins

1853 unternahm Baron Haussmann, Präfekt von Paris, eine radikale städtebauliche Umgestaltung von Paris. Parks, Bahnhöfe und Boulevards, Markthallen und elegante Kaufhäuser entstanden – die französische Metropole bekam ein völlig neues Gesicht. Paris prosperierte. Neben der urbanen Stadtverschönerung waren für das Reissbrettprojekt vor allem wirtschaftspolitische Notwendigkeiten ausschlaggebend: Die neue Infrastruktur als Taktgeber ermöglichte schnelle Transporte und beschleunigte die Zirkulation von Menschen und Waren. Und die Institution Kaufhaus erwies sich dabei als eine in sozialer, wirtschaftlicher sowie technischer Hinsicht umwälzende Neuerung mit internationaler Wirkungsmacht.  
Überdachte Einkaufspassagen – Ende des 20. Jahrhunderts wieder gross in Mode gekommen – kannten die Pariser schon zu Beginn des
19. Jahrhunderts. Die Lokalitäten in den Passagen wurden den Kaufleuten aber bald zu klein. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte ein visionärer Unternehmer das Konzept auf geniale Weise weiter: Aristide-Jacques Boucicaut. Er zog als Begleiter eines Hausierers durch Frankreich, bevor er als Verkäufer in einem Laden anfing. 1852 gründete Boucicaut sein eigenes Modewarengeschäft und knüpfte geschäftliche Kontakte in den USA. Boucicauts Pariser Geschäft florierte, und so entschloss er sich, einen Trend aus New York auch in Paris einzuführen. Er träumte davon, ein Haus für ein breites Sortiment an Konsumgütern zu errichten, das das Einkaufen von einer täglichen Pflicht zu einem Erlebnis für die Sinne machte; ein Haus, in dem der Kunde alles bekam, vom Bedarfsartikel bis zum Luxusgut. Ein grosser Entwurf: Einer der Architekten war Gustave Eiffel. Und gespart wurde an nichts: Der Besucher konnte im mit Marmor ausgekleideten Inneren nicht nur seine Einkäufe – sogar auf Kredit – tätigen und sich die Waren frei Haus liefern lassen, sondern auch einen Leseraum nutzen oder in einem Restaurant speisen. Erstmals konnten breitere Schichten der Bevölkerung solche und andere Serviceeinrichtungen geniessen – und Boucicauts Mitarbeiter Vorzüge wie Umsatzbeteiligung und Versicherungsschutz.
Innovation und Wohlstand
Im Jahre 1865 wurde ein Kaufhaus entworfen, dessen Name allein für Aufbruch, Dynamik und das Neue steht: Au Printemps. Im Frühling, so der Name des eleganten Grand Magasin, im Herzen der Stadt am Boulevard Haussmann gelegen, war eines der ersten Gebäude dort mit Elektrizität. Auch andere Techniken konnten sich dank der Kaufhaus-Welle rasch durchsetzen. So erforderten die Dimensionen der Gebäude den Einsatz innovativer Baumaterialien wie Glas. Zudem neue Heiz- und Klimaanlagen, moderne Beleuchtungskonzepte und Abfallmanagement, überdies Ausstattungsideen zur Steuerung der Kundenströme. Auch auf anderen Gebieten – von der Buchhaltung bis zur Werbung – sorgten die Kaufhäuser für einen revolutionären Innovationsschub. 
1893 eröffnete der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Théophile Bader gemeinsam mit seinem Cousin Alphonse Kahn in der Nähe des neuen Bahnhofs Gare Saint-Lazare ein kleines Wäschemodegeschäft, das sie im Jahr darauf Aux Galeries Lafayette nannten. Knapp 20 Jahre später kauften sie mehrere Gebäude am Boulevard Haussmann und eröffneten dort das weltberühmte Kaufhaus mit der Glaskuppel, Keimzelle der heutigen Unternehmensgruppe, die seit 1996 auch eine ausserordentlich erfolgreiche Filiale in Berlin-Mitte führt. Berlin hatte erst 1880 seine erste Passage erhalten, doch schon wenige Jahre später entstand das erste Warenhaus an der Spree: Das Wertheim setzte in der deutschen Hauptstadt mit seiner immensen Grösse, herausragenden Architektur und luxuriösen Gestaltung neue Massstäbe, die selbst die des französischen Vorbilds Le Bon Marché übertrafen. In Paris – und in Berlin – nahm so eine bis heute anhaltende Erfolgsgeschichte ihren Anfang.    ●


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.



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